Kultur : Was bleibt ist der Horror

ROBERT RIMSCHA

Steven Spielberg hat ein ruhiges Wochenende hinter sich.So macht er es immer: Kommt ein neuer Film von ihm heraus, zieht er sich zurück.Alle Mitarbeiter erhalten strenge Anweisung, keine Rezensionen ans Ohr des Meisters zu tragen.Seinem eigenen 13jährigen Sohn hat der Movie-Mogul und Mitgründer des Studios "Dreamworks" überdies verboten, sich des Vaters neuestes Werk anzusehen.Es ist für Teenager zu brutal, glaubt der Papa.

Mittlerweile hat Spielberg sich umgehört.Er kann kaum zufriedener sein.Das Weltkriegsepos "Saving Private Ryan" ("Den Gefreiten Ryan retten") hat in Amerika eingeschlagen wie schon lange kein Film mehr.Und erneut ist das Spielberg-Wunder eingetreten: Der Mann hat einen ernsten Film gemacht, er steht trotzdem ganz oben auf der Liste der verkauften Tickets (30 Millionen Dollar am ersten Wochenende), und gleichzeitig überschlägt sich auch noch die Kritik.Spielberg hat die USA in einen distanzierten Weltkriegs-Erinnerungstaumel gestürzt.

Spielberg hat einen Kriegsfilm gedreht - einen reinen Kriegsfilm.Die gut zweieinhalb Stunden seines "Ryan" füllt er mit Kämpfen aus dem Sommer 1944.Erst kommt die Landung am Omaha-Beach, der "D-Day" der alliierten Invasion der Normandie, dann kommt Häuserkampf in Nordfrankreich, dann kommt Verteidigen einer Brücke gegen deutschen Nachschub.Captain John Miller hat den Auftrag, den Gefreiten James Ryan zu finden und nach Hause zu schicken, da dessen drei Brüder gerade fast gleichzeitig gefallen sind.Ryan ist per Fallschirm irgendwo hinter den deutschen Linien abgesprungen.

Einen puristischeren Film hat Spielberg noch nie gemacht.All jenes Pathos und all jenen Kitsch, den er in seine beiden Dramen über das schwarze Amerika - "Amistad" und die Alice-Walker-Verfilmung "Die Farbe Lila" - hineingerührt hat, läßt er bei "Ryan" außen vor."Ryan" ist in vielerlei Hinsicht ein Pendant zu "Schindlers Liste".Helden, Moral, Ehre - all die großen amerikanischen Worte schrumpfen und schrumpfen, wenn Soldaten mit aufgerissenem Leib und abgesprengten Gliedmaßen sich in ihrem Blut wälzen.

Spielbergs Sicht des Zweiten Weltkrieges ähnelt am meisten jener, die Autoren wie Remarque vom Ersten entwickelt haben.Es ist einfach nur Gemetzel.In Nischen, in winzigen Nischen nur, bleibt Raum für Menschliches.Von stählender Selbstbefreiung und Anti-Zivilisations-Romantik bleibt nichts.Was neuere US-Filme angeht, ist Spielbergs "Ryan" am ehesten mit Oliver Stones "Platoon" oder Stanley Kubricks "Full Metal Jacket" verwandt, Filmen über den Krieg in Vietnam, die ebenfalls in Pseudo-Chronistenmanier einem kleinen Trupp beim Häuser- oder Dschungelkampf zusehen.Und auch einen Gegensatz zu Spielbergs "Ryan" gibt es aus dem Genre des amerikanischen Vietnam-Filmes.Francis Ford Coppolas Ästhetisierung und Überhöhung des Indochinakrieges in "Apocalypse Now", wo Marlon Brando das fette dunkle Böse im Steinzeitdschungel spielt und stellvertretend für ein ganzes Jahrhundert "den Horror" der gescheiterten Vernunft beklagt, ist Spielberg fern.Man merkt es an zwei Positionen, die der Regisseur bezogen hat: Wie er seinen Helden Tom Hanks als Captain Miller und die Filmgegner, die Deutschen, auftreten läßt.

Miller ist kein typischer Krieger.Er trägt Verantwortung für seine Männer, aber er ist weder Schleifer noch Kumpel, weder alleiniges Hirn noch das Herz des Unternehmens.Hanks spielt einen Lehrer im Kriegsdienst.Er spielt einen normalen Menschen im Krieg.Krieg addiert keine neue Qualität zu dem Menschen namens Miller, der in ihn hereingeschickt wird.

