Kultur : Warum sich auf Urgroßmutters Tellern rote Korallen ranken

PORZELLAN

Jens Hinrichsen

Orpheus mit seiner Leier: das antike Bildmotiv prangt auf einer Amphoren-Vase. Das um 1870 geschaffene Prunkstück diente auch dazu, die klassische Bildung seiner Besitzer zu dokumentieren. Zur Zierde wie zum Nutzen des Hauses , diese Ausstellung Berliner Porzellane vorwiegend des 19. Jahrhunderts verdankt sich dem Juristen Albrecht Schütze (1937-2001). Seine Biedermeierschränke in Schlachtensee waren voll von Kostbarkeiten aus „Weißem Gold“. Ein Schatz, den nun die Stiftung Stadtmuseum geerbt hat. Jetzt wird ein Teil dieses fast 700-teiligen Bestands im Ephraim-Palais zum ersten Mal öffentlich gezeigt (bis 12.10., Poststraße 16, Di-So 10-18 Uhr).

Zum größeren Teil sind die Stücke von der Königlichen Porzellanmanufaktur zu Berlin (KPM) gefertigt. Bis zum Rokoko reichen die Exponate zurück. Einiges unter den ausgestellten Déjeuners, Ziertellern, Figuren oder Bildplatten ist also direkt vom höfischen Stil geprägt, an dem sich dann der bürgerliche Geschmack orientierte. Die Verschiebungen innerhalb des Marktes bis hin zur Massenproduktion dokumentieren in der Ausstellung auch Stücke der Konkurrenz. Seit 1834 brachte die Moabiter Manufaktur F. A. Schumann die KPM massiv in Bedrängnis, weil sie flexibler auf den bürgerlichen Geschmack zu reagieren wusste. Zentrale Bedeutung kam dem Stil des „Zweiten Rokoko“ ab 1840 zu, mit üppigen Reliefstrukturen sowie verschwenderischen Gold- und Farbverzierungen. Die Königliche Porzellanmanufaktur zog nach: auf weißglänzendem Porzellan breiten sich die tiefroten Adern eines Korallenmusters aus.

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