Kultur : Warum soll Ihre Kunst nicht politisch sein, Frau Landau?

Sigalit Landau, Künstlerin, ist eine der profiliertesten Bildhauerinnen Israels.Die heute 29jährige absolvierte vor ihrer Militärzeit eine Tanzausbildung an der High School Academy von Jerusalem.Im Anschluß daran begann sie ihr Kunststudium verbunden mit einem Austauschjahr an der New Yorker Cooper Union-Schule in Hans Haackes Klasse.Nach zahlreichen Preisen in ihrem Heimatland folgten 1997 Einladungen nach Venedig, wo sie mit anderen Künstlern im israelischen Pavillon eine der interessantesten Ausstellungen der Biennale einrichtete, sowie nach Kassel zur documenta X.Die zur Zeit in London lebende Künstlerin war im vergangenen Jahr auf Einladung des Sammlerehepaars Hoffmann für mehrere Monate in Berlin.Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

TAGESSPIEGEL: Frau Landau, Sie haben ein knappes halbes Jahr in Berlin gearbeitet.Wie haben Sie die Zeit erlebt?

LANDAU: Das ist schwer zu sagen.Ich habe auf alle Fälle jetzt mehr Fragen als vorher.Das letzte, was ich will, ist urteilen.Ich bin nur vorübergehend hier und betrete deshalb die europäische Kultur sozusagen durch die Vordertüre.Das interessante aber ist die Hintertüre.Sich einer anderen Kultur durch den Hintereingang zu nähern, das bedeutet Humor, Toleranz, ein Lächeln aufsetzen, wenn man geht.

TAGESSPIEGEL: Die Situation von Immigranten in Israel und anderen Ländern ist häufiges Thema Ihrer Kunst.

LANDAU: Es geht in meinem Werk nicht ausschließlich um Israel, auch nicht nur um Soziologie.In erster Linie bin ich Künstlerin, nicht Jüdin.Ich komme hierher aus künstlerischen Ambitionen.Ich weiß jedoch, was Vorurteile bedeuten, kenne die Kluft zwischen westlicher und östlicher Mentalität - wobei ich jetzt natürlich nicht von West- und Ost-Europa rede.In Israel prallen beide Mentalitäten aufeinander, wodurch das Land zu einem unglaublich interessanten Ort wird.Ich bezweifle, daß diese Konfrontation hier auch so stark ist.Eigentlich bin ich ja keine Israelin, sondern polnische Rumänin; meine Eltern sind Immigranten.Die Polen sind in Israel die "Westler", die Aristokraten.Selbst in Israel werde ich für eine Touristin gehalten.Es geht mir um Kultur, Migration, um Überleben in der Immigration.

TAGESSPIEGEL: Auf der Biennale in Venedig und auf der "documenta" in Kassel haben Sie mit anderen israelischen Kollegen starke Akzente gesetzt.Wie empfinden Sie die Rezeption der israelischen zeitgenössischen Kunst, von der man in Europa bislang nur wenig gehört hatte?

LANDAU: Ich bin nicht sicher, ob sich diese Künstler auf Dauer durchsetzen.Außerdem ist es problematisch, Künstler nach ihrer Nationalität zu betrachten.Es gibt nicht "die" israelische Kunst.Diese Konzentration auf die Kunst aus Israel hat etwas Unechtes, geht nicht in die Tiefe.Es ist eine Art Peep-Show.

TAGESSPIEGEL: Trotzdem: Welche Stellung hat die israelische Kunst im internationalen Vergleich? Fühlen Sie sich an der Peripherie?

LANDAU: Wenn ich das glauben würde, käme ich nicht nach Europa.Ich möchte meine Empfindungen und Anschauungen in einem größeren Kontext ausdrücken.Es wäre schön, wenn man die Öffentlichkeit darauf hinweisen könnte, daß es Künstler in der Peripherie gibt, die Aufmerksamkeit verdienen.

TAGESSPIEGEL: Hat es Vorteile in der Peripherie zu leben, selbst wenn es vor Ort keinen Kunstmarkt gibt?

LANDAU: Die meisten Künstler stammen ursprünglich ohnehin nicht aus New York, Paris, Berlin oder London, sondern eher aus Kleinstädten.Sie haben vermutlich einen viel provinzielleren Hintergrund als jemand, der, sagen wir, in Tel Aviv lebt, und versuchen, sich dann im Zentrum, in der Großstadt, durchzuschlagen.In New York leben wahrscheinlich die provinziellsten Künstler überhaupt.Für jemanden wie mich ist es letztlich egal, woher man kommt.Die Welt von heute ist ohnehin eine große Stadt.Es gibt keine Distanzen mehr.Ich kann zum Beispiel mit Pakistan Airways für 300 Dollar nach New York fliegen.Die Peripherie befindet sich in einem selbst, es kommt auf deine Veranlagung an, ob du ein kommunikativer Typ bist und ob du Vertrauen zu anderen Menschen mit anderen "Codes" hast.

TAGESSPIEGEL: Nicht nur aus Anlaß der 50-Jahr-Feier Israels gab es 1998 zunehmend Konflikte zwischen Orthodoxen und Liberalen.Wie schätzen Sie das kulturelle Klima Ihres Landes ein?

