Kultur : Warteschleife des Lebens

Zaghafter Protestgesang: Oliver Bukowskis „Kritische Masse“ in Hamburg

Katrin Ullmann
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Kritisch. Rauchen im Theater – bei Oliver Bukowski erwünscht. Foto: Marcus Brandt / dpa

Weltweite Finanzkrise, steigende Arbeitslosenzahlen und drohende Rezession: Das Hamburger Schauspielhaus will mit seinem Spielplan ganz nah dran sein und reagiert auf die allgemeine Krisenstimmung mit politischem (Volks)Theater. Nach Volker Löschs überzeugend agitatorischer Produktion „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“, die mittlerweile zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, probt Sebastian Nübling mit der Uraufführung von Oliver Bukowskis „Kritische Masse“ nun einen zweiten Aufstand, allerdings einen Zwergenaufstand.

Oliver Bukowski hat das Stück als Auftragswerk geschrieben, scheinbar passgenau am Puls der Zeit, ein „komödiantisch-tragisches Ausrufezeichen“ nennt es Intendant Friedrich Schirmer. 1961 in Cottbus geboren, studierte Bukowski Philosophie und reüssierte als basisorientierter Dramatiker mit einem Faible für Tragikomik und Lausitzer Mundart spätestens 1994 mit „Londn-L.Ä.-Lübbenau“, seinem mehrfach ausgezeichneten Stück über den Aufstieg und Fall einer kleinen „Getränke-Buttike“.

Nicht zufällig kommen Bukowskis Theaterfiguren – die Paschkes, Gretschkes und Steinkes – meist aus dem Osten und sprechen wie ihnen der (Ost)Schnabel gewachsen ist. Oft sind es Gescheiterte, Drop-outs, Versager. Natürlich zum Liebhaben, mit eigener Geschichte, Humor, Familie und ausreichend Verzweiflung. In „Kritische Masse“, Bukowskis jüngstem Stück, warten sich 15 Arbeitslose vor der Tür des Arbeitsamtes die Beine in den Bauch: Akademiker, Hauptschüler, Teenager, Drogensüchtige, Theaterautoren, Mütter und Söhne.

Für das Anfangsbild sortiert Sebastian Nübling die Zufallsgemeinschaft in ordentlichen Zweiergruppen. Schulklassenbrav stehen die 15 Loser auf Magda Willis leerer blauer Bühnenschräge – kein Plattenbau, kein Ämterbeton! – und blicken ins hell erleuchtete Parkett. Zu einem enervierenden Musikloop aus Vivaldis „Frühling“ ertragen sie in Jeanskleid, rosa Minirock, Unterhemd oder Jogginghose die wiederkehrende Warteschleife ihres Lebens. Heute dürfen sie nicht mal eine Nummer ziehen: Das Arbeitsamt ist vorübergehend geschlossen. Da hilft kein Warten mehr. Also feiern sie bald eine Party auf unterstem Ballermann-Niveau und überlegen dann und wann einen Aufstand in Form eines offenen Briefes oder Sitzstreiks: „Wir können langsam anfangen, uns zu wehren …“

„Kritische Masse“ ist ein chorisches Stück. Nur vereinzelt treten Figuren hervor und erzählen aus ihrem verwirrten, gescheiterten Leben. Marlen Diekhoff als Ethikdozentin Dr. Terre etwa hält einen wenig überraschenden Vortrag über ihren Blick auf die „Wer-will-der-kannschon-Gegenwart“. Die handfeste Lisa (Juliane Koren) wiederum wagt sich aus Angst vor Einsamkeit und fehlender Zugehörigkeit in die feiernde Egal-Meute, während Samuel Weiss sich als Majo-Hajo zielstrebig und bauchfrei in die Rolle des rampennahen Discohelden kalauert. Mit russischem Bikinimädchen (Lydia Stäubli), bunten Strohhalmen und plumpen Trinksprüchen animiert er die anderen zu Polonaise, Techno und Gesang. Bald entsteht ein schäbiges Gruppenbild mit Discoheld, das orientierungslos durch den Raum torkelt.

Etwaige Figurensympathie und Mitgefühl haben sich da schon längst verabschiedet – genauso wie einige clevere Premierenbesucher. Die Aufführung riecht nach Partysuff und verbrannten Würstchen, uralte Blondinenwitze, sinnfreies Gemeinschaftsrülpsen und freizügigen Partyrausch gibt''s gratis dazu. Wer interessiert sich da noch für das allzu tränenreiche Schicksal der alleinerziehenden, natürlich Kette rauchenden Teenagermama und späteren Kindsmörderin Jessica, auch wenn Jana Schulz sie spielt?

In Oliver Bukowskis Stück ist die Menge die Hauptfigur, jene kritische Masse, mit der – da sind sich Gesellschaftstheoretiker und Atomphysiker einig – ein bestimmter Schwellenwert überschritten werden kann, um eine Folgereaktion auszulösen. Dann wird aus einer effektiven Neutronenproduktion eine kernspaltende Kettenreaktion, aus einem harmlosen Revolutionsgedanken ein gruppendynamischer, gefährlicher Selbstgänger. Doch von Revolution oder Dynamik fehlt an diesem Abend jede Spur. Stattdessen inszeniert Nübling infantile Pappkartonspiele, basisdemokratische Endlosdiskussionen, Klischee gebeutelte Stereotypen, familiäres Versöhnungsgedusel, ein, zwei Suizide, ausreichend Betroffenheit und ganz am Ende einen zwar anschwellenden, aber fürchterlich zaghaften Protestgesang.

Weitere Aufführungstermine 25. Februar und 5. März.

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