Und die Deutschen? Einer gerät kurzzeitig in amerikanische Gefangenschaft und sagt: "Fuck Hitler!" Andere werden abgeführt; ein jüdischer US-GI streckt den Vorbeimarschierenden seinen Davidstern entgegen und sagt: "Jude! Jude!" Die ersten Deutschen, die der Film zeigt, sind Soldaten, die sich am D-Day ergeben und trotzdem erschossen werden.Wie schon für "Schindlers Liste" so gilt erst recht für diesen Film: Deutschland-Feindlichkeit ist das letzte, was man Spielberg vorwerfen kann.

Tom Hanks gilt schon wieder als heißer Oscar-Favorit - es wäre nach den beiden für "Philadelphia" und "Forrest Gump" der dritte.Hanks, seit langem ein enger Freund von Spielberg, hat jetzt endlich mit diesem zusammengearbeitet.Bedingung war, so Hanks: "Ich habe Steven gesagt, er müsse mich wie einen normalen Schauspieler behandeln." Wie Durchschnittsdarsteller ist in diesem Film indes niemand behandelt worden.Spielberg hat ehemalige Marineausbilder angeheuert, die die Stars zu Trainingszwecken wochenlang mit schwerem Gepäck Dünen und Klippen rauf- und runterjagten.Gefilmt wurde an der irischen Küste mit vielen Komparsen, die bereits bei Mel Gibsons "Braveheart" dabei waren.



Über den Vietnam-Krieg hat Spielberg einmal geschrieben: "Südostasien hat jedes Hollywood-Klischee zerstört, als die Toten in Vietnam fast zehn Jahre lang allabendlich in unsere Wohnzimmer gestürmt kamen." Die unpatriotische und unromantische Perspektive hat er jetzt dem D-Day verpaßt.Die meisten US-Veteranen sind begeistert.Der Film ist wie der Krieg, den sie sahen: Gerecht höchstens in seiner Mission, einfach nur grauenhaft in jedem Detail.Der 82jährige Dudley Averill hat den originalen D-Day überlebt und sich jetzt den Film angesehen."Die haben allen Hollywood-Zucker weggelassen," meint der Veteran."Die zeigen es so, wie es war." Von der Art, wie John Wayne den Weltkrieg in "The Longest Day" und "The Sands of Iwo Jima" personifizierte, ist nichts geblieben.Spielberg benennt einen Grund: "In den 40er Jahren war Realismus für Kriegsfilme kein Thema.Seit Vietnam ist Realismus das Thema." Für viele Veteranen kommen mit dem Film so viele verschüttete Erinnerungen hoch, daß die alten Männer überwältigt sind.In den wenigen Tagen seit der Premiere des Films sind dutzende Selbsthilfegruppen gegründet worden, die den Veteranen über den Schock der wiedergefundenen Erinnerung hinweghelfen.

"Ryan" ist der Beginn einer Weltkriegs-Welle.Sechs Filme werden derzeit in Hollywood über jenen Krieg gedreht, der in Amerika oft schlicht "der gute Krieg" oder "der letzte gute Krieg" heißt.Die Faszination von der scheinbar so klaren moralischen Auseinandersetzung mit dem Hitler-Totalitarismus wird von einer Medien-Woge begleitet.In einer Zeit, in der die Hauptnachrichtensendungen des US-Fernsehens zu großen Teilen aus Kinotips fürs Wochenende bestehen, ist die Vermarktung eines Spielberg-Weltkriegs-Filmes unweigerlich eine Schlacht."Time" hatte den Exklusivvertrag bekommen, mit Spielberg sprechen und das Set besuchen zu dürfen."Newsweek" konterte: Eine Woche vor dem geplanten "Time"-Titel brachte der Konkurrent das Thema als Aufmacher-Geschichte.

In den Texten erinnern sich Veteranen an den richtigen D-Day.Die Schlagzeile auf dem "Newsweek"-Titel: "War is Hell." Krieg ist die Hölle - und damit sind zwei Positionen ad acta gelegt, die die letzten 50 Jahre das Genre bestimmt haben: Der patriotisch-inspirierende Kriegsfilm, in dem beispielsweise zwecks Truppenmoral gemischtrassige Einheiten auftauchten, die es in Realität noch gar nicht gab, und der humanistisch-inspirierende Anti-Kriegs-Film.Was bleibt, sagt Spielberg, ist der Horror - und der Abschied von jeder Didaktik.Die "New York Times" hat Spielbergs neuem Film - auf der Kommentarseite, nicht im Kulturteil - bescheinigt: "Näher als dieser Film kann einem künstlerischen Verständnis für Krieg, abgeleitet von der direkten Erfahrung der Eltern, in der Kinder-Generation nichts kommen.Sicher ist bislang niemand cinematographisch diesem Verständnis nähergekommen." Näher als Spielberg.

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