Kultur : Warten, bis der Nebel kommt

Überwältigungskunst: der amerikanische Lichtmagier James Turrell im Kunstmuseum Wolfsburg

Christina Tilmann
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Hommage an Rothko. Tall Glass, 2007. Foto: Florian Holzherr, Häusler Contemporary, © James Turrell

Der Meister geruht erst nach Ausstellungsbesichtigung zu erscheinen, entspannt mit Rauschebart und braunen Slippern. Und hat nichts Wichtigeres zu tun, als über die Abschaffung der Glühbirne in Deutschland zu schimpfen – das neue Halogenlicht mache krank, sei schlecht und zudem noch umweltschädlich, weil es Quecksilber enthalte. „Stoppt das“, ruft er in den Raum. Die Bibelzitate, die spirituellen Sprüche kommen erst später, in den Interviews. Auf der Pressekonferenz gibt sich der Guru der amerikanischen Lichtkunst noch bodenständig.

Das Gewese nervt, das im Kunstmuseum Wolfsburg um den Auftritt des Künstlerstars James Turrell gemacht wird. Der kontemplativen Stimmung, der wachen Erforschung veränderter Bewusstseinswelten, dem Hineinhorchen in sich selbst, wie es die Turrell’sche Kunst eigentlich ermöglichen will, ist es außerdem abträglich. Plastikschuhe gibt’s vor dem Eingang, auf dass nur ja kein Stäublein die Lichtwelten störe, der Museumswächter unkt schon vor dem Betreten, man möge nur ja nicht in den Graben fallen, dann müsse der Krankenwagen kommen. Und auch im „Viewing Space“, wo laut Turrell die physische Macht des Lichts in absoluter Stille und Einsamkeit erfahrbar sein soll, warnt die Aufsicht besorgt: Bloß nicht zu nah an den Abgrund treten.

Es könnte ja zu Zwischenfällen kommen. In New York soll es Besucher gegeben haben, die sich mit Schwung in den wattig-warmen Lichtraum geworfen haben, in der trügerischen Erwartung, sie würden weich aufgefangen werden. Doch da war nur Leere und harter Boden. Eine andere Besucherin, die sich einmal versuchsweise an eine Turrell’sche Lichtwand lehnen wollte und dann unsanft auf dem Boden landete, hat den Künstler sogar jahrelang verklagt, erzählt dieser halb amüsiert, halb entnervt. Dabei sei seine Kunst doch so unaggressiv, so freundlich. Will bestimmt niemandem weh tun.

Eine Grenzerfahrung ist es gleichwohl. Nicht umsonst wurde man in Wolfsburg vorab gewarnt, nach zwanzig Minuten Aufenthalt in den Turrell’schen Lichtwelten beginne sich der Sichtnerv zu verändern. Körperkoordination, Gleichgewichtssinn und Zeitwahrnehmung würden gestört, nach längerem Aufenthalt könne man sogar das Sehvermögen verlieren. Die besorgte Frage der Pressesprecherin nach Besuch der Ausstellung: „Wie geht es Ihnen?“, hat durchaus etwas Spöttisches.

Auf also zum Selbstversuch, hinein in das Farbfeld, das sich da verführerisch rot, dann magenta, dann pink in der weißen Eingangswand auftut. Eine lange Rampe hinab geht der Weg, immer auf das Leuchten zu, den „Sensing Space“, der eine Fläche suggeriert und doch nur Luft und Licht ist, neblig wabernd. Da werden schon einmal die Knie weich und wacklig, auf diesem Weg in die farbige Tiefe, der eigentlich kaum zwanzig Meter misst, und das hat nicht nur etwas mit gestörtem Gleichgewichtssinn zu tun. Die Schwerkraft spürbar machen will der Pilot James Turrell und erzählt, wie viel Spaß es macht, durch Luftlöcher zu fliegen oder mitten hinein in den Nebel. Dem normalen Fluggast kippt da schon mal der Magen um.

Dass die Turrell’sche Deprivationstechnik, die aus der Gestaltpsychologie der Dreißigerjahre stammt und die dem Auge die Orientierungsmöglichkeit im Raum entzieht, indem sie einen homogenen, grenzenlosen Lichtraum entwirft, dass diese Technik auch für Parapsychologie eingesetzt wird, man glaubt es gern. Es könnte auch eine Foltermethode sein. Dem Leuchten entkommt man nicht, selbst wenn man die Augen schließt, glüht das Licht nach. Und am Ende, als man den Lichtraum verlassen hat, strahlt der ganze Vorraum grün. Nein, nein, alles ganz weiß hier, beruhigt der Museumswärter. Es ist das Nachwirken der Komplementärfarbe auf der Netzhaut.

Turrells Überwältigungskunst wird weltweit als Offenbarung gefeiert, als Erfahrung des Lichts als Materie, als elementare Kraft. Turrells Opus Magnum, der Roden Crater in einem erloschenen Vulkan in Arizona, ist zur Kunstpilgerstätte avanciert und für den Meister selbst immer noch ein work in progress. Unlängst stockten die Arbeiten, krisenbedingt, so dass der Eröffnungstermin 2012 wohl nicht zu halten sein wird. Doch erleben möchte er es noch, hofft der 66-Jährige. 2009 hat im argentinischen Colomé, auf Betreiben eines begeisterten Sammlers, das erste James-Turrell-Museum eröffnet. Noch in den unwahrscheinlichsten Museen wie dem Palazzo Fortuny in Venedig wird ein Turrell’scher Lichtraum zum Erlebnis.

In Wolfsburg, wo eine Allianz aus Volkswagenstiftung und der Firma Zumtobel, die auf Leuchtdioden spezialisiert ist, den ersten großen Museumsauftritt in Deutschland ermöglicht, ist alles noch einmal größer, bunter, überwältigender. 30000 Leuchtdioden, 65000 Helligkeitsdifferenzierungen, Millionen von Farbdifferenzierungen, Hightech mit philosophischem Anspruch. Es fehlt allerdings, anders als in Turrells „Sky Spaces“, der direkte Naturkontakt, die Offenheit gegenüber Himmel, Sonnenlicht, Atmosphäre. Stattdessen bietet die monumentale Halle des Kunstmuseums neben Modellen und früheren Arbeiten wie einem an Rothko orietierten „Tall Glass“ mit dem Ganzfeld-Piece „Bridget’s Bardo“ einen Erlebnisraum von 700 Quadratmetern, eine synthetische Grenzerfahrung. Künstliche Lichtwelten, deren Macht man sich kaum entziehen kann, und die gleichwohl eigentümlich kalt lassen. Auch wenn man am Ende, wenn man nur lang genug bleibt, mit einem leuchtenden Sonnenorange belohnt wird. Die Farbe war im Spektrum eigentlich nicht vorgesehen.

Kunstmuseum Wolfsburg, bis 5. April, Di 11 bis 20, Mi bis So 11 bis 18 Uhr. Der Katalog erscheint im November bei Hatje Cantz. Am heutigen Sonnabend um 17 Uhr hält James Turrell in der Berliner Akademie der Künste, Pariser Platz, einen Artist’s Talk mit Holger Liebs.

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