Kultur : Warum ist es am Rhein so schrill? Alexandra Sells Dokfilm „Durchfahrtsland“

Kerstin Decker

Ein Film über zwei Globalisierungsverweigerer. Genauer: die wichtigen deutschen Dörfer Rösberg und Emmerich, die durch eine innige uralte Feindschaft miteinander verbunden sind. Sie kennen Rösberg und Emmerich nicht?

Sehr leichtsinnig. Denn nicht nur, dass die Rösberger die Emmericher noch nie leiden konnten und umgekehrt – auch den meisten anderen menschlichen Ansiedlungen bringen sie aufrichtige Verachtung entgegen. Köln zum Beispiel ist das Allerletzte. Die Emmericher und die Rösberger müssen das wissen, denn sie sehen Köln den ganzen Tag. Sie können auf die Stadt hinunter gucken, von einer Bodendelle namens „Vorgebirge“.

Die Hamburgerin Alexandra Sell hat diese Kulturlandschaft so zart porträtiert, dass wir Rösberg und Emmerich nie wieder vergessen werden. Da sind also die gebirgslosen Vorgebirgler mit ihrer Abneigung gegen die Flussmenschen, die unten am Rhein wohnen. Einmal kam so eine Flussfamilie zu ihnen hinauf und versuchte, eine Pizzeria zu gründen. Das waren Giuseppe Scolaros Eltern, eigentlich Sizilianer. Für die Vorgebirgler waren sie dem Rhein zu nahe gekommen. Also haben sie die Pizzeria ausgehungert. Dann hat Giuseppe den Vorgebirgs-Spielmannszug „Klingendes Spiel“ gesehen. Fortan mussten seine Eltern jedes Jahr allein nach Sizilien fahren, denn Giuseppe reiste mit dem Spielmannszug nach Nebelschütz. Das liegt in der Niederlausitz, dicht an der polnischen Grenze – und ist die Ur-Heimat eines weiteren wichtigen Mitgliedes von „Klingendes Spiel“.

Alexandra Sell porträtiert das Fremde vor der Haustür, nah und fern zugleich. Auch den restlichen 246 eingetragenen Vereinen im Vorgebirge bringt sie die gebührende Aufmerksamkeit entgegen. Ein Jahr war sie in diesem skurrilen Stück Deutschland unterwegs, besuchte die Vorgebirgs-Krimiautorin im Eigenverlag Sophia Rey, die nach „Kiffer, Klunker und Kaffeetanten“ den Thriller „Der Hackebeilmörder aus dem Vorgebirge“ schrieb und zu deren Lesungen in ihrem Heimatdorf kein Mensch kommt. Pfarrer Dümmer hat es auch nicht leicht. Die Erzfeinde Rösberg und Emmerich müssen sich neuerdings einen Pfarrer teilen, weshalb der Kirchenmann bald seine Stimme verliert. Das ist psychosomatisch.

In immer engeren Kreisen umschließt Alexandra Sell diese Landschaft und die Menschen. Dieser Film ist nicht geschnitten; er ist kunstvoll gewebt. Und irgendwann, gegen Ende, geschieht das Unerhörte: Einige Rösberger und Emmericher wallfahren gemeinsam nach Lourdes. Das muss sie sein, die Globalisierung im Vorgebirge.

In Berlin in den Kinos Filmkunst 66, fsk am Oranienplatz und Hackesche Höfe

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben