Kultur : Warten auf die Gans

Im Geiste Becketts: Mozart-„Fragmente“ an der Deutschen Oper Berlin

Sybill Mahlke

Ein klingendes Haus und lautlose Leere: Das Erzählte ist bruchstückhaft wie die Musik, und die Körper auf der Szene scheinen leidenschaftslos, Eingeschlossene, die der Versenkung anheim gefallen sind, Kletterer und Besiegte.

Ein kühnes Geistesprodukt trifft in der Deutschen Oper Berlin auf gespannte Erwartung: „Wolfgang Amadé Mozart/Fragmente/ Ein Memento zu L’OCA DEL CAIRO“, das Regisseur Roland Schwab und Dramaturg Christian Baier sich ausgedacht haben. Zu einer unvollendeten Oper, die kein Abfall ist.

Wohlgefällige Töne von Quartetten und Quintetten oder auch eine mutig wandelnde Sologeigerin empfangen den Besucher in den Foyers: Kammermusik aus Skizzen, Entwürfen, Fragment eines Tanzes, hübsch mozartisch das alles.

Verblüffung löst daraufhin die Bühne aus, weil sie die Nachtseite des Vergessens zum Thema hat. Der Regisseur imaginiert, dass Fragmente – wie eben auch jenes Opernbruchstück der „Gans von Kairo“ – lebende Kreaturen sein könnten, liegen gebliebene Figuren, die an diesem Abend darum kämpfen, gehört zu werden. Im Schweigen zugleich weiterzumachen und Sprache zu gewinnen.

Sehnsucht ist darin und eine sensible Nähe zu den Gestalten Samuel Becketts. Mozarts 250. Geburtstag, Becketts 100.: zwei Jubiläen des Jahres 2006, die in Schwabs Inszenierung zueinander geführt werden.

In Schächten, verlassen von der Theaterpraxis, weilen lemurenhaft die „Erfolglosen“ (vom Bewegungschor der Deutschen Oper heldenhaft artistisch dargestellt). Eine Szenerie des Verfalls, die das Gewesene im Verschleierten wachruft (Bühne und Kostüme: Karin Fritz).

Droben im Licht (der Hinterbühne) nehmen die „Erfolgreichen“ den Langzeitapplaus eines imaginären Langzeitpublikums entgegen: das Personal der „Zauberflöte“, prächtig ausstaffiert, klassisches Outfit, Königin der Nacht, drei Damen, Mohr, das Papapa-Pärchen, Sarastro etc. unverwechselbar für die Ewigkeit.

Dann vitalisieren die Akteure der unglücklichen ganshistorie ihre Erdenreste. Siamesisch verwachsen, mühen sich zwei Liebhaber, beide mit lyrisch schmeichelnder Tenorstimme (Yosep Kang und Clemens Bieber), um die Befreiung ihrer Mädchen aus der Gefangenschaft in einem Turm. Das Libretto sah vor, dass einer der Freunde die Festung listig in Gestalt einer Gans zu betreten hatte. Ein bisschen „Entführung“, ein bisschen Trojanisches Pferd.

Kein Gans-Auftritt ist komponiert. „Man sieht der Poesie des Hr. Varesco nur zu sehr die Eyle an!“, klagt Mozart in einem Brief an den Vater. Viel Sorge um die opera steht in der Korrespondenz, dagegen nur der eine berühmte Satz über den Tod des ersten Sohnes: „Wegen den armen dicken fetten und lieben Büberl ist uns beyden recht leid.“

Was von der Oper erhalten ist – Musik für das Buffopaar (Tina Scherer und Hyung-Wook Lee, deren Soli charmant auf das Ganze einstimmen), ein Quartett und ein Finale mit Chor –, haben die „Fragmente“-Schöpfer apart angereichert. Nämlich so, dass eine Aura des Verlusts über dem Experiment schwebt. Abgebrochene Klavierstückchen stehen dafür ein und deutsche Lieder in der italienischen Oper, besonders rührend die „Abendempfindung“, die der Seconda Donna (Marina Prudenskaja) zugeteilt ist. Die Erste Sängerin (mit empfindsamer Bravour: Erika Miklósa) erhält eine Komposition, die sich mit der „Felsenarie“ messen kann, Einlage für eine Oper von Anfossi. Der Bass, dessen Partnerin in der Partitur stumm geblieben ist, gebärdet sich als virtuoser Duodezfürst (Markus Brück).

Alle Sänger und Sängerinnen sind animiert bei der Sache, ebenso das Orchester mit seinen Solisten, das Johannes Debus, ein Schüler Johannes Kalitzkes, mit musikalischer Intelligenz dirigiert.

In der Mitte Slapstick-Komik: Die Gruftis versuchen, eine Brücke zur Bastei zu bauen. Am Ende als musikalisches Wagnis der Requiem-Introitus. Nach jedem Abbruch unvollendeter Musik mahnt der Klang eines Wassertropfens an die verlorene Zeit. Wenn Mozart bedauert, „Meine gemachte Musique liegt und schläft!“, so ist dieser Abend eine liebevolle Widerrede.

Weitere Vorstellungen am 18., 21. und 23. April

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