Kultur : Wartesaal zum großen Glück

Chefsache: Andreas Homoki und Kirill Petrenko verjüngen „Jewgeni Onegin“ an der Komischen Oper

Jörg Königsdorf

In der Doppelfunktion Andreas Homokis an der Komischen Oper liegt ein tragischer Zielkonflikt: Je besser er als Intendant ist, umso mehr stellt er damit seine eigene Arbeit als Chefregisseur in Frage. Und Homoki, so viel steht fest, ist ein ausgezeichneter Intendant, ja ein Glücksfall für das Haus: Der Umbau der Komischen Oper zur modernen, wagemutigen Regiebühne schreitet unter seiner Leitung mächtig voran. Anders als viele Künstlerintendanten erkennt Homoki Qualität bei Kollegen neidlos an und hat es geschafft, heiß begehrte Regiestars wie Bieito, Kosky, Konwitschny und Neuenfels langfristig an die Komische Oper zu binden. Mittlerweile hat sich auch das Publikum neu sortiert: Es sind gerade die kontroversen Arbeiten, die die Besucherzahlen in die Höhe treiben, während bei braveren Produktionen wie Deckers „Albert Herring“ die Reihen leer bleiben.

Das ist das Spannungsfeld, das der Intendant Homoki dem Regisseur Homoki seit seiner letzten Arbeit am Haus vor anderthalb Jahren, einer harmlosen „Czardasfürstin“, geschaffen hat: In dieser Umgebung muss sich auch der neue „Jewgeni Onegin“ behaupten. Eine Herausforderung, die Homoki wohl bewusst ist. Man merkt, wie an dieser Arbeit gefeilt wurde, wie penibel hier jedem noch so leisen musikalischen Wellenschlag aus dem Orchester sein choreografisches Äquivalent auf der Bühne zugeordnet wird: ein heftiges Kopfnicken zum Sforzato hier, ein Fingerspitzenzittern zum Tremolo dort, jede Stimmung hat ihr eigenes Kunstlicht in allen Nuancen von zart bis hart (Licht: Franck Evin). Vom kunsthandwerklichen Standpunkt aus ist die Produktion tipptopp.

Wäre dieser „Onegin“ in Nürnberg, Cottbus oder Bern herausgekommen, hätte er vermutlich allseits lobende Kritiken gefunden. Doch an der Komischen Oper liegen die Dinge anders. Dem Intendanten Homoki ist es schließlich gelungen, in einer Zeit permanenten Gemäkels an den vermeintlichen Willkürakten des Regietheaters zu zeigen, was diese Art der Auseinandersetzung mit Musiktheater bedeuten kann: der Versuch, eine Stückwahrheit hervorzubringen, die unter der bloßen Spielhandlung und einer zur Konvention erstarrten Oberfläche verborgen liegt. Es geht darum zu zeigen, was uns diese Stücke heute angehen – im Vertrauen auf die Geltung der Musik jenseits des Illustrativ-Unterhaltsamen.

Womit das Problem bei „Onegin“ benannt ist: Homoki illustriert im Grunde statt zu inszenieren. Agil wie eh und je stürzt der Chor in einen großen Wartesaal voller Plastikschalensessel (Bühne: Hartmut Meyer), um gleich wieder hinauszulaufen. Das ist alles sehr trendy, mit schicker russischer Leuchtschrift und Kostümen, die Peter Tschaikowskis DandyDrama in der Gegenwart ansiedeln. Und doch sagt diese Anonymität der Schicksale wenig aus, mehr noch, sie raubt dem Stück seine zeitliche und räumliche Verankerung, ohne dadurch eine Tiefenschicht freizulegen. Tatjana liest nicht mehr, sondern versetzt sich über Kopfhörer in ihre Backfischtraumwelt. Das mag noch angehen (auch wenn der Ausstattungsetat offenbar keinen MP-3-Player, sondern nur einen alten Kassettenrekorder hergab). Aber warum singt der Chor nun seine russischen Erntelieder? Wem singt er sie? Und warum gerät die gouvernantige Dame, die da angesungen wird (Gertrud Ottenthal als Gutsbesitzerin Larina) darüber so aus der Fassung?

