Kultur : Warum wir in der Wüste leben

NEUE MUSIK

Volker Lüke

Was klingt so einsam und verlassen wie eine Pedal-Steel-Gitarre? Der kalifornische Komponist und Instrumentenbauer Chas Smith hat das Instrument der Country&Western-Kultur für die zeitgenössische Avantgarde entdeckt. Im Podewil entführt er mit seinem selbstgebauten Pedal-Steel- Monster „Guitarzilla“ ein Stück aus seiner aktuellen CD „An Hour Out of Desert Center“ in endlose Weiten. Eine wunderbar überraschende Musik, die den langen Atem von Varèse und den sphärischen Geist von Ligeti in sich trägt, inszeniert mit inniger Liebe zum ewigen Brummen. Sounds, die sich hochschaukeln, abschwellen, verdichten und Bilder fürs Kopfkino erschaffen. Man denkt an einen Astronauten, der einsam durchs Weltall trudelt, und an den Untergang der Titanic. Oder an die Weite des amerikanischen Westens, die flirrende Hitze in der Wüste New Mexicos, das Rascheln von Klapperschlangen im Death Valley, das Summen der Telegrafendrähte, die sich in gigantische Harfen verwandeln. Aber es könnte auch das Restrauschen einer Musikkassette sein, die zu lange in der Sonne gelegen hat. Man hört Seelen, die in die Wüste gestiefelt und nie mehr zurückgekehrt sind.

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