Kultur : Warum liebt mein Volk mich nicht?

Porträt einer Einsamen: Helen Mirren ist „Die Queen“ in Stephen Frears’ königlicher Psychostudie

Christina Tilmann

Die Queen weint nicht. Ehernes Gesetz. Sie lacht auch nicht. „Ich bin erzogen worden, Gefühle für mich zu behalten.“ Was aber, wenn die ganze Welt weint und nach Gefühlen schreit und sich nicht mehr um Erziehung und Haltung schert? „Meine Untertanen dürfen Haltung von mir erwarten“, sagt die Queen. Doch sie erwarten etwas anderes.

Es sind die Tage unmittelbar nach dem Unfalltod von Princess Diana in der Nacht zum 1. September 1997. Vor dem Buckingham Palast wachsen die Blumenberge, die königliche Familie hat sich in der Abgeschiedenheit von Schloss Balmoral verschanzt und verweigert jede Stellungnahme. Die „Prinzessin der Herzen“ und die „Königin ohne Herz“ – das ist ein gefundenes Fressen für die britischen Medien. „Die Medien haben Diana ermordet“, klagt ihr Bruder, der Earl of Spencer. „Er hat sich den falschen Sündenbock gewählt“, urteilt ein zynischer Berater von Tony Blair. Doch das Volk (und die Medien) finden rasch einen anderen. Es ist die Queen.

In Stephen Frears’ Film sitzt Her Royal Highness im Regen mitten in der schottischen Hochebene. Ihr Mann, Prince Philip (wie immer knöchern-gut: James Cromwell), ist mit den Prinzen William und Harry auf Jagd gegangen, es gilt einen Vierzehnender zu erlegen, die Knaben sollen vom Tod der Mutter abgelenkt werden, und man wird doch den Verdacht nicht los, dass Prinz Philip hier nur seine Jagdlust befriedigt. Und derweil sitzt seine Frau, die einsame und von allen angefeindete Queen, mit Kopftuch und Gummistiefeln mitten in der Hochebene auf einem Stein, ihr Wagen hat einen Getriebeschaden, und Aug’ in Aug’ mit ihr steht der gejagte Vierzehnender, ein wunderbares Tier. Da lächelt die Queen, und wischt sich die Tränen, die niemand gesehen hat bis auf den Bock, aus dem Gesicht. Die Queen weint nicht. Und wenn, dann um einen dem Tode geweihten Hirsch, doch nicht um die ungeliebte Schwiegertochter.

Eine Maske, mit zarten Sprüngen: Die britische Charakterschauspielerin und seit 2003 geadelte Dame Helen Mirren ist der Queen nicht nur physiognomisch höchst ähnlich, sondern spielt auch mit jener absolut britischen Würde und Contenance, die auch die Queen auszeichnet – man sollte, des extra antrainierten ultrabritischen Akzents wegen, unbedingt die Originalversion sehen. Schon zuvor hatte Mirren Queen Charlotte in Nicholas Hytners US-Posse „The Madness of King George“ gespielt, und zuletzt Elizabeth I. in einer britischen Fernsehproduktion. Auf dem Filmfest in Venedig 2006, wo „The Queen“ im Wettbewerb lief, bekam sie den Preis für die beste Hauptdarstellerin, und auch der längst verdiente Oscar ist nicht weit. Von ihr und nur von ihr lebt dieser Film.

Doch es wäre zu einfach, die Qualität von Frears’ außergewöhnlicher Psychostudie mit einer schlichten Menschwerdung zu erklären. Damit, dass eine steife, verbitterte Frau lernen muss, dass es Zeiten für Gefühle und Tränen gibt, und auch Zeiten, in denen Nachgeben heroischer ist als Beharren. Denn die Queen ist nicht nur ein eiserner Soldat, der Gefühle nicht kennt. Sie gehorcht einem jahrhundertealten Sittenkodex: Privates bleibt privat, und das britische Volk hat ein Recht darauf, dass die Royals sich daran halten. Nur dass Lady Di mit ihrer unglücklichen Ehe, ihrer Bulimie, ihren öffentlichen Auftritten und ihrer Liebschaft diesen Kodex schon längst aufgekündigt hatte, und nicht nur sie, sondern auch ihre Schwägerin Sarah Ferguson, Elizabeth’ Schwester Margaret und schon Edward VIII., der 1936 aus Liebe zu der geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson auf den Thron verzichtet hatte. Zurückhaltung gegenüber der Öffentlichkeit war nie Sache der Royals, sie haben der Yellow Press von jeher ihr Futter geliefert. Soll sich keiner beschweren, wenn die Presse dann zubeißt.

Elizabeth II. kämpft also auf verlorenem Posten, Vertreterin einer vergangenen Zeit und ihrer Werte, eine bewusst und selbstbewusst Unzeitgemäße. Aber dass sie kämpft und wie sie kämpft, nötigt selbst ihrem Labour-Gegner Tony Blair (Michael Sheen), in dessen erste Amtsmonate die Diana-Tragödie fällt, Respekt, ja Achtung ab. Und so sind es vor allem das anfängliche Kräftemessen und die ganz sachte Annäherung dieser beiden so unterschiedlichen Vollblutpolitiker, aus denen Stephen Frears’ Film seine Spannung bezieht. Wie aus einem linkischen, durchaus nicht royalistisch gesinnten Aufsteiger wie Blair, der beim Antrittsbesuch in Buckingham Palace so ziemlich alles falsch macht, was er falsch machen kann, ein loyaler Staatsmann wird, der die Queen nicht zuletzt vor seinen eigenen Mitarbeitern (und seiner – höchst unvorteilhaft gezeichneten – Ehefrau Cherie) verteidigt. Und wie die Queen, die von ihrem Staatsverständnis her weit über ihrem Prime Minister steht, dann schließlich doch von diesem Rat und Tat annehmen muss. „Eine Demütigung“, sagt sie einmal, zwischendrin. Nein, eine Lektion in Demut. Am Ende wandern Blair und sie freundlich plaudernd durch den Park. Ein neues Zeitalter hat begonnen.

Sicher: Stephen Frears tut nicht viel mehr, als jene dramatische Woche im September 1997 nachzuerzählen. Er bedient auch den Kitzel der Innenperspektive, den Schlüssellochblick, von dem die Veröffentlichungen diverser Butler und anderer Angestellter des Buckingham Palace leben. Aber er zeichnet vor allem das liebevolle, respektvolle Bild einer Frau in einer Welt, die nicht mehr die ihre ist. Die Queen ist die wahre Heldin in dieser Tragödie. In dieser Hinsicht ist der als Altlinker nicht unbedingt royalistisch gesinnte Stephen Frears mindestens so loyal wie Tony Blair.

Ab dem morgigen Donnerstag in den Berliner Kinos Capitol, Cinema Paris, Cinemaxx Potsdamer Platz , Cinestar Tegel, Cinestar Sony-Center (OV), FT am Friedrichshain, Kulturbrauerei, Neues Off, Hackesche Höfe (OmU), Odeon (OmU)

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