Permanent stößt man im Lauf des Abends auf solche Unstimmigkeiten, die freilich nur deswegen stören, weil Homoki ihnen nichts entgegensetzt. Lieber klammert er sich an die Spielhandlung: Tatjana, die Verträumte, ihre kesse Schwester Olga, Freund Lenski, der Schüchtern-Unbeholfene, und Onegin, der eitle Geck, sie alle werden zwar in flotte Klamotten gesteckt (Kostüme: Mechthild Seipel), ließen sich aber problemlos auch in Götz Friedrichs kreuzbrave Inszenierung an der Deutschen Oper verfrachten, ohne dort aufzufallen.

Wie wenig dieser Abend mit dem Anspruch der Komischen Oper auf ernst zu nehmendes Regietheater zu tun hat, zeigt symptomatisch die kleine Szene mit Monsieur Triquet, dem alten französischen Tanzmeister, der Tatjana auf ihrem Geburtstagsball eine Huldigung singt. Wo Tschaikowski durch eine karikierte, leiernde Romanze im Stil des 18. Jahrhunderts die verknöcherten Gesellschaftsideale vorführt, aus denen die Jungen – Tatjana, Lenski und auf seine Art auch Onegin – sich heraussehnen, setzt Homoki einen platten Gag: einen Franzosen, der mit Baskenmütze und Baguettestange unterm Arm daherspaziert und anschließend mit seinem Backwerk mächtig den Hintern versohlt bekommt. Komödienstadl.

Es ist jammerschade um diese Produktion. Denn die Sängerriege verkörpert geradezu das Darstellerideal der Komischen Oper – auch was die vorbildliche Textverständlichkeit angeht. Natürlich lassen sich luxuriösere Stimmen denken, ein Onegin mit weicherem Baritonpelz als der forsche Gabriel Suovanen, eine Tatjana mit satterem lyrischeren Timbre als Sinead Mulhern, ein Lenski mit strahlenderem lyrischen Schmelz, als ihn der schlanke Mozarttenor von Matthias Klink aufbringt. Und James Creswell gibt dem Fürsten Gremin, Tatjanas Gatten, die Ausstrahlung eines netten jungen Bankdirektors.

Doch gerade dieses so junge, ausgezeichnet aufeinander abgestimmte Ensemble kann zeigen, dass „Onegin“ eben auch von jungen Menschen handelt: Mulhern ist im ersten Akt ein echtes Bravo-Girlie und im dritten eine frustrierte Gattin, ihre Schwester Olga (Hilke Andersen) ein temperamentvoller junger Feger. Und in Onegin steckt eine gute Portion Rebellentum à la Marlon Brando oder James Dean. Ohne penetrante Überaktion käme das sicher noch besser zur Geltung.

Während Andreas Homoki einen „Jewgeni Onegin“ inszeniert, der für das Haus letztlich zu klein ist, dirigiert sein Chefdirigent Kirill Petrenko eine Oper, die diesen Rahmen fast sprengt. Petrenko ortet das emotionale Zentrum von Tschaikowskis Musik in den tiefen Streichern, gibt den Celli und Kontrabässen viel Gewicht, so dass ein fülliger, dunkel timbrierter Klang entsteht. Ein großer, machtvoll anschwellender Seelengesang, der Intensität erzeugt, ohne in der Schönheit verlangsamter Tempi zu ersterben, in dem die Sänger jedoch manchmal etwas klein wirken.

Einen berückenden Augenblick gibt es allerdings, in dem aufblitzt, was dieser Abend hätte werden können: Wenn Tatjana Onegin ihren Liebesbrief schreibt, treten aus dem Halbdunkel Frauen hinzu und verharren als schweigender Chor. Halb sehnsüchtig, halb neugierig beobachten sie das Geschehen und machen deutlich, dass es um mehr geht als um eine Teenager-Schwärmerei. Es ist immer auch das eigene Leben, gelebt oder ungelebt, das sich in dieser Musik spiegelt. Und das sie erst zum Leben erweckt.

Wieder am 27. und 31.Mai, am 15. und 20.Juni, 3. und 10.Juli.

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