Kultur : Warten, bis der Russe kommt

Caroline Fetscher

Was war los in Berlin, in den guten alten Tagen mit James Last und Bob Dylan bis zu Nenas "99 Luftballons", dem musikalischen Low, dem Moment, als die Eltern fürchterlicherweise plötzlich die Musik der Kinder auf Kassette überspielt haben wollten? Was geschah, als der isolierte Luxuszustand durch den Mauerfall sein Ende fand, als die neue Ost-West-Stadt nach dem ersten Jubel ins Erschrecken darüber fiel, das die von drüben "genau so sind wie wir"? Vater und Sohn verkünden je ihre Sicht der Dinge, und Frank Lüdecke, Schauspieler und Kabarettist, führt sie beide vor, den kleinen Firmenvertreter und dessen Sohn (18 Semester Geschichte und Germanistik). Dabei verfährt Lüdecke so humorvoll wie schonungslos, so brilliant wie originell. Seine philosophisch-humoristische Tour de Force durch drei Jahrzehnte zeigt Berlin als Spiegel Deutschlands, seine Urteile und Vorurteile, Brücken und Brüche. Der "Kalte Krieg" - das war die Zeit, in der das Einkaufen nicht dem Essen diente, sondern dem Horten und Warten, "falls der Russe kommt". Der Abend führt bis in die Gegenwart, in der es "ziemlich komplex" wird, etwa wenn der Vater der kleinen Tochter nach dem 11. September Gut und Böse zu erklären versucht, bis sie schließlich den "Mann mit dem Bart" identifiziert hat, und ein paar Wochen drauf den Weihnachtsmann (mit Bart) verwirrend findet.

Frank Lüdeckes Texte sind sprachorientiert, ihr Wortwitz und ihre wagemutige Präsenz provozieren Gelächter, das sich an keiner Stelle dem Klamaukigen verdankt oder dem Vulgären. Auf die Details kommt es an, und die hat Lüdecke, ein Meister der Beobachtung, mit heiterer, melancholischer und gedankenreicher Akribie studiert - lebensmusikalisch scheint hier das richtige Wort.

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