LANDAU: Das restriktive Klima hängt damit zusammen, daß Staat und Religion nicht voneinander getrennt sind.Die Demographie verändert sich durch die starke Geburtenzunahme bei den orthodox Religiösen, die bis vor kurzem nicht einmal wählen gingen.Sie ahnen jetzt die politische Macht, die sie durch den in Israel im Augenblick existierenden status quo haben.Die eigentliche Frage lautet, was das überhaupt bedeutet: ein "jüdischer" Staat, den es ja ohne den Zweiten Weltkrieg nicht geben würde.Die gläubigen Juden bekommen immer mehr Zugang zur Politik.Möglicherweise - vielleicht übertreibe ich - ist Israel nur vorübergehend eine Demokratie, jedenfalls könnte es sehr leicht passieren, daß es irgendwann nur noch nach religiösen Kriterien regiert wird.Von seinem Wesen her Israel ist ein rassistischer Staat, weil man Jude sein muß.Israel könnte ein Experiment von kurzer Dauer sein.Auf jeden Fall wird sich die Lage nicht verbessern, wenn man sieht, daß die meisten Städte von Ultra-Orthodoxen geführt werden, die kein Geld haben, um Steuern zu zahlen, weil sie den ganzen Tag beten.Es ist der einzige Ort der Welt, wo Menschen fürs Beten bezahlt werden.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie selbst Erfahrungen mit dieser zunehmend religiös angespannten Atmosphäre gemacht?

LANDAU Jerusalem ist in der Beziehung extremer als alles andere.In den letzten zwei Jahren haben die meisten nicht-orthodoxen Juden die Stadt verlassen; die akademische Welt hält sich dort noch - allerdings nicht die kulturelle.Es gibt zum Beispiel keine einzige jüdische Galerie in Jerusalem, nur zwei palästinensische.Die meisten ziehen nach Tel Aviv oder Haifa.

TAGESSPIEGEL: Aber wie geht es weiter?

LANDAU: Die nicht-orthodoxen Juden sind wie die Westeuropäer oder die Amerikaner.Sie wollen ihre Freiheit, ihr Geld.Tel Aviv ist voll von langweiligen Yuppies.Die Leute werden immer wohlhabender; sie interessieren sich nicht dafür, was passiert.Jerusalem ist dagegen - bei allem Konfliktpotential - viel weltoffener.Extremisten sind überall gleich, ob islamische und jüdische; sie wollen Kontrolle ausüben.Aber ich glaube, die meisten Leute wollen einfach ein normales Leben führen, Araber wie Juden.Da haben Araber und Juden mehr gemeinsam als orthodoxe und nicht-orthodoxe Juden.

TAGESSPIEGEL: Wie beurteilen Sie die jüngsten Entwicklungen?

LANDAU: Diese "jüngsten" Entwicklungen wechseln in Israel mit jedem Tag.Nun stehen Neuwahlen an.Das könnte einen wichtigen Wechsel bringen.So weit es mich betrifft, können die Dinge nur noch besser werden.Schlechter geht es gar nicht mehr, denn Benjamin Netanyahu ist ein geradezu persönliches Unglück für beide Nationen, für Israelis wie Palästinenser.

TAGESSPIEGEL: Ihre Berliner Ausstellung in der Galerie contemporary fine arts beschäftigte sich mit dem Thema Heimat, dem Schicksal der Palästinenser.Muß der Betrachter nicht mehr über den gesellschaftlichen Hintergrund wissen, um Ihre Arbeiten zu verstehen?

LANDAU: Da gibt es eine ganz einfache Antwort: Nein.Ich komme vom Tanz, meine Kunst ist wie eine Choreographie.Ich schaffe einen Raum und serviere dem Betrachter eine Art "Guts-Brain-Cocktail".Ich kann dem Betrachter nicht permanent Erklärungen geben.Man sollte die Hintergründe zwar immer präsent haben, aber nicht die ganze Zeit einsetzen.Ich behandle denselben Schmerz, dieselbe Leere, dieselben Mängel und nonverbalen Erfahrungen, die man in jedem urbanen Kontext auf der Straße findet.

TAGESSPIEGEL: Eines Ihrer bekanntesten Werke, die arabische Toilette, wurde jedoch mißverstanden.Viele Betrachter hielten es für die Metapher eines Betenden.Wie reagieren Sie darauf?

LANDAU: Ich bin ein Feigling.Als mir gesagt wurde, daß sich Muslime durch mein Werk verletzt fühlten - was nicht meine Absicht war -, tauschte ich den Teppich aus, der offenbar ein Gebetsteppich war.Ich verwende gerne Symbole, denn sie sind natürlich und banal.Aber man darf die direkte Lesart von einfachen Menschen nicht ignorieren.Gerade sie wollte ich nicht verärgern.Deshalb hörte ich auf sie.Ich war feige aus Respekt.

TAGESSPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, daß Sie die politische Dimension ihrer Kunst nicht mögen.Warum?

LANDAU: Das war nicht ganz so gemeint.Es stört mich nur, wenn Leute meine Kunst auf diese Dimension reduzieren.Wenn jemand ein Kunstwerk auf eine politische Aussage festlegt, hört er auf, es zu lesen und versteht es nicht richtig - das gilt besonders für einige Leute in Israel.Wenn ich einer lokalen Zeitung in Jerusalem ein Interview gebe, sage ich deutlich meine Meinung.Alle Israelis sollten dies tun; nur so kann man die Fehler von 1967 verstehen und die von 1948, überhaupt die Tragödie dieses Landes.Aber in der Kunst möchte ich, daß der Rezipient meinem Werk mehr Zeit und Gefühle widmet.Kunst muß mehr sein als eine Deklaration.Die Deutschen sind da viel bessere Rezipienten als die Israelis.Sie nehmen meine Kunst wie sie ist.Dafür fehlt mir hier Kritik.Die Deutschen betrachten meine Kunst rein objektiv, lassen sich aber nicht mitreißen.

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