Kultur : Warum sind Sie manchmal ein Diktator, Señor Vargas Llosa?

MARKO MARTIN

Mario Vargas Llosa, aus Peru, gilt zusammen mit seinem politisch gegenteilig ausgerichteten Kollegen Gabriel García Márquez - als bedeutendster Schriftsteller der lateinamerikanischen Gegenwartsliteratur, der in Europa vor allem durch seine Romane wie "Tante Julia und der Kunstschreiber", "Das grüne Haus" oder "Maytas Geschichte" bekannt wurde.Am 28.März 1943 in Arequipa/Peru in einer großbürgerlichen Familie geboren, lebt Vargas Llosa in London und z.Zt.auch in Berlin.Er war Präsident des Internationalen PEN, peruanischer Präsidentschaftskandidat von 1990 und erhielt für sein umfangreiches Werk neben vielen anderen Auszeichnungen den Cervantes-Preis sowie 1996 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.Zu seinen Büchern gehören weiter "Die Stadt und die Hunde" (1962), "Lob der Stiefmutter" (1989) und "Der Tod in den Anden" (1994).Zuletzt erschien von ihm der Roman "Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto".Mit Mario Vargas Llosa sprach Marko Martin.



TAGESSPIEGEL: Señor Vargas Llosa, seit Sie 1958 erstmals mit einem Stipendium nach Madrid und Paris kamen, pendeln Sie zwischen Peru und Europa - ein Zustand, den Sie einmal als "freiwilliges Exil" bezeichnet haben.Nach dem Staatsstreich Alberto Fujimoris im Jahre 1992 sind Sie nun in Ihrer Heimat "persona non grata".Wie geht man mit so einem Bruch um?

MARIO VARGAS LLOSA: Auch in den Jahren, als ich in Lima lebte, hatte ich meinen Zweitwohnsitz in London nie aufgegeben; ich brauchte immer diese gewisse Distanz, um meine Romane schreiben zu können.Als ich dann 1990 im zweiten Wahlgang als Präsidentschaftskandidat gegen den Ingenieur Fujimori verlor, war es überhaupt kein Problem, zusammen mit meiner Frau erneut nach Großbritannien zurückzukehren.In dieser Zeit beschloß ich, mich zur politischen Situation in Peru erst einmal nicht mehr zu äußern.Dies änderte sich mit dem Putsch.Es war vollkommen klar, daß ich gegen diese plötzliche Suspendierung der Demokratie protestieren mußte.Das war - leider, muß ich sagen - nicht das erste Mal, daß ich mich derart herausgefordert sah.Wenn es eine Linie der Kontinuität in meinem Denken gibt, dann ist es die Kritik an der Diktatur, gleich welcher ideologischen Coleur.Das war weniger ein Bruch als die Fortsetzung eines alten Kampfes.

TAGESSPIEGEL: In Ihren Essays haben Sie die Politik als eine eher mediokre, auf Ausgleich und Kompromisse angewiesene Tätigkeit beschrieben, die gerade auch aus diesem Grund von Intellektuellen oft verachtet wird.Bei Lektüre Ihrer Erinnerungen "Der Fisch im Wasser" hat man aber durchaus den Eindruck, daß Politik, zumindest während Ihres Wahlkampfes in Peru, etwas außerordentlich Phantastisches, Okkultes und Bizarres ist.War diese Entdeckung ein Schock für Sie?

MARIO VARGAS LLOSA: Ja und Nein.Überall in der "Dritten Welt" ist Politik etwas, das ganz eng mit Gewalt verknüpft ist.Man hat den Eindruck, in einen Hexenkessel voll unheimlicher, unbändiger Energien zu schauen, in dem alles, aber auch wirklich alles, Kampf um die pure Existenz ist.Das ist grauenhaft.Gleichzeitig ist es die dortige Realität.Ich habe meinen Ausflug in die Politik deshalb nicht bereut.All die Intrigen, Doppelzüngigkeiten, kalkulierten Zweckbündnisse und Postenschachereien, mit denen ich während meines Engagements von 1987 bis 1990 konfrontiert gewesen bin, haben mir eine ganz andere Welt offenbart.So niederschmetternd diese Erfahrung auch war - ich möchte sie nicht missen.Tatsächlich wissen ja die wenigsten Schriftsteller und Intellektuellen etwas über das politische Tagesgeschäft; sie reden darüber, kritisieren es, unterschreiben manchmal auch Resolutionen, aber im Grunde ist ihnen diese Welt völlig fremd.

TAGESSPIEGEL: Spricht das gegen sie?

MARIO VARGAS LLOSA: Natürlich nicht.Gleichzeitig kann es aber nicht schaden, wenn man irgendwann eine Ahnung davon bekommt, daß sich Politik nicht nur über Theorie-Studien in den Bibliotheken erschließt und sich nicht in der Reflexion über Modelle und Utopien erschöpft.

TAGESSPIEGEL: In Ihrer Jugend waren Sie eher links eingestellt und wie viele Intellektuelle von der kubanischen Revolution verzaubert.Was bewirkte schließlich die Desillusionierung?

