Kultur : Warum läßt zuviel Fernsehen den Schauspieler verblöden, Herr Voss?

Gert Voss, Schauspielkünstler wird von Kritik und Publikum seit Jahren gefeiert wie kein anderer Darsteller der deutschsprachigen Szene.1941 in Shanghai geboren, gehörte er seit 1974 zum Peymann-Ensemble in Stuttgart, Bochum und Wien, spielte Gastrollen auch in Berlin, Hamburg und bei den Salzburger Festspielen.Von Film- und Fernsehen heftig umworben, gelten seine Auftritte in den Medien als Rarität.Heute und morgen ist Voss noch beim Berliner Theatertreffen als Titeldarsteller in Luc Bondys Inszenierung von "Figaro läßt sich scheiden" im Schiller-Theater zu sehen.Über den Abschied von Peymann, über den Beruf des Schauspielers und internationale Film-Projekte sprach Peter von Becker mit Gert Voss.

TAGESSPIEGEL: Gert Voss, vor einem Jahr wurden Sie auf dem Berliner Theatertreffen mit Becketts "Endspiel" bejubelt, eine Burgtheater-Produktion in der Regie von George Tabori.Jetzt gastieren Sie aus Wien wieder beim Theatertreffen, diesmal als Horvßths Figaro, als Gast des Josefstädter Theaters.Am Burgtheater wollten Sie eigentlich zu Taboris bevorstehendem 85.Geburtstag und zu seinem Abschied aus Wien mit ihm noch Becketts "Letztes Band" machen.

VOSS: Ich dachte, das sei eine schöne Idee.Auch ein persönliches Endspiel.Es ist nur ein Einpersonen-Stück, doch vom Burgtheater hörte ich, es sei aus Dispositionsgründen nicht zu machen.

TAGESSPIEGEL: Nun heißt es, daß Claus Peymann, Noch-Burgtheaterdirektor und demnächst Intendant des Berliner Ensembles, mit Ihnen nicht mehr spricht.

VOSS: Es gibt zur Zeit nur mittelbare Botschaften.

TAGESSPIEGEL: Warum?

VOSS: Weil ich mich ein wenig frech über ihn in einem Wiener Interview geäußert hatte.

TAGESSPIEGEL: Sie sind eigentlich kein "frecher" Typ.

VOSS: (lacht) Ich habe gesagt, daß die Gesamtbilanz der dreizehn Burgtheaterjahre Peymanns beispiellos positiv ist.Es ist ein Stück Theatergeschichte, an dem ich ja beteiligt war.Aber ich habe neben dem äußeren Erfolg erfahren, daß der menschliche Umgang im Inneren oft sehr hart war.

TAGESSPIEGEL: Sie sagten im Hinblick auf Peymanns Verkehrsformen: "Steinzeit mit Keule".

VOSS: Die Formulierung nehme ich zurück und sage nur sprichwörtlich: Wo gehobelt wird, da fallen Späne.

TAGESSPIEGEL: Steckt nicht in jedem radikalen Menschenfreund, den Claus Peymann auf der Bühne gerne vorführt, auch ein verborgener Menschenfeind?

VOSS: Soweit würde ich nicht gehen.Aber wer ein so riesiges Schiff wie das Burgtheater steuern will, muß bis zu einem gewissen Grad wahrscheinlich ein Kapitän Ahab oder ein Pirat Störtebeker sein.Beide sind mit ihrer Mannschaft nicht immer zimperlich umgegangen.Ich bewundere solches Freibeutertum und solche Verwegenheit auch.

TAGESSPIEGEL: Die Grabenkämpfe der Peymann-Gegner in Wien, auch in Teilen des angestammten Burg-Ensembles, wurden gleichfalls nicht zimperlich geführt.War der Hauptunterschied zu Ihren Peymann-Jahren noch in Stuttgart und Bochum, daß Sie in Wien nicht mehr unter sich waren, in der eigenen Theaterfamilie?

