Kultur : Warum sich die Stadtschreiberin von Rheinsberg mit einem Buch unbeliebt macht

Jana Simon

Inka Bach läuft unruhig in ihrer Wohnung hin und her, trägt Papiere von einem Zimmer zum anderen, macht Kaffee, schichtet Artikel um. Seit zwei Wochen ist ihr Leben hektisch geworden. Fernsehsender fragen an, Reporter sitzen in ihrer Küche in Schöneberg. Eben war der ORB am Telefon und bat um ein Interview. Inka Bach ist 43, Autorin, und hat ein Buch geschrieben über Rheinsberg in Brandenburg, über Rechtsradikale und ihre eigene Kindheit in der DDR. Jedes Thema einzeln hätte für ein Buch gereicht, und wahrscheinlich ist das das Problem. All dies zusammen bleibt an der Oberfläche und wird von der "Bild"-Zeitung als neues "Ärger-Buch" über den Osten tituliert. Plötzlich bekommt Bach böse Anrufe, muss sich rechtfertigen. "Seitdem habe ich so eine gewisse Schlaflosigkeit", sagt sie.

Das Buch liegt vor ihr auf dem Tisch, verdeckt von Papieren. Es heißt "Wir kennen die Fremde nicht". Sie hat es 1998 in Rheinsberg angefangen, als sie dort für fünf Monate als Stadtschreiberin arbeitete, und ein Jahr später in Berlin beendet. Von den fünf Monaten verbrachte sie drei wirklich in der Stadt, den Rest beobachtete sie von der Ferne aus, was ihr heute vorgeworfen wird. Darin stehen Sätze wie: "Meine erste Fahrt nach Rheinsberg hat mir eine Zwischenblutung beschert" oder "Leise reden, scheele Blicke zum Nachbarn, verschlossene Gesichter. Die Leute in Rheinsberg begegnen mir auch jetzt so, noch immer" oder "Der kahle Kopf des Skins lässt mich an einen Deo-Stift denken, mehr aber noch an einen Penis, ohne Vorhaut, mir entgegengereckt".

Peter Böthig ärgern solche Formulierungen. Er ist der Leiter der Kurt-Tucholsky-Gedenkstätte in Rheinsberg und hatte Inka Bach als Stadtschreiberin eingeladen. Böthig kommt in dem Buch vor, nach Bachs Antrittslesung im Juli 1998 wurde er von Jugendlichen verprügelt. Er fühlt sich heute von Bach "benutzt" und findet ihr Buch "anmaßend, eitel und ästhetisch furchtbar". "Sie hat sich nie auf Rheinsberg eingelassen", sagt er und vermutet, sie habe an den Erfolg von Luise Endlich anknüpfen wollen, der West-Autorin, die von Frankfurt / Oder nicht mehr viel übrig ließ. Inka Bach schüttelt den Kopf, etwas resigniert: "Ich kenne das Buch von der Endlich nicht." Sie nicht, aber ihr Verlag wahrscheinlich schon. Bach zitiert ihre Lektorin mit dem Satz: "Wenn dein Buch keine Kontroverse auslöst, dann haben wir etwas falsch gemacht."

Inka Bach hat lange braune Haare, ihre Bewegungen sind fließend, alles an ihr wirkt sanft. Um so erstaunlicher sind die drastischen Beschreibungen der Rechten in ihrem Buch. Sie vergleicht sie mit "lebenden Zeitbomben mit wölfischer Gesinnung" oder mit "brodelnden Vulkanen", die darauf warten, in all ihrer Gewalt auszubrechen. "In einem Tagebuch kann man sich schon mal heftig Luft machen", sagt sie. Sie hat Recht, aber dadurch fällt es schwer, die Dinge, die wahr sind in ihrem Buch, ernst zu nehmen.

