Kultur : Was Bürger begehren

„Oba bleiba!“ – noch eine Doku gegen Stuttgart 21

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Alle Gewalt
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Endlich ein Thema! Bürger wachen auf, gehen auf die Straße. Der Widerstand gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 ist die größte politische Graswurzelbewegung seit Jahren. Es geht darum, ob die Menschen sich ernst genommen fühlen von ihren gewählten Vertretern.

Die Demos und Aktionen gegen „S 21“ hat der 1947 in Tschechien geborene Regisseur Václav Reischl von Januar bis Dezember 2010 mit der Kamera begleitet. Seine Doku „Oba bleiba!“ wird ab heute im Lichtblick gezeigt. Schon auf der Berlinale war eine Doku zum Thema zu sehen: „Stuttgart 21 – Denk mal!“ von Lisa Sperling und Florian Kläger war Gast der Reihe Perspektive Deutsches Kino. Beide Filme sind im Ländle bereits angelaufen.

Beiden unabhängig produzierten Dokus ist ihre Parteilichkeit gemein. Klägers und Sperlings Film ist klarer und strukturierter als der arg fragmentarische „Oba bleiba!“. Auch Reischl, selbst Stuttgarter, lässt in seinem 80-Minüter prominente Aktivisten zu Wort kommen, holt Statements aus der Demo-Menge ein: „Warum sind Sie gegen Stuttgart 21?“ Die Antworten sind authentisch und einleuchtend, doch sie wiederholen sich häufig, oft schneidet der Film den Protagonisten mitten im Satz das Wort ab. Dazu ständig Zeitlupe, Zeitraffer, Bildüberlagerungen. Das Geigenkonzert einer S 21-Gegnerin wird zum dramatischen Soundtrack, von Polizisten geprügelte oder weinende Demonstranten werden per Standbild, Zoom und Einkreisung reißerisch in Szene gesetzt. Bei aller Sympathie für das politische Anliegen hätte man sich mehr Ruhe und weniger Emotionstechnik gewünscht. Die Argumente sind stark genug.

Auch deshalb ist es schade, dass auch in dieser Doku Bahnhofs-Befürworter nicht zu Wort kommen. Nur die Neujahrsrede des Stuttgarter CDU-Oberbürgermeisters wird zitiert und dessen Provokationen bei einer Volksfest-Eröffnung – Tage, bevor Wasserwerfer eine Jugend-Demo im Schlosspark auseinanderschossen. „So bringt man uns Demokratie bei“, sagt ein Junge wütend in die Kamera. Dass kurz vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg zwei bürgerbewegte Filme in die Kinos kommen, ist da, bei allen Mängeln, kein schlechtes Gegengewicht.

Im Lichtblick-Kino, Kastanienallee 77, Prenzlauer Berg. Am Dienstag, 15. März, um 18.30 Uhr, Diskussion anschließend an die Filmvorführung

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