VOSS: Das Wort "Familie" halte ich hier für falsch.Das Theater ist doch eine Zweckgemeinschaft, während ich von Familie nur spreche, wenn sich Menschen lieben oder verwandtschaftlich eng verbunden sind.Im Theater wird ja niemand geschont.Wer dort schlecht ist, wird irgendwann eliminiert.Das Theater wird von den Theatermachern oft als Humanitätsideal verklärt - dabei herrscht dort ein durchaus brutales Leistungsprinzip.Wie in jedem Beruf.

TAGESSPIEGEL: Was ist im Rückblick auf Peymanns Burgtheater in Wien gelungen, was nicht?

VOSS: Peymann hat es phantastisch verstanden, in einer Zeit, wo die anderen Medien überall vordringen und viele das Theater schon totsagen, sein Theater noch immer nach außen zu behaupten und im Gespräch zu halten: durch seine leidenschaftliche Identifikation und natürlich durch einzelne Aufführungen, die ganz unverwechselbar großartig waren.

TAGESSPIEGEL: Welche sind Ihnen die liebsten gewesen?

VOSS: Ich will nicht eitel wirken, aber es sind mir natürlich die Arbeiten besonders nah, an denen ich selbst mitgewirkt habe.Zum Beispiel "Richard III." und "Ritter, Dene, Voss" von Thomas Bernhard unter Peymanns Regie oder mit Zadek "Der Kaufmann von Venedig" und "Ivanov", mit Tabori "Othello", "Goldberg-Variationen" und zuletzt das "Endspiel".

TAGESSPIEGEL: Peymann sieht sich selber vor allem als Förderer lebender Autoren.Von außen gesehen, spielten aber Uraufführungen seit Thomas Bernhards Tod in Wien keine so bestimmende Rolle mehr.

VOSS: Trotzdem hatten Autoren wie Handke, Turrini, Jelinek und Tabori am Burgtheater fast paradiesische Zustände.Peymann hat immer zu diesen Autoren gehalten und ihnen völlig vertraut - mit der selbstverständlichen Garantie, jedes ihrer Stücke an seinem Theater zu spielen.

TAGESSPIEGEL: Und was sind die Passiva dieser Bilanz?

VOSS: Für uns Schauspieler waren es, verglichen mit den kleineren, homogeneren Theatern in Stuttgart und Bochum, die Kämpfe untereinander und die Isolation der einzelnen Produktionen.Man ist im Burgtheater jedesmal wie auf einem abgetrennten eigenen Planeten, ohne Zusammenhang im Inneren.Peymanns Arbeit in Wien wurde sehr stark durch Polarisierungen bestimmt.

TAGESSPIEGEL: Warum gehen Sie mit ihm nun nicht mehr mit nach Berlin?

VOSS: Ich kenne Claus Peymanns ästhetische Kategorien, seine Art der Arbeit seit 25 Jahren, so daß ich in Sorge wäre, nur auf einem eingefahrenen Gleis weiterzufahren.Im Augenblick gibt es auch, was Rollen und Regisseure angeht, kein erkennbares Angebot.Vielleicht sehe ich das in zwei Jahren, mit etwas Abstand, wieder ganz anders.Ich lasse mich durch neue Herausforderungen auch wieder neu verlocken.

TAGESSPIEGEL: Was verlockt Sie denn jetzt, in Wien zu bleiben?

VOSS: Es sollen hier ein paar Regisseure arbeiten, die mich reizen.Zadek, Bondy, Grüber, auch Andrea Breth.Dazu kommen Jüngere wie Martin Kusej oder Andreas Kriegenburg, mit denen ich mich gerne mal auseinandersetzen möchte.Über Regisseure und Schauspieler, die mit Peymann in Berlin arbeiten werden, habe ich bisher kaum etwas gehört.Man weiß noch nicht einmal, ob der Dramaturg Hermann Beil mitkommt.Ich bin immerhin zwei Spielzeiten am BE und an der Schaubühne gewesen und würde in einer interessanten Konstellation durchaus wieder an einem Berliner Theater arbeiten.Ich habe nichts gegen Berlin - die Stadt ist ja mindestens so problematisch wie Wien! (lacht).

