Kultur : Was bleibt

Festival der Kammermusik im Jüdischen Museum.

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Musik sei das unbewusste Zählen der Seele, hat Leibniz einmal gesagt und damit große Rätsel aufgegeben. Ähnlich sitzt man beim Auftaktabend zum Festival „Intonations“ im Jüdischen Museum. Der kleine Ableger des „Jerusalem International Chamber Music Festival“ findet nun zum zweiten Mal in Berlin statt – und zählt: Was bleibt von Musik, wenn man die illustren Gäste subtrahiert, die lichte Atmosphäre im Atrium des Jüdischen Museums, die Vielzahl und Internationalität der Künstler, darunter Elena Bashkirova als Festivalleiterin, ihr Sohn Michael Barenboim, der Bassist Roman Trekel oder der Hornist Bruno Schneider? Wenn man weiter die Hochstimmung im Saal angesichts fünf weiterer Abende (bis zum 25. 4.) abzieht oder die besondere Akustik, die jedes Stück in ein exquisites Klang-Licht taucht, ob es von Bartók oder Beethoven stammt, von Gideon Klein oder dem 1968 geborenen Israeli Ayal Adler?

Es bleibt ein dürres „Werk“-Konzept. Andererseits ein beispielloses Kaleidoskop sozialer Funktionen. Eine davon liegt in der Stiftung von Zusammenhalt zwischen den Künstlern, deren „Freude am gemeinsamen Musizieren“ (Bashkirova) nun auch das Publikum genießt. Vielleicht darf man diese Freude sogar rauschhaft nennen, das Konzert dauert über drei Stunden. Womit gleich die nächste Rechnung ansteht. Welchen Programmpunkt hätte man auslassen können, um auf einen angemessenen Umfang zu kommen? Sicher nicht das gemütlich atonale Streichquartett von Gideon Klein, entstanden noch vor der Deportation nach Theresienstadt. Musik von Klein, Pavel Haas oder Hans Krása, die den Nationalsozialisten zum Opfer fielen, steht beim Festival neben Werken von Klassikern wie Schubert oder Beethoven. Auch nicht Beethovens „An die ferne Geliebte“ mit Bashkirova und Trekel. Nichts an diesem Abend übertrifft die schöne Ruhe, mit der Trekel die musikalisch-dramaturgische Zusammenfassung dieses Zyklus präsentiert: „Nimm sie denn hin, diese Lieder“.

Auch Bartóks Klavier-Schlagzeug-Sonate hätte man nicht missen wollen, nicht die vielfarbige, nobel tönende Uraufführung „The Colors of Dust“ von Adler. So bleiben die Beethoven-Rahmenstücke, die Variationen über „Ich bin der Schneider Kakadu“. Beethoven geht hier mitunter so ausgesucht „tief“ vor, dass man sich gar nicht entscheiden kann: bitterer Ernst oder bunte Ironie? Vielleicht beides. Christiane Tewinkel

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