Kultur : Warum die Intervention notwendig ist Ein Libyen-Appell von Hans Christoph Buch

Kürzlich war in der „FAZ“ zu lesen, Frankreichs Intellektuellenszene werde von Juden beherrscht, die, um sich mit den Arabern auszusöhnen, deutsche Autoren als nützliche Idioten benutzten. Mit ersteren waren Bernard-Henri Lévy und André Glucksmann gemeint, die angeblich einst Gaddafi zujubelten, mit letzteren Wolf Biermann, Peter Schneider und ich, die den in „Le Monde“ veröffentlichten, von Pascal Bruckner, Jane Birkin und Claude Lanzmann getragenen Aufruf zur Militärintervention in Libyen unterschrieben.

Abgesehen vom Beigeschmack des Antisemitismus, der aus den zitierten Sätzen spricht, ist daran nichts wahr. Gaddafi war kein Held der 68er und trat schon früh als Pate des Terroristen Carlos hervor. Zum Zeitpunkt des Attentats von Lockerbie oder der von Libyen gesponserten, mit Stasi-Hilfe gelegten Bombe in der Schöneberger Diskothek La Belle hatten Lévy und Glucksmann sich längst von ihrer maoistischen Vergangenheit distanziert und mit Sacharow, Solschenizyn und der Charta 77 solidarisiert. Das gilt auch für die deutschen Autoren. Seitdem sind Glucksmann und Co. nimmermüde Verteidiger von Rechtsstaat und Demokratie, was man von den deutschen Intellektuellen nicht sagen kann, die sich oft schwer tun mit der Verdammung von Menschenrechtsverletzungen und Diktatur. Ganz abgesehen von der Eleganz, mit der Meinungskämpfe jenseits des Rheins ausgefochten werden.

Und von der Schnelligkeit, mit der Taten folgten: Bernard-Henri Lévy telefonierte von Bengazi aus mit Sarkozy, der machte sich die Initiative der Intellektuellen zu eigen – obwohl Lévy und Glucksmann nicht seine Parteifreunde sind. Es ist beschämend, dass die Bundesrepublik sich mit Russland und China im Sicherheitsrat der Stimme enthielt, als seien westliche Werte eine quantité négligeable, die man mit Blick auf Landtagswahlen ad acta legen darf. Oder ist es die Erinnerung an Rommels Nordafrika-Feldzug, die das deutsche Zögern erklärt?

„Keiner von uns befürwortet den Einsatz von Bodentruppen in Libyen. Wir sind weder Militärexperten noch Diplomaten, und wir wissen nicht, welche Art der Intervention Erfolg verbürgt und das Risiko für Zivilisten und Soldaten minimiert.“ Diese Sätze aus dem Aufruf sind immer noch aktuell. Sind Gaddafis Truppen wirklich auf dem Rückzug? Ist die libysche Luftabwehr ausgeschaltet oder nur geschwächt? Wie viele Opfer hat die Niederschlagung des Aufstands bisher gefordert, mit welcher Härte geht die Armee des Tyrannen gegen die Zivilbevölkerung vor, und wie steht es mit durch Luftschläge verursachten „Kollateralschäden“ an Unbeteiligten?

Dass Details der Geheimhaltung unterliegen und ein Militäreinsatz dieser Größenordnung nicht in wenigen Tagen zu nachprüfbaren Erfolgen führt, überrascht kaum. Aber man fragt sich, was genau der von der UN-Resolution geforderte Schutz des libyschen Volkes beinhaltet, und ob der Sturz des Despoten oder dessen Ausschaltung legitime Ziele sind. Klar ist: Ohne Gaddafi und dessen Sohn Saif bräche die Tyrannei in sich zusammen, ähnlich wie in Ceaucescus Rumänien.

Libyen ist nicht Irak oder Afghanistan, ein langer Bodenkrieg wie gegen Al Qaida oder die Taliban nicht zu erwarten. Schlimmstenfalls könnte der Bürgerkrieg degenerieren zum Stammeskrieg, in dem es nur Verlierer gäbe. „Gaddafi ist ein Schurke“, schreibt der Hamburger Jurist Reinhard Merkel in der „FAZ“: „Aber die Annahme, die ihn bekämpfenden Rebellen seien eine Demokratiebewegung mit homogenen freiheitlichen Zielen, ist lebensblind.“ Nach dieser Logik müsste der Westen abwarten, bis die Spreu sich vom Weizen trennt. Und er dürfte auch den demokratischen Aufbruch der arabischen Jugend weder moralisch noch politisch unterstützen, obwohl kein Geringerer als Barack Obama die arabische Jugend in seiner Rede an der Kairoer Universität zu Reformen aufrief.

Von Hans Christoph Buch erschien zuletzt „Apokalypse Afrika – Schiffbruch mit Zuschauern“ (Eichborn).

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