Rheinsberg hat wie viele andere Orte in Brandenburg ein Problem mit Rechtsradikalen, es wird nicht gern darüber gesprochen, und auch der Graben zwischen der Hochkultur im Schloss und dem Rest der Kleinstadt ist bei Besuchen spürbar. Leider hat Bach sich nicht getraut, einen Rechtsradikalen oder wenigstens dessen Eltern anzusprechen. Die meiste Zeit ist sie auf der Suche nach den Rechten, weil ausgerechnet ihr sich keiner zeigen will. So ist das Buch das Protokoll einer Angst, einer Paranoia, von der man nicht genau weiß, woher sie rührt und warum sie so tief geht, dass sich Inka Bach in den ersten zwei Monaten ihrer Stadtschreiberzeit kaum nach Rheinsberg traute.

Die Autorin hat es geschafft, sich auf allen Seiten Feinde zu machen mit einem Thema, das durchaus diskussionswürdig ist. Sie greift ihre Stadtschreiberkollegen an, wirft ihnen vor, sie hätten sich als "Kleinstadtunterhalter" hergegeben. Ihren ehemaligen Arbeitgeber Peter Böthig beschreibt sie als zu distanziert und die Rheinsberger als totalitär indoktriniert, was zwangsweise zu Rechtradikalismus führen müsse. Ihr fehlen die Zwischentöne, die es möglich machen würden, sich ernsthaft mit ihren Thesen auseinander zu setzen. Die DDR beschreibt sie im Nachhinein als "Land der Benebelten". "Flucht in den Alkohol, Bier und Schnaps. Unbewusst, bewusstlos, dumpf, gewalttätig. Bier und Schnaps noch immer." Woher kommt diese Härte? Inka Bach schaut auf den Tisch. Minutenlanges Schweigen. "Das ist eine sehr persönliche Geschichte", sagt sie schließlich.

Mit 16 begleitete sie ihre Eltern bei der Flucht aus Ost-Berlin. In einem US-Transporter wurden sie nachts über den Grenzübergang Drei Linden gebracht. Es war eine traumatische Erfahrung. Im Westen angekommen, konnte sich Inka Bach jahrelang nicht einleben. Sie wollte nicht weg aus der DDR. Gleich nach der Flucht sei sie auch von ihren Eltern geflohen, sagt sie. Jahrelang war sie dann in der linken Szene engagiert, in der Studentenbewegung, später Hausbesetzerin und Kapitalismus-Kritikerin. Ihre DDR-Vergangenheit ist noch nicht vergangen, geschweige denn verarbeitet.

In Rheinsberg scheint "Wir kennen die Fremde nicht" bisher kaum wahrgenommen worden zu sein. Bürgermeister Manfred Richter hat von dem Buch aus der Presse erfahren und es bisher nicht gelesen. In der einzigen Buchhandlung der Stadt stand es entgegen anderer Behauptungen sogar zwei Wochen im Schaufenster. "Ein paar Exemplare haben wir verkauft", sagt der Verkäufer. "Das große Interesse ist aber ausgeblieben." Vielleicht regen sich am Ende nur die anderen, die Auswärtigen auf - wie der Literat Peter Brasch. Der hat einen offenen Brief an den Bürgermeister formuliert, in dem er ihm versichert, dass er auch in Zukunft gern nach Rheinsberg komme, "ungeachtet dessen, was noch an Schwachsinn darüber geschrieben wird". Inka Bach fühlt sich falsch verstanden und zu Unrecht angegriffen. "Vielleicht habe ich den Bogen überspannt", überlegt sie und fügt hinzu: "Aber ich dachte, man nimmt mir meinen offenen Ton ab."

Vor zwei Tagen sprach sie erstmals mit Peter Böthig persönlich über das Buch - in einer Hörfunksendung. Doch beide trennten sich im Streit. Ihre neunjährige Tochter hatte Böthig zuvor einen Brief geschrieben, in dem sie um Gnade für ihre Mutter bat: Die habe Reinsberg nicht blamieren, sondern über Rechtsradikale schreiben wollen, steht dort und: "Meiner Mama tut es sogar Leid um Reinsberg, das hat sie mir gesagt." Sie hatte den Brief an Bachs Lektorin geschickt. Böthig hat ihn bis heute nicht bekommen.

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