Kultur : Warum hängen die Russen ihre Teppiche an die Wand?

Jens Mühling

In einem äußerst populären Sowjetfilm namens „Ironie des Schicksals“ verirrt sich ein betrunkener Moskauer nach Leningrad. In einer Straße, die genauso heißt wie seine eigene, findet er ein Haus, das genauso aussieht wie sein Haus in Moskau, und darin eine Wohnung, die genauso eingerichtet ist wie seine. Dort lebt allerdings schon jemand. Eine Frau. Die heiratet er am Ende.

Der Film ist so berühmt, weil er so wahr ist: Sowjetische Wohnungen ähnelten sich aufs Haar. Und zwar bis hin zu den Accessoires. Bis heute gibt es zum Beispiel jene Teppiche, deren Muster jedem Russen zwischen Kaliningrad und Wladiwostok vertraut ist: dunkelrot mit pseudo-orientalischen Ornamenten. Meist liegen sie nicht auf dem Boden, sondern hängen an der Wand. Warum, darüber besteht allerdings Uneinigkeit. „Damit im Winter die Kälte nicht durch die Plattenbauwände zieht“, sagen die einen. „Blödsinn“, widersprechen die anderen, „damit die Nachbarn nicht an den Wänden lauschen.“ Wieder andere finden’s „einfach nur schön“. Was mit Abstand die bizarrste aller Erklärungen ist.

Dann gibt es noch Menschen, die auf die Härte des Klimas verweisen, auf die schärfere Unterteilung der russischen Lebenswelt in „Draußen“ und „Drinnen“. Wenn die Welt bitterkalt und grau ist, sagen sie, dann muss das Heim umso wärmer und behaglicher sein. Deshalb bleiben Cafés mit riesigen Fenstern zur Straße für Russen exotischer Kulturimport aus Westeuropa. Die landestypische Gastronomie müht sich nämlich nach Kräften, das Draußen auszusperren: Cafés liegen vorzugsweise im Souterrain, die Fenster sind selbst im Hochsommer mit schweren Gardinen verhängt, und an den Wänden hängen jene wohlvertrauten Teppiche, die für die wintergeschundene Russenseele wohl eine Art Balsam sein müssen.

Eine weitere Erklärung greift tief in die Mottenkiste der Ethnopsychologie. Während nämlich in der deutschen Brust zwei Seelen wohnen (ach!), prallen in der russischen Seele zwei Kontinente aufeinander (autsch!). Asien gegen Europa, das geht nicht immer ohne Blessuren ab, lässt sich aber auch wunderbar zum eigenen Vorteil auslegen. So beteuern die Russen in der Regel ihre Zugehörigkeit zu Asien, sobald man ihnen die Einhaltung europäischer Werte abverlangt, können jedoch genauso lautstark versichern, sie seien Europäer, wenn sich das gerade lohnt. Diese Bigamie der Kontinente lässt sich selbst im Alltag beobachten, wenn so genannte Ewro-Remont-Kwartiry, also nach europäischem Standard renovierte Wohnungen, mit sowjetischen Wandteppichen dekoriert werden. Die stammen zwar nicht aus Asien, sondern aus zentralrussischen Textilkombinaten – aber asiatisch ist immerhin die Sitte, sie an die Wand zu hängen.

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