• Warum sind ständig alle beleidigt?: Russen, Gauweiler, Peymann - das eingeschnappte Ego

Warum sind ständig alle beleidigt? : Russen, Gauweiler, Peymann - das eingeschnappte Ego

Jeder Mensch ist narzisstisch, ganze Nationen sind gern mal gekränkt. Ein Versuch über das Beleidigtsein.

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Ultimative Kränkung. Der Mensch stammt vom Affen ab – Darwins Evolutionstheorie stößt bis heute auf Widerstand.
Ultimative Kränkung. Der Mensch stammt vom Affen ab – Darwins Evolutionstheorie stößt bis heute auf Widerstand.Foto: picture-alliance / dieKLEINERT.d

Die Russen sind beleidigt. Ihnen hat die Krim doch immer schon gehört, aber kaum holen sie sich die Halbinsel zurück, begegnet ihnen der Gruppengroll der Restwelt. Die Griechen sind beleidigt. All das ungewohnte Sparen und Steuerzahlen ist eine Zumutung, es rechtfertigt ihren Gruppengroll wider die Restwelt. Die Pegida-Deutschen sind beleidigt. Ausländer, die noch gar nicht da sind, könnten ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen, falls sie da wären. Schon der Gedanke beschwört das Gekränktsein herauf. Wenn das nicht eine Lizenz für einen grimmigen Aufstand bedeutet!

Araber sind beleidigt, Chinesen ebenfalls. Amnesty International wirft ihnen vor, die Menschenrechte nicht zu achten, dabei sind doch die Amerikaner an allem schuld, irgendwie, immer. Anhänger einer Glaubensgruppe fühlen sich beleidigt von Anhängern einer anderen Glaubensgruppe – oder von Nichtgläubigen. Unser Gott hat mehr Erbarmen! Nein, unser Gott hat mehr Erbarmen! Was scheren mich eure Götter! Mit diesem Geschrei schlagen sie ohne Erbarmen aufeinander ein. Karikaturisten werden ermordet, Operndirektoren wegen kirchenkritischer Inszenierungen gefeuert, wie gerade in Novosibirsk geschehen.

Rund um den Globus wird das Gekränktsein als Devise auf dem Markt der Ehre gehandelt, in der Münze des Gruppenstolzes geprägt, gegossen, gedruckt. Auch innerhalb von Gruppen lässt sich damit Aufsehen erregen. Herr Gauweiler in Bayern ist beleidigt, weil seine Partei Fraktionsdisziplin von ihm erwartet. Er sagt schöne Grüße, pfiat euch, und dankt gekränkt ab. Oder Herr Peymann in Berlin, auch ein Beleidigter. Nach seinem Ruhestand soll ein anderer sein Theater leiten, noch dazu einer, den er selber nicht ausgesucht hat. Das geht zu weit! Auch seinem Kollegen Frank Castorf missfällt es, dass über seine Nachfolge geredet wird. Ohnehin liefert das Alltagsleben ununterbrochen Quellen der Kränkung. Frau X hat im Treppenhaus nicht gegrüßt, Herr Y hat von der Terminänderung nichts gesagt, ein Forscher wird von einem Kollegen nicht erwähnt, es fehlt die Fußnote mit Hinweis auf sein Verdienst.

Produktiv gewendet, erwächst der Kränkung die Kraft zum Widerstand

Gründe fürs Beleidigtsein finden sich also vom Riesenanlass (Krim) bis zur geringsten Causa (Fußnote!). Die Welt will nicht so, wie ich wohl will: Bei der Kränkung geht es um Kontrolle und Kontrollverlust, um Aufmerksamkeit, Ehre und Ehreinbuße. Wird das Gekränktsein demonstrativ gezeigt, geht es um Schuldproduktion, emotionale Erpressung, Vergeltung. Gleich nach dem Paradies legen Leute damit los. Kain, der Bauer, opfert Gott Früchte von seinem Acker, Abel, der Schäfer, opfert Tiere aus seiner Herde. Gott allerdings interessiert sich nur für Abels Gabe, auf Kain „blickte er nicht“, heißt es im ersten Buch Mose. Erst ist Gott beleidigt wegen Kains Opfer, dann Kain wegen Gottes unfairer Präferenz.

Auf legitimes Gekränktsein kann der gerechte Zorn folgen, das Aufbäumen gegen Ungerechtigkeit und Entwürdigung. Produktiv gewandelt, entwächst der Kränkung die Kraft zum Widerstand, die Vorstellung davon, wie etwas besser und gut werden kann. In so einem Fall würde Kain den Abel nicht erschlagen, sondern beide gemeinsam würden Gottes Willkür kritisieren. Das wäre Aufklärung, wirksamstes Heilmittel gegen Beleidigtsein.

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