Kultur : Warum wir unsere Toten beerdigen: Interview: "Von Gräbern geht Leben aus"

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Arnold Angenendt (66) ist Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte in Münster. Er hat vor allem über die Geschichte religiöser Mentalitäten geforscht.

New Yorks Ex-Bürgermeister Giuliani hat bei der Trauerfeier für die Opfer des Terroranschlags auf das World Trade Center allen Hinterbliebenen eine Urne mit Bauschutt gegeben. Hilft das den Trauernden?

Das ist eine sehr einfühlsame Geste. Für jeden, der liebe Menschen verloren hat, hat das Grab eine große Bedeutung. Und hier sagen Leute, ich nehme diese Urne und beerdige sie, vielleicht ist irgend etwas von meinen Angehörigen in diesem Schutt mit drin.

Was ist so wichtig daran, eine feste Grabstelle für einen Verstorbenen zu haben?

Das ist ein urmenschliches Anliegen. Vorgeschichtler sagen, von Menschsein spricht man dann, wenn sich Feuermachen zeigt, wenn Werkzeuge gebraucht werden und wenn Menschen ihre Mitmenschen beerdigen. Alle Religionen und Kulturen vor der modernen Aufklärung waren der Überzeugung, dass der Tote in seinem Grab ist.

Das war vor der Aufklärung, und wie ist das heute?

Ein Beispiel: Das bekannte Psychologenehepaar Anne-Marie und Reinhard Tausch aus Hamburg. Beide haben ein Tagebuch begonnen an dem Tag, als die Frau an Krebs erkrankte. Nach ihrem Tod schreibt er: "Den größten Schmerz empfinde ich, wenn ich ihr Grab aufsuche und sich mir der Gedanke aufdrängt, dass sie dort ruht." Das ist urgeschichtliches Menschsein. Und jetzt der zweite Satz - das ist dann der moderne Mensch: "Aber wenn ich mir bewusst mache, dass sie dort nicht ruht, sondern wahrscheinlich in einer anderen Wirklichkeit ist, auch in mir selbst, dann ändern sich zugleich meine Gefühle."

Der Tote ist also nicht in seinem Grab?

Von der modernen Wissenschaft wissen wir, dass der Tote nach einiger Zeit chemisch zergangen ist. Er ist dann nicht mehr in seinem Grab. Nichts mehr von ihm ist auf dem Friedhof, auch nicht sein Geist. Und trotzdem gehen wir dort hin. Für den heutigen Menschen ist da eine Spaltung zwischen urmenschlicher Religiosität und modernster Wissenschaft.

Die Spaltung zeigt sich auch in den Bestattungsbräuchen. In manchen Städten lassen sich mittlerweile bis zu 50 Prozent der Menschen anonym beerdigen. Sie sehen den Tod als chemischen Auflösungsprozess.

Das ist eine Entwicklung, die sich in Europa und den USA ausgebreitet hat, aber mittlerweile rückläufig ist. Angestellte von Beerdigungsinstituten erzählen, dass Hinterbliebene von anonym Bestatteten nach ein paar Tagen kommen und dann versuchen, das Grab zu finden. Viele Menschen halten das auf die Dauer nicht aus.

Warum nicht?

Wenn wir mit dem Verstorbenen richtig verbunden waren, wenn man sieht, was die eigenen Eltern für einen getan haben, wenn man an andere Menschen denkt, die einem auf dem Lebensweg geholfen haben - man kann von solchen Menschen nicht Abschied nehmen, wenn der Ort fehlt. Man braucht einen Gegenstand der Erinnerung. Das kann auch ein Foto zu Hause sein. Und dennoch bleibt das urtümliche Phänomen, dass dieser Ort des Abschieds das Grab sein muss.

Gibt es dafür eine Erklärung?

Vielleicht ist das tiefenpsychologisch zu erklären. Wir müssen möglicherweise - wie es ein Religionshistoriker ausgedrückt hat - in der Religion auch mit "paläopsychischen Prägungen" rechnen. Das sind Prägungen, die in die erste hominide Zeit zurückreichen und die uns weiter bestimmen. Der Respekt vor den Toten ist einer der ersten Pietätsakte, die Menschen je vollzogen haben. Wenn das in uns weiterlebt, ist das tief menschlich und Ausdruck des Humanen.

Was bedeutet das für die Hinterbliebenen?

Die Gemeinschaft der Toten und der Lebenden ist religionshistorisch von zentraler Bedeutung. Die wichtigen Gräber sind in der Gemeinde, um die Kirche herum, im Zentrum. In Königsberg zum Beispiel gehen heute frisch getraute russische Paare zu einem Grab - zum Grab von Immanuel Kant. Von bedeutenden Gräbern, so ist die Vorstellung, geht Leben aus. Sie sind so wichtig, dass sie in unser Denken eingehen und nicht verloren gehen dürfen. Auf den kleinen, familiären Horizont übertragen, heißt das: Wir brauchen eine Stelle, zu der wir hingehen können.

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