Kultur : Warten auf Godard

Dimiter Gotscheffs und Mark Lammerts „Chinesin“ an der Volksbühne

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Schon mal gar nicht einfach zu erklären, was die hier machen. Und was wir hier sehen. Was da passiert auf der Bühne und in den Köpfen. Es ist, möglichst einfach ausgedrückt, ein Spiel mit Farben und Filmen. Die Farben sind sehr präsent: Blau, Rot, Gelb, in den Kostümen, in Zeltbahnen, wie man sie am Strand zum Schutz gegen den Wind hat, und in großen Tüchern, die vom Bühnenhimmel herunterflattern. Die Filme aber sind bloß im Gedächtnis. „Die Chinesin – Eine Übermalung von Dimiter Gotscheff und Mark Lammert mit Texten aus anderen Filmen Jean-Luc Godards“.

Der Regisseur Gotscheff und der Bühnenbildner und Maler Lammert haben in den vergangenen Jahren wunderbar intelligente Theaterabende geschaffen, „Die Perser“ des Aischylos und andere antike Werkstücke. Von sehr weit her kommt nun auch Godards „Chinesin“ aus dem Jahr 1967. Revolution als Spiel. Mao-Lektüre als frühes Musikvideo. Die Nouvelle Vague als Pop-Art. Godards sprengstoffhaltige Collage wirkt heute ungeheuer beschwingt, ja fast naiv. Man könnte auch zu dem Schluss kommen, dass der französische Kinophilosoph sich über die studentische Bewegung lustig gemacht hat, bevor es auf den Straßen von Paris und Berlin richtig losging. Eine alte Geschichte: Die Revolte beginnt in der Kunst.

Nun lässt dieser Abend in der Volksbühne viel Zeit und Raum, über all diese Dinge nachzudenken. Und zu rätseln, woher die Texte stammen, die das Ensemble mit erheblichem Ernst vorträgt. Gotscheffs sonst so bestechende Sprödigkeit, die sprechende Leere – sie ist hier stumm. Und noch immer ist die Frage, was die Schauspieler hier versuchen, nicht beantwortet. Sie klärt sich auch nach knapp zwei Stunden nicht. Man blickt in ein Vakuum. Nichts bewegt sich.

Godards Beschäftigung mit der Malerei hat Lammert angezogen. In einem großen Aufsatz („Theater der Zeit“, April 2010) umkreist er das Phänomen der Farbe und Farbigkeit bei Brecht, Heiner Müller und dem Gottvater des europäischen Kinos. Man kann darüber schön und klug reflektieren, aber man muss aufpassen, dass das Theater am Ende nicht als Endlager der anderen Künste dasteht. Die Volksbühnen-„Chinesin“ verschwindet in der Abstraktion. Wolfram Koch erzählt am Ende die Geschichte von einem Menschenversuch, ein großes Thema im Zeitalter der französischen Aufklärung. Kinder wachsen ohne jede erwachsene Umgebung und Bildung auf, und statt dass sie sich in einer „Ursprache“ zu verständigen lernen, blöken sie wie die Schafe. Denn neben ihrem Gefängnis außerhalb der Zivilisation weidete eine Schafherde.

So geht es auch mit diesem Theaterexperiment. Die Schauspieler finden zu keiner Theatersprache, weil man sie mit Farblehren und Filmtheorien füttert. Diese „Chinesin“ erinnert – aus großer Entfernung – an Gotscheff-Arbeiten mit Texten von Müller oder Tschechow. Doch der Anker fehlt, der Widerstand und Halt, das Wort. Man kann auch in flachem Wasser ertrinken.

Wieder am heutigen Samstag sowie am 30. September und am 10., 16. Oktober.

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