Kultur : Warten auf Viagra

KERSTIN DECKER

Noch verschläft Eddies Genius seine Tage.Aber immer wenn man ihn weckt, er geradewegs zum Himmel aufsteigt, weiß er, daß er berufen ist.Zu viel Höherem, als hier in der Turnhose vorm Spiegel zu stehen, Karate zu üben neben dem Al-Pacino-Poster und sich von seiner vor Enttäuschung rasenden Mutter als Versager beschimpfen zu lassen.Versager, wie abwegig, Eddies 33 cm haben noch nie versagt.33 cm! Aber so was kann man Müttern ja nicht erklären, Frauen haben keinen Sinn für Größe.

Der junge Amerikaner Paul Thomas Anderson hat einen Film über Eddies - na los doch, aussprechen! - also über Eddies Schwanz gemacht.Der Film ist auch ungefähr genauso lang, rein proportional gesehen.Und sogar seine Leistung ist, wie viele finden, der Eddies durchaus vergleichbar, einfach überdurchschnittlich.Wie Scorsese oder Tarantino, sagen manche, absolute Potenz.Nur sind die Langen, wie soll man sagen, nicht manchmal ein bißchen langweilig? Die langen Filme? Anderson erzählt ja fast drei Stunden nur die Lebensgeschichte eines - einmal noch, einmal noch muß es gesagt sein - Schwanzes.Aber wie er das macht, ist in der Tat bemerkenswert.Wir bekommen den 33 cm-Star gar nicht zu Gesicht, erblicken nur immer die Begeisterung in den Gesichtern der Umstehenden."Vier, drei, zwei, eins, Klappe" - und alle (nur die Zuschauer nicht) sehen im selben Augenblick den kometenhaften Aufstieg des großen Unbekannten - nennen wir ihn den Herrn X.Erst ganz zum Schluß wird er in einer Szene, die Kritiker schon heute unvergänglich zu nennen sich entschlossen haben, leibhaft vor uns stehen - nein, stehen ist ganz falsch - er wird also vor uns hängen.

Eddie ist ein Porno-Star geworden! Beim ersten Blick auf Herrn X hat Porno-Produzent Burt Reynolds das erkannt und dafür im wirklichen Leben einen Golden Globe bekommen, der Oscar folgte dann doch nicht.Denn "Boogie Nights" beschreibt ja nicht nur den Lebenslauf des Herrn X, sondern auch den seiner neuen Porno-Familie: Roller-Girl, die es überall kann, bloß nicht ohne Rollschuhe, und Porno-Mama Amber Waves (Julianne Moore), die noch jeden Hauptdarsteller selbstlos eingearbeitet hat.Anderson möchte, daß auch wir bald richtig zur Familie gehören und läßt uns endlose Nachmittage mit Eddie, Roller-Girl und den anderen am Pool verbringen.Und die sind genau so, wie endlose Nachmittage am Pool immer sind."Boogie Nights" spielt (sehr überzeugend übrigens) in den Siebzigern, als der Porno-Film noch ein Kulturgut war.Zumindest im Selbstverständnis des Produzenten Jack Horner (Reynolds).Das Aus für den Porno als Kunstfilm aber kam mit der Erfindung des Videos.Jeder ist ein Künstler, ein Avantgardist, hatte Beuys leichtfertig gesagt (er kannte noch keine Videos), und darum dreht sich nun jeder seinen Porno selbst.Der Herr X aber gerät wie alle wahrhaften Künstler in eine furchtbare Schaffenskrise, kurz, er hängt nur noch rum, kriegt einfach keinen festen Stand mehr im Leben und wartet auf Viagra.

Lange Filme wie dieser enden meist irgendwie tragisch.Wer sich für das schon gestorbene reale Vorbild des Eddie Adams und die verständlichen Schwierigkeiten beim Casting sowie die moralische Bedenklichkeit von Filmen wie diesem interessiert, mag all das im aktuellen "Spiegel" nachlesen.Der vormalige Rapper Mark Wahlberg ist in der Tat eine ideale Besetzung, weil er außer den 33 cm fast nichts hat und in der Lage ist, das überzeugend darzustellen.Paul Thomas Anderson hat die Vergangenheit der amerikanischen Pornoindustrie wie eine große Familiensaga erzählt, in epischem Format, mit großen Kamerafahrten, voller Wärme und Tragik.Und er drehte ganz sicher die beste Lebensgeschichte eines - also los, noch ein letztes Mal - Schwanzes.Aber was will der Regisseur uns mit auf den Weg geben, was sollen wir lernen fürs weitere Leben? Auch die Standhaften, die rasanten Aufsteiger enden als kleine Würstchen.Das ist doch schon die ganze Tragödie des Daseins.Wir haben die Pornos nur immer falsch interpretiert.

Central, Colosseum, Filmpalast.FT Friedrichshain, Kant, Kosmos, Rollberg; Odeon und Olympia (OV)

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