Kultur : Warten auf die Bombe

Ian McEwan seziert den Alltag in Zeiten des Terrors – und tröstet uns mit dem großartigen Roman „Saturday“

Norbert Kron

„Der Terror rückt näher“, er ist „in unserer Mitte angelangt“: Mit solchen Überschriften artikulierte sich in den letzten zwei Wochen die Verstörung, die die Londoner Bombenanschläge bei uns ausgelöst haben. Ein Terror, der sich seine Opfer wahllos in der Zivilbevölkerung sucht, bedeutet eine existenzielle Erschütterung unseres Alltagslebens. Er macht uns hilflos, konfrontiert uns mit der Frage, wo wir Antworten oder Zuspruch beim Umgang mit der latenten Allgegenwärtigkeit des Terrors finden. Könnte das die Literatur sein?

Schon immer übte der Terrorismus Anziehung auf Autoren aus. Lange vor dem 11. September haben Schriftsteller in literarischen Versuchsanordnungen die Sprengung unserer entgötterten Warenwelt durch Terroristen durchgespielt. Don DeLillo nahm in seinem Roman „Spieler“ 1977 einen Anschlag auf die Wirtschaftswelt am World Trade Center vorweg. Bret Easton Ellis fantasierte in „Glamorama“ von einem Massenmassaker in der Mode-High-Society, und Henning Mankell machte in „Die fünfte Frau“ das Verbrechen islamistischer Extremisten zum Ausgangspunkt eines typischen Wallander-Falles.

Doch seit dem 11. September hat sich die Lage verändert: Dem einst symbolischen Spiel mit dem Terror steht eine konkretere und zugleich komplexere Realität des Terrors gegenüber. Gerade die Literatur – als langsames Medium – hat es schwer, mit jenem schlagartigen Realitätswandel klarzukommen, den sie lange als Menetekel beschwor.

Umso außerordentlicher ist die Koinzidenz, wenn nun zwei Wochen nach den Bombenanschlägen von London der Roman eines Londoner Autors erscheint, der uns hautnah in die verstörende Alltagsrealität nach dem 11. September hineinführt und mit peinigender Klarsicht die Geschehnisse von vor zwei Wochen vorhersagt: „London … wartet wie hundert andere Städte auf die Bombe. Die Rush-hour böte eine passende Gelegenheit.“ Dabei tat auch sein Verfasser sich schwer, sich nach einem historischen Liebesroman – mit dem er einen weltweiten Bestseller landete – der Gegenwart zuzuwenden. In einem Interview bekennt Ian McEwan: „Nach dem 11. September konnte ich lange nichts schreiben. Es fiel mir schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.“

Der 57-Jährige, der mit seinem letzten Buch „Abbitte“ auch hierzulande dem breiten Publikum bekannt wurde, hat nun mit „Saturday“ eine ebenso konzise wie epische Parabel für das existenzielle Unbehagen entworfen, das wir angesichts der Weltlage empfinden.

Im Mittelpunkt des Romans steht ein Prototyp unserer westlichen Welt, ein Wunderheiler des technischen Zeitalters: der Neurochirurg Henry Perowne, der mit seiner medizinischen Kunst tagein, tagaus Menschenleben rettet. Der glückliche Ehemann und zweifache Vater ist ein Wissenschaftsgläubiger vor dem Herrn, der mit musischen Betätigungen – wie der Literatur, der sich seine Tochter verschrieben hat – nichts am Hut hat. Seine Geschichte, die genau 24 Stunden umspannt, beginnt in den frühen Morgenstunden des 15. Februar 2003, an einem Samstag, der in die Geschichte Londons als Datum der größten Anti-Irakkriegs-Demonstration eingehen wird. Perowne, in der Frage der Irakpolitik unentschieden, kann an diesem Morgen nicht mehr schlafen, weil „es der Zustand der Welt ist, der ihn am meisten beunruhigt“.

Im Kern des Romans, eingebettet in den breit geschilderten Strom der Alltagsereignisse, verbirgt sich ein kleines, geradezu antikes Drama, das die Zelle allen menschlichen Konflikts abbildet. Nach einem morgendlichen Liebesakt mit seiner Frau fährt Henry Perowne voller Vorfreude zu seinem wöchentlichen Squashspiel und tuschiert dabei in einer Seitenstraße einen ausscherenden Wagen. Dass der Unfall in einer polizeilich abgesperrten Zone geschieht, weist darauf hin, dass das kleine Malheur durch keine menschliche Ordnungskraft zu schlichten ist. In diesem Raum außerhalb des Gesetzes wird Perowne mit dem Gesetz der Straße konfrontiert, das nach den Regeln des biologischen Überlebenskampfes funktioniert und sich ihm in Person eines Rowdies namens Baxter in den Weg stellt. Baxter, ein Mann mit „Primatenmaul“, agiert nach der Logik eines verwundeten Tiers. Weil er, der Schläger, an einer unheilbaren, „neurodegenerativen Krankheit“ leidet, hat er in der Welt nichts mehr zu verlieren und ist allzeit gewaltbereit. Auch wenn Perowne keine Schuld an dem Unfall trifft, kann er sich nur durch einen Bluff aus der Affaire ziehen, indem er Baxter mit seinem überlegenen medizinischen Sachverstand überlistet.