TAGESSPIEGEL: Sie spielen jetzt, nach langer Abstinenz, auch gelegentlich im Kino und Fernsehen.Vor einiger Zeit wurde Ihnen für eine deutsche TV-Verfilmung des Lebens von Axel Springer die Hauptrolle angeboten.

VOSS: Die Figur Axel Springer reizt mich, in all ihren Ambivalenzen und Widersprüchen.Er war ein Freund Willy Brandts, dessen Ostpolitik seine Zeitungen zugleich bekämpften, er war der engagierte Freund Israels, wurde aber von den deutschen Linken als Rechter geschmäht.Er oszillierte zwischen missionarischer Religiosität und verlegerischer Realpolitik, ein Verführer und ein Gläubiger.Dem ist nicht leicht gerecht zu werden, wenn man ihn nicht eindimensional vorführen will.Ich hasse es, wenn im Film oder auf dem Theater Figuren nur abgeurteilt werden und nicht auch ein Geheimnis bleibt, über die Vorstellung hinaus.

TAGESSPIEGEL: Der Film, der schon letztes Jahr gedreht werden sollte, ist nun verschoben?

VOSS: Ja, man wechselte den Regisseur und den Drehbuchautor.Jetzt warte ich ab.

TAGESSPIEGEL: Demnächst aber sieht man Sie in einer französisch-internationalen Ko-Produktion: dem zweiteiligen Fernsehfilm "Balzac", neben Gérard Depardieu als Titelheld und Stars wie Jeanne Moreau und Fanny Ardant.Sie spielen darin Balzacs Freund und Schriftstellerkollegen Victor Hugo.Das verblüfft.Es wirkt fast so, wie wenn in einem Goethe-Film mit Götz George ein Franzose oder Engländer den Schiller spielen würde.

VOSS: Die Franzosen hatten mich in Axel Cortis Verfilmung des "Radetzkymarsch" gesehen.Daraufhin ließen sie bei meiner Agentin anfragen, ob ich in einem Film über das Leben Balzacs den Victor Hugo spielen wolle - darum ist der Vergleich GoetheSchiller ganz triftig.Ich dachte auch: Haben die Franzosen keinen eigenen Victor Hugo! Meine Frau las dann mit mir das Drehbuch, weil ich des Französischen kaum mächtig bin.Die Rolle war schön, und wir fragten, ob ich das nicht auf deutsch oder wenigstens englisch drehen könne.Aber Victor Hugo in einer anderen Sprache hätten die Franzosen als Kulturskandal empfunden.Man hätte es auch bei den Großaufnahmen bemerkt.

TAGESSPIEGEL: Und dann?

VOSS: Es ist keine Rolle mit modernem Small talk.Hugo hat große, feurige Redepassagen mit ausladend farbiger Sprache, die man von innen her in einen entsprechenden Gestus übersetzen muß.Mit punktgenauen Tempiwechseln.Das schien mir in einer fremden Sprache völlig unmöglich.Und dann traf ich in Paris die Regisseurin Josée Dayan, eine lustige kleine Person in Jeans mit einer Havanna, die in Frankreich jetzt Riesenfilme dreht.Sie sagte nur: Ich will Sie.Wir bieten Ihnen jede Hilfe, Ihre Frau spricht fließend Französisch, die engagieren wir als Ihren Coach!

TAGESSPIEGEL: Häufige Versprecher und Irrtümer im Bewegungsablauf hätten beim Drehen einer Millionen-Produktion einigen Ärger machen können.

