Kultur : Warum fünf amerikanische Präsidenten wenig aus dem Watergate-Skandal gelernt haben

Jürgen Scheunemann

Seitdem Bob Woodward vor 25 Jahren den Watergate-Skandal aufdeckte, hat die Washington Post-Edelfeder in beeindruckender Regelmäßigkeit Enthüllungsreportagen vorgelegt und damit seinen Ruf als großer Mann des investigativen Journalismus gefestigt. Diesmal seziert er die Skandale und Affären der fünf Präsidenten nach Watergate - Gerald Ford, Jimmy Carter, Ronald Reagan, George Bush und Bill Clinton.

Leider scheitert Woodward dabei, wenn auch auf hohem Niveau. In den USA landete das Buch erwartungsgemäß auf den Bestsellerlisten. Der ganz große Erfolg blieb jedoch aus, und dies liegt vor allem an der Gewichtung: Etwa die Hälfte des Buches konzentriert sich auf die Lewinsky-Affäre, die hier noch einmal in exzessiver Detailliertheit - ganze Gespräche zwischen dem Präsidenten und seinen Beratern werden Wort für Wort wiedergegeben - vor dem Leser ausgebreitet wird. Die Akribie und Dramatik, mit der er die Affäre und das juristische wie politische Nachspiel vor dem Leser freilegt, ist zwar faszinierend in der Methode, aber langweilig im Inhalt, zumal er das öffentliche negative Bild der Clintons und des Sonderermittlers Kenneth Starr nur bestätigt.

Man hat dies alles schon einmal gelesen, wenn auch nicht so pointiert und elegant geschrieben. Wen interessiert das noch? Woodward wird zum Opfer seiner eigenen Berufung, denn der investigative Journalismus muss schnell und enthüllend sein - und auf der Jagd nach immer neuen Gesprächsfetzen hat sich Woodward gleichsam selbst überholt und ist zu spät gekommen. Es beweist auch, dass Woodward eher Journalist als Historiker oder Politikwissenschaftler ist: Es erstaunt schon das Maß, in dem hier die Analyse zu kurz kommt, obgleich Woodward einer der besten Analytiker politischen Zeitgeschehens in den USA ist. Leider hebt er seine Einsichten für seine Auftritte bei Larry King im Fernsehen auf.

Erstmals hat Woodward - eine Reaktion auf seine Kritiker, die manche seiner Quellen anzweifeln - Fußnoten in das Buch eingefügt und damit einen großen Teil seiner Informanten der Öffentlichkeit preisgegeben. Das beschert interessante Einsichten in die Arbeitsweise. Die Schlüsselinformanten für die Lewinsky-Affäre - Anwälte der ClintonSeite - bleiben freilich ungenannt und wurden nur durch andere Journalisten entlarvt.

Die großen Affären und Skandale der anderen Präsidenten lesen sich ebenso spannend wie die Clinton-Kapitel, wenngleich manche - etwa die Bert-Lance-Affäre bei Carter - eher politischen Sottisen gleichkommen und keinerlei politische Nachwirkungen haben. Selbst die Folgen der Irangate-Affäre des Ronald Reagan erscheint in der Rückschau merkwürdig blass und folgenlos. Auffallend sind die dagegen meist kläglichen Versuche aller Präsidenten, die Presse zu manipulieren, insbesondere ein gutes Verhältnis zu den führenden Tageszeitungen herzustellen. Manche der sehr persönlichen Begegnungen, die Woodward dabei im Weißen Haus hatte, gehören zu den lesenswertesten Passagen des Buches.

Was ist hängen geblieben am Präsidentenamt nach Watergate? Woodward kommt in einem kurzen Kapitel am Ende des Buches darauf zu sprechen und sagt, er hätte es nie für möglich gehalten, zu seinen Lebzeiten noch einmal ein Impeachment-Verfahren zu erleben. Und er spricht eine Empfehlung an künftige Präsidenten aus: Bei einem Skandal sollte man sofort die Fakten auf den Tisch legen, und, falls es zu einer Untersuchung kommt, von Anfang an kooperieren.

Doch seine Erkenntnis, dass die Präsidenten seit 1974 wenig dazugelernt hätten, ist keine ergreifende Einsicht. Die Lehre aus Watergate - und diese Erkenntnis fehlt bei Woodward - ist doch, dass dieser Vorfall einmalig geblieben ist, trotz aller anderen Affären, und dass das amerikanische politische System noch immer funktioniert. Dass das Präsidentenamt, ja, die seit Arthur Schlesinger Jr. so oft beschworene imperiale Präsidentschaft ein Produkt der Nixon-Ära war, denn dessen Nachfolger erscheinen in diesem Band eher dilettantisch und vor allem schwach.

Schließlich stellt sich die Frage nach der Relevanz der Affären: Watergate, in geringerem Maße auch Irangate und die LewinskyAffäre, sind nie entfernbare Flecken in der amerikanischen Politikgeschichte und haben das Präsidentenamt für die Zukunft geprägt. Auch die Irangate-Vertuschung bei Bush, die Lance-Affäre und der scheinheilige Moralismus bei Carter oder die Begnadigung von Nixon bei Ford? Wohl kaum.

Doch mit Blick auf den bevorstehenden Präsidentschaftswahlkampf lässt das Buch eine Prognose zu: Das heute selbst Amerikanern staubtrocken erscheinende Wiederaufkochen der Lewinsky-Affäre zeigt nur, dass eine der schärfsten Waffen im Wahlkampfarsenal beider Parteien - nämlich die schmutzigen Geheimnisse des jeweiligen Gegenkandidaten - nicht mehr wirkt. Die Republikaner werden sich darüber freuen: Ihr voraussichtlicher Kandidat George W. Bush ist ja für eine sehr bewegte Vergangenheit bekannt. Wenn er im November 2000 trotz zahlreicher Drogen-, Alkohol- und Frauengeschichten zum US-Präsidenten gewählt werden sollte, verdankt er dies seinem demokratischen Vorgänger. Und einer dann längst vergessenen Praktikantin.Bob Woodward: Shadow. Five Presidents and the Legacy of Watergate. Simon and Schuster, New York 1999. 592 Seiten. 27,50 Dollar.

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