Kultur : Warum wir unsere Toten beerdigen: Ein Weg für die Erinnerung

Malte Lehming/Elke Windisch

Die Urne besteht aus poliertem Mahagoniholz, ist 13 Zentimeter hoch und eingeritzt wurde lediglich ein Datum: 09-11-01. Das ist die amerikanische Schreibweise für den 11. September. An diesem Tag starben bei dem Terroranschlag auf das World Trade Center etwa 4500 Menschen. Identifiziert wurden bislang knapp 500 davon. Der große Rest ist spurenlos verbrannt. Wie sollen Menschen bestattet werden, deren Körper fehlt? Schon früh hatte der Bürgermeister von New York, Rudolph Giuliani, den Hinterbliebenen der Opfer versprochen, sie würden Urnen erhalten mit der Asche des Massengrabes von "Ground Zero" in Manhattan.

Am Sonntag vor zwei Wochen war es dann so weit. In unmittelbarer Nähe des Trümmerfeldes fand eine riesige Trauerfeier mit fast 10 000 Teilnehmern statt. Und am heutigen Sonntag findet der Gedenkgottesdienst für die deutschen Opfer des Anschlags in der Deutschen Evangelisch-Lutherischen St. Pauls Kirche in Manhatten statt. Bundespräsident Rau und Außenminister Fischer werden anwesend sein.

Zum Thema Online Spezial: Terror und die Folgen Vor zwei Wochen wurden die Rettungsarbeiten wegen der Trauerfeier für eine Stunde unterbrochen. Anschließend zogen Tausende Angehörige zum Familienbetreuungszentrum am Pier 94. Dort wurde ihnen in einem blauen Seidensack die Urne zusammen mit einer gefalteten US-Fahne überreicht. Hunderte von Freiwilligen drückten ihre Anteilnahme "im Namen der Stadt New York und der Bürger der Vereinigten Staaten" aus. Vielen Angehörigen standen Tränen in den Augen, einige klammerten sich an die Urnen, als wäre in ihnen mehr als Asche und Staub.

"Das ist alles, was wir von John haben", sagt Giovanni Spataro, der Vater des 32-Jährigen, der im 98. Stock des World Trade Centers bei einem Finanzinstitut gearbeitet hatte. "Es ist besser, überhaupt etwas in den Händen halten zu können, als gar nichts." Auch Olga Lugo, die ihren Mann Daniel verloren hat, bedeutet die Urne viel. Den Inhalt will sie zu Hause in einen Porzellankrug umfüllen, den ihr Mann ihr zum Hochzeitstag geschenkt hatte. "Auf diese Weise bleibt seine Liebe zu mir erhalten, und ich kann täglich mit ihm reden."

Eine Urne will jeder, den Totenschein nicht. Das verblüfft die Verantwortlichen der Stadt am meisten. Denn ohne Totenschein können Versicherungen nicht ausbezahlt und Testamente nicht eröffnet werden. Trotzdem ist die Zahl der Anträge außerordentlich gering. Erst 1800 wurden bislang ausgegeben. "Wir stehen vor einem absoluten Rätsel", sagt die Sprecherin der Verwaltung. Ein Grund dafür sei die Menge der Einwanderer, die im World Trade Center beschäftigt gewesen waren. Deren Familien hätten womöglich gar keine Versicherungen oder andere Gründe, mit den Behörden nicht in Kontakt zu kommen. Der wichtigste Grund ist psychologischer Natur: "Meine Frau hat eine Bestattung verdient, aber die Hoffnung, dass sie am Leben ist, darf ich niemals aufgeben", sagt der 37-jährige George Santiago aus Brooklyn. Und ergänzt: "Ich weiß, dass das widersprüchlich klingt." Die Urne wird als eine Form der Erinnerung und Ehrung geschätzt. Den Totenschein zu beantragen, hieße dagegen, auf kalte und bürokratische Weise den Abschied zu besiegeln.

Das ist auch in Russland nicht anders. 55 der 118 Matrosen, die im August 2000 mit der "Kursk" in der Barentssee ertranken, wurden bisher aus dem Wrack geborgen. Nach letzten Angaben wurden 47 Leichen identifiziert. Transportflugzeuge sind täglich unterwegs, um sie zu den Hinterbliebenen zu bringen. Gruz 200 heißt im Volksmund die Ladung, die sie an Bord haben. Gruz bedeutet Last, und 200 Kilo wiegt der Zinksarg samt Inhalt, der ohne Öffnung beigesetzt wird: Ungeschriebenes Gesetz seit dem Afghanistankrieg der Sowjets in den Achtzigern, das auch in beiden Tschetschenienkriegen eisern durchgehalten wurde und wird.

Ihren Kindern - dem vierjährigen Jegor und dem zweijährigen Artjon - hat Anja bisher die Wahrheit nicht erzählt. Vielmehr hat sie Andrej auf eine lange Dienstreise geschickt. Ein Märchen, so oft erzählt, dass sie manchmal schon selbst daran glaubt. Nur manchmal findet sie in die Wirklichkeit zurück. "Ich will vor allem eines", sagt sie dann: "Die Wahrheit über die Ursachen der Katastrophe wissen und ein menschliches Begräbnis für Andrej." Keineswegs sicher ist bisher auch, ob Andrej jemals an Land ein Grab bekommen wird. Zwar begannen Gerichtsmediziner schon mit der Bergung der Leichen aus dem Wrack. Dennoch: Bilder, wie sie vor kurzem erstmals im russischen Fernsehen zu sehen waren, lassen befürchten, dass im vorderen Teil des Schiffes bestenfalls Fragmente von Leichen geborgen werden können. Der Grund: eine Explosion und unvorstellbare Hitze, die sogar Zentimeter dickes Metall zu Atomen pulverisierte. So wie in Manhatten.

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