MARIO VARGAS LLOSA: Da kamen mehrere Faktoren zusammen: Am Anfang stand der idyllisierende Blick: Als ich zum ersten Mal auf Kuba war, schienen mir dort Freiheit und Sozialismus auf großartige Weise verbunden.Dann kamen die Irritationen und die Entdeckung, daß Fidel Castro einen perfekten und brutalen Unterdrückungsstaat geschaffen hatte.Als Fidel Castro 1968 öffentlich die Niederschlagung des Prager Frühlings guthieß, reagierte ich und kritisierte nun erstmals ebenfalls öffentlich das Regime in Havanna.Dann kam 1971 der Fall "Heberto Padilla": Der kubanische Autor war wegen seiner Regimekritik verhaftet und in stalinistischer Manier zur öffentlichen Selbstkritik gezwungen worden, in der er sich beschuldigte, Agent der CIA zu sein.Ich habe damals ein Manifest geschrieben, um gegen dieses Unrecht zu protestieren.Viele linke, der kubanischen Revolution gegenüber bis dahin positiv eingestellte Schriftsteller unterschrieben: Sartre, Enzensberger, Pasolini, Simone de Beauvoir, Italo Calvino ...Das hat mir das Regime nie verziehen.

TAGESSPIEGEL: Fidel Castro hielt damals eine Rede, in der er "lateinamerikanische Autoren, die in Europa leben" als "Kanaillen" bezeichnete und ihnen die Einreise nach Kuba verbot.

MARIO VARGAS LLOSA: Ja, ich hatte es mir mit Castro verdorben, dafür aber meine Freiheit und geistige Unabhängigkeit zurückbekommen.Ein guter Tausch, nicht? Ich erkannte, daß entgegen der Marxschen Behauptungen die demokratischen Werte keineswegs nur rein formaler Art waren, sondern die einzige Gewähr bieten, eine Gesellschaft wirklich zum Guten verändern zu können.

TAGESSPIEGEL: Kommen wir zur Verbindung von realer und fiktionaler Welt.Das undurchsichtige Ehepaar Dionisio und Doña Adriana in Ihrem vorletzten Roman "Tod in den Anden" schafft sich eine eigene Welt - allerdings mit dem Resultat, daß sie die abergläubischen Indios in ihrer Bergarbeitersiedlung zum Menschenopfer und damit zu dreifachem Mord anstacheln.Hat dieses Mythen-Erfinden nicht auch eine Beziehung zur literarischen Imagination, die ebenfalls vom Unmäßigen, partiell auch Irrationalen gespeist wird?

MARIO VARGAS LLOSA: Ja, aber mit einem Unterschied: Bei der ersten Tätigkeit fließt richtiges Blut, bei der zweiten hingegen nur Tinte.Man kann das Irrationale nicht verneinen.Um es domestizieren zu können, muß man zuerst einmal von seiner Existenz wissen, anstatt es zu verleugnen.Wir bestehen aus Vernunft und Reflexion, gleichzeitig aber auch aus Instinkten, Passionen, Emotionen, verbotenen Wünschen und Träumen.Ich nenne das, nach Nietzsche, den dionysischen Part unserer Existenz.Er gebiert Kreativität, aber auch Gewalt - alle totalitären Ideologien haben diese irrationalen Wurzeln.Im politischen Leben sollten derlei Einflüsse deshalb nichts, aber auch gar nichts zuschaffen haben; sie müssen konsequent aus dieser Sphäre herausgehalten werden.Aber im privaten Leben und vor allem natürlich in der Kunst muß es erlaubt sein, einen gewissen Irrsinn auszuleben - freilich ohne anderen Menschen dadurch Schaden zuzufügen.In dem Moment nämlich, wo ich einen Roman schreibe, bin ich sehr wohl ein Diktator, und als Liebender frage ich nicht in jedem Fall nach der demokratischen Gewaltenteilung.

TAGESSPIEGEL: In Ihrem jüngsten Roman "Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto" setzen Sie das ironische Spiel mit der Erotik fort, das schon das "Lob der Stiefmutter" ausgezeichnet hatte.Schaut man sich Autoren an, in derem Werk eine ähnliche Thematik präsent ist - etwa Nabokov oder Kundera - so fällt auf, daß all diese Schriftsteller eher Skeptiker sind, dezidierte Nicht-Utopisten.Ist die Erotik vielleicht sogar als Kammerspiel ein Kontrastprogramm zu den Massenaufmärschen diverser Ideologien, ein mit dem Lob spielerischer Körperlichkeit geführter Protest gegen unsere Sterblichkeit, gegen die Endlichkeit unserer Existenz?

MARIO VARGAS LLOSA: Genau darum geht es: Die Erotiker versprechen - und schaffen! - das Paradies auf Erden, und zwar sofort.Gerade deshalb sind sie vielleicht nie frei von einer gewissen metaphysischen Traurigkeit, denn sie wissen sehr genau, daß die Zeitspanne, die uns für den Genuß bleibt, eine denkbar kurze ist.Wenn man will, kann man diese Einsicht sogar als im unorthodoxen Sinne konservativ definieren.Im Gegensatz dazu gibt es bei der Linken die lange Tradition der Heilsgewißheit, den Traum von der Auflösung aller Widersprüche, dem natürlich auch immer etwas zutiefst Puritanisches zu eigen ist.

TAGESSPIEGEL: Eine letzte Frage.Einen Großteil Ihrer Erinnerungen "Der Fisch im Wasser" haben Sie 1991 als Gast des Wissenschaftskollegs in Berlin geschrieben; jetzt haben Sie wieder für einige Monate in Berlin gelebt.Was zieht Mario Vargas Llosa in diese Stadt?

MARIO VARGAS LLOSA: Ich mag Berlin sehr.Die Stadt ist interessant und in kultureller Hinsicht einfach faszinierend; die Atmosphäre ist ungeheuer stimulierend für mich.Außerdem ist es an der Zeit, daß ich endlich deutsch lerne.Gegenwärtig arbeite ich auch an einem neuen Roman.Er spielt in der Dominikanischen Republik, und zwar in den letzten Monaten der Trujillo-Diktatur.Mehr wird nicht verraten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar