Kultur : Was bleibt, was geht

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über vielfliegende

und heimwehkranke Autoren

Eigentlich. Eigentlich müsste ich ja Geschenke besorgen, statt die „Schreibwaren“ verfassen. Doch kommen Sie den lieben Mitmenschen mal mit solchen Wünschen, besonders in der Redaktion. Auf Verständnis darf man bei denen nicht hoffen. Also schnell auf ins Uneigentliche: Die ersten Gedichte im neuen Band von Michael Krüger erklären ohne weiteres das viel diskutierte Rätsel, wie es dieser Mann neben dem Job als Leiter des Hanser Verlages schafft, eigene Bücher zu schreiben. Ganz einfach: Krüger ist „Zu Wasser, zu Lande, in der Luft“ mit Stift und Papier unterwegs. Seine Reisenden sind gleichauf mit dem Wind, mag er nun „auf der Suche nach Feuer“ oder „ohne Ehrgeiz“ sein. Eine junge Frau wird „den Anschluss verpassen“, der nächste Reisende fragt: „Ist dieser Stuhl noch frei“, und der „Scheinwerfer zählt die Alleebäume“: „Mit grundloser Eile fahren wir mutlos / der Gastfreundschaft entgegen, / die sich unwiderruflich verborgen hält.“ Heute Abend um 20 Uhr liest Krüger in der Akademie (Hanseatenweg 10, Tiergarten) aus „Kurz vor dem Gewitter“ (Suhrkamp).

Kurz nach der Geldzusage, heißt es bei Terézia Mora , Stefanie Lemke und Annette Berr : Die drei Autorinnen haben die begehrten Arbeitsstipendien Berlins erhalten, jene, die das Schreiben in der gewohnten Umgebung erlauben und nicht im schwäbischen Bahnwärterhäuschen erzwingen. Heute stellen sie ihre Projekte im Literaturforum vor (Chauseestr. 125, Mitte, 20 Uhr).

Je stabiler sich die Gesellschaft in Krisen erweist, desto lautstärker wird die Zäsur beschworen. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center trompete es: „Nichts wird mehr so sein wie zuvor.“ Der Satz steht für die Kontinuität, die er dementieren sollte. Brigitte Burmeister und Katja Lange-Müller haben dieses Thema für die Autorentagung „ Ein Tunnel über der Spree “ ausgewählt und 15 Kollegen eingeladen, über Umbruchserfahrungen zu sprechen: Antje Ravic Strubel, Katharina Hacker, Karen Duve, Angela Krauß, F. C. Delius, Ulrich Peltzer, Michael Schneider, Jens Sparschuh, Joachim Helfer und andere. Die Tagung ist nicht öffentlich, aber am Abend des 18.12. lesen einige Autoren im Literarischen Colloquium , am 19.12. im Literaturhaus (jeweils 20 Uhr).

Den Kehraus macht am vierten Advent David Toscana . Sein zweiter Roman „Endstation Tula“ über eine Liebe zu dritt schaffte es in die Bestsellerlisten. Im dritten Roman des Mexikaners, „Trauer um Miguel Pruneda“, steht dem Angestellten Pruneda das 30-jährige Betriebsjubiliäum bevor. Ein Kollege bittet um Informationen für die Lobrede und geht bald mit seiner Frau essen. Pruneda besucht den Friedhof und nimmt Knochen mit nach Hause. In der Wohnung gegenüber sitzt ein Nachbar im Lehnstuhl, gern erfüllt ihm Pruneda den letzten Wunsch, in seiner Wohnung zu bleiben. Toscana überwindet mit mühelosem Alltagssurrealismus die Grenze zwischen Realität und Imagination ( daadgalerie , Kurfürstenstr. 58, 21.12., 17 Uhr).

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