VOSS: Es war ein Risiko, und mir brach vorher öfter der Angstschweiß aus.Ich habe nicht nur mit wortwörtlicher Übersetzung meinen französischen Text gebimst, sondern auch alles, was die wechselnden Partner mir sagen, um dann punktgenau reagieren zu können.So wurde es eine Riesenrolle, ich habe die anderen für mich gleichsam noch mitgespielt.

TAGESSPIEGEL: Der internationale Akteur als multiple Persönlichkeit.

VOSS: Es bedeutet auch eine kindliche Lust.Ich sagte mir, jetzt bist du ein Franzose und kannst mal was mit einem Brio hinfeuern, was man sich deutsch kaum trauen würde.Aber dann passierte gleich am ersten Drehtag etwas Merkwürdiges.Ich sollte in einem alten Schloß bei Tours spielen, wie Victor Hugo während der Uraufführung eines seiner Stücke im Foyer des Theaters seinem Dramatikerfreund Eugène Sue auf einer großen Treppe voller Aufregung entgegenrennt, ihn fragt, wie es drinnen im Theater läuft, dabei reden wir im Raufgehen auf der Schloßtreppe und verlangen oben sogleich Champagner - das alles mit viel Text in einem einzigen Take aufgenommen.Ich habe das durchgespielt, es gab dann Beifall auf dem Set, auch Depardieu war gekommen, um zu sehen, wie ich denn so bin, und er stand oben und hob lachend den Daumen.

TAGESSPIEGEL Was war daran merkwürdig?

VOSS: Ich hatte meinen Partner, das war Sergio Rubini, den man aus Fellinis "Intervista" kennt, überhaupt nicht verstanden.Ich dachte, der spricht sein Französisch so sonderbar schnell, das klingt ja phantastisch.Hinterher fragte ich ihn, ob ich mal in sein Script schauen dürfe.Da sah ich, daß sein ganzer Text in Italienisch war!

TAGESSPIEGEL: Rubini durfte das?

VOSS: Ja, weil dieser Sue nur eine Nebenrolle ist und sein Lippenspiel nicht so groß ins Bild kommt.

TAGESSPIEGEL: Wie war das Zusammenspiel mit Depardieu?

VOSS: Wunderbar.Er ist ein ungemein amüsanter Kollege, ein geborener Clown.Aber er improvisiert viel, verändert seinen Text, läßt etwas weg - und ich mußte irgendwie reagieren.Dagegen ist Jeanne Moreau eine ganz ruhige, präzise Schauspielerin, die mir auch, auf englisch, viele Tips gab.Im Grunde aber haben wir meistens übers Theater gesprochen.Auch Fanny Ardants Leidenschaft ist das Theater.Das ist ganz anders als in Deutschland.

TAGESSPIEGEL: Hier sind Sie doch als Theaterschauspieler viel bekannter.

VOSS: Aber im Fernsehen und im Film gibt es immer mehr vor allem jüngere Kollegen, die überhaupt keine Ahnung mehr vom Theater haben.Was ich ganz schrecklich finde.Die großen französischen Schauspieler, und das gilt, wie ich höre, auch für die Amerikaner, für Brando, Harvey Keitel, Al Pacino oder Meryl Streep, die wissen ganz genau, daß die Wurzeln unserer Kreativität im Theater liegen.Wer nur Film und Fernsehen macht, verblödet doch! Im Film ist so viel nur Technik, nur Präsenz für den Augenblick, ohne durchgängige Entfaltung der schauspielerischen Phantasie.

TAGESSPIEGEL: Nabokov sagte, die Phantasie ist der Muskel der Seele.Man muß ihn täglich trainieren.

VOSS: Ein wunderbarer Satz.Und nur im Theater kann man in der durchdringenden Auseinandersetzung mit literarischen Texten unter dem gesprochenen Wort noch die verborgenen Texte und Welten erfinden.Ohne Theater fehlt dem Schauspieler tatsächlich das Training für seine Phantasie.

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