Mag Perowne zunächst die Flucht vor der Verstrickung in die Außenwelt gelingen, mag er wieder den allwöchentlichen Samstagsbeschäftigungen nachgehen, Squash spielen, seine demente Mutter besuchen oder dem Blues-Konzert seines Sohnes folgen: Es ist klar, dass er dem Konflikt, den er mit angezettelt hat, nicht entkommen kann. Genau wie im Hintergrund immer wieder die Fernsehnachrichten zu sehen sind und von jener ebenso unwirklichen wie bedrohlichen Parallelwelt künden, auf die die gleichzeitig stattfindende Anti-Kriegs-Demonstration hinweist, so tickt dort draußen irgendwo die neurobiologische Bombe, die Baxter heißt – eine Bombe, die im Privatleben Perownes explodieren wird.

Es zeugt von höchster literarischer Meisterschaft, wie Ian McEwan das Gefühl ständiger Bedrohung wachhält, indem er es in der überausführlichen Schilderung der Alltagserlebnisse bis unter die Wahrnehmungsschwelle absenkt. So wie James Joyce in seinem „Ulysses“ einen einzigen Tag zum endlosen Bewusstseinsstrom dehnte, verwandelt McEwan Perownes Alltagswahrnehmung in eine permanente Aufrasterung der Wirklichkeit mithilfe seiner wissenschaftlichen Begrifflichkeit. Dieser neurochirurgische Hyper-Realismus, der alles Geschehen in analytischer Zeitlupe schildert, gibt seine poetische Methode nirgendwo genauer zu erkennen als in dem unwiderstehlichen Squash-Kapitel, das McEwan auf 25 Seiten zu einer Spiegelung der ganzen Romanhandlung macht. Das Squash-Spiel, jener Schlagabtausch im Käfig, wird zum Bild eines darwinistischen „survival of the fittest“, bei dem „nur der unbezähmbare Wunsch zu gewinnen da ist, so biologisch wie der Durst“. Ian McEwan führt Perowne und seinen Kollegen wie zwei Labormäuse vor, die sich als exemplarische Vertreter der Spezies Mensch den Ball in sinnloser Unerbittlichkeit um die Ohren hauen, als kämpfe bei diesem Freizeitspiel jeder um sein Leben.

Das große Finale, der Showdown, den der Wiederauftritt Baxters einläutet – er steigert die Romanspannung bis zur Atemlosigkeit und wird zum Moment der Katharsis. Und er gibt in einer überraschenden Wendung der Literatur handlungsentscheidendes Gewicht, jener Kraft, die Perowne für verzichtbar in der modernen Welt hielt – und die doch zum eigentlichen Heilmittel wird, das zur verblüffenden Zähmung des Tieres Baxters dient. Hierbei erweist der Roman seine utopische, sogar komische, tief anrührende Seite. Und er gibt auch seinem Helden Henry Perowne die Gelegenheit, über den technischen Humanismus seiner Heilkunst hinaus eine menschlich-moralische Lehre zu ziehen. Der elementaren, biologischen Logik der Vergeltung setzt Perowne am Ende das Gefühl der Vergebung entgegen. „Die Sache muss fallen gelassen werden“, denkt er über den Konflikt mit Baxter: „Genug der Rache.“

„Saturday“ ist das neue Meisterwerk eines der größten angelsächsischen Autoren unserer Tage. Ganz im Hier und Jetzt, mit der gleichsam neurochirurgischen Präzision seiner Sprachkunst, führt McEwan uns die eigene Existenz angesichts der ungreifbaren Terrordrohung vor Augen. So wie Perowne um seine Mitverantwortung weiß und im Konflikt mit Baxter schuldlos schuldig wird, sind wir alle ohne unser direktes Zutun in den Weltenkonflikt verstrickt, der unsere Gegenwart bestimmt. Da wir in dieser Welt leben, müssen wir uns unserer Mitverantwortung stellen. Dass die Literatur uns in dieser Situation Zuspruch spenden kann, beweist dieser Roman.


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Ian McEwan: „Saturday“. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes, Zürich 2005. 400 Seiten, 19,90 €.

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