Was das Kulturjahr 2014 bringt : Die Tribute von Tempelhof

Was bringt 2014 für die Kultur? Wir können es nicht erwarten und ziehen schon mal Bilanz – mit guten Vorsätzen.

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Gefeiert wird sowieso. Egal was passiert, in Berlin ist Party. Die Berlin Music Week lädt auch im neuen Jahr wieder zu Konzerten auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof.
Gefeiert wird sowieso. Egal was passiert, in Berlin ist Party. Die Berlin Music Week lädt auch im neuen Jahr wieder zu Konzerten...Foto: picture alliance / dpa

Im Laufe des kommenden Jahres finden Archäologen auf der Baustelle für das Stadtschloss/Humboldtforum einen Topf Römermünzen. Die ganze Chose wird angehalten, die Geschichte Berlins, Nordostdeutschlands, ach was, des Imperium Romanum muss umgeschrieben werden. Alles war anders! Weltsensation! Legionen lagerten an der Spree. Der Erste, der für das Ende der größten Kulturbaustelle in der Hauptstadt Verständnis äußert, ist Schlossarchitekt Franco Stella. Italiener aus Vicenza, der Stadt Palladios! Nachkomme der Römer! Wahrscheinlich sind ihm bei einem Besuch der Grube die Denare und Sesterzen aus der Tasche gefallen. Der Bund erwägt, auf die Wiederherstellung des Schlosses zu verzichten und vorerst nur den Bau des von Stella entworfenen, an das alte Außenministerium der DDR erinnernden Ostflügels voranzutreiben.

Aber was ist schon ein Baustopp am Humboldtforum, verglichen mit der Frage, wie es am Berliner Ensemble nach Claus Peymann und an der Volksbühne nach Frank Castorf weitergeht! Ende 2014 wird man es wissen. Es geht dort weiter wie bisher.

Der Architekt Stephan Braunfels legt einen Entwurf für ein Zentrum der Freien Szene vor, das aus Mitteln der neuen City Tax finanziert wird. Derweil erwägt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz einer Mitte des Jahres auftauchenden Geheimstudie zufolge den Abriss des Kunstgewerbemuseums und auf dem frei gewordenen Platz die Errichtung eines Museums der Moderne, das die Neue Nationalgalerie entlastet und mit ihr durch einen unterirdischen Eingangsbereich verbunden ist, über den man auch die Philharmonie erreicht. Unsinn? Warten wir mal ab. Die Preußenstiftung schießt zwar langsam, aber gewaltig und gern auch mal daneben. Was uns anno 2014 sonst noch erfreut und geärgert haben wird, und wie alles noch viel besser werden kann, steht im Folgenden. Rüdiger Schaper

Bei der Berlinale ist der ferne Westen dran

Was würde das Kino bloß ohne die Großen der Zeitgeschichte anfangen. „Monuments Men“ zur Berlinale sollte nicht die einzige heiß erwartete true story aus dem 20. Jahrhundert bleiben, die 2014 Furore machte. Den Reigen sollte im Januar Naomi Watts als Königin der Herzen eröffnen. Die letzten Stunden von Lady „Diana“ waren im Kino, na ja, vor allem eine Sternstunde für Watts Visagistin. Folgte der König der Herzen, Nelson Mandela, im Biopic „Der lange Weg zur Freiheit“ .

Auf der Berlinale machte selbst Dominik Graf in Kostüm: In „Die geliebten Schwestern“ blickte der Meister der Gegenwartsgenres so weit zurück wie noch nie, zur Ménage à trois mit Friedrich Schiller. Hatte das Festival 2013 die Wiedergeburt des osteuropäischen Films gefeiert, war 2014 der ferne Westen dran: ein Tusch auf das Kino aus Süd- und Lateinamerika! Bei den Oscars Ende Februar drückten wir dem Halbdeutschen Michael Fassbender im Historiendrama „12 Years a Slave“ die Daumen, und als das Filmfest in Cannes sein Programm für Mai annoncierte, ging die Cannes-versus-Berlinale-Debatte in die gefühlt hundertste Runde. Die Hundertjahrfeiern zum Ersten Weltkrieg waren nix dagegen. Wobei die Bücher zum Krieg alle schon 2013 erschienen sind. Fantasyfans hatten 2014 vor allem mit Warten zu tun, auf Teil Eins des Finales der „Tribute von Panem“ im November und den krönenden Abschluss von Peter Jacksons „Hobbit“-Trilogie zum Jahresende. Noch härter traf es die Science-Fiction-Gemeinde. Die sagenumwobene siebte Folge der „Star Wars“ soll nun erst im Dezember 2015 ins Kino kommen. Anfang des Jahres war nicht mal das Script fertig, und keiner wusste zu sagen, wann J. J. Adams mit den Dreharbeiten beginnen würde. Christiane Peitz

Die Biennale bietet das Knäckebrot knallharter Stadtrecherche

Seit 16 Jahren gibt es die Berlin-Biennale schon, angefangen in den Kunst-Werken, in der Auguststraße, wo die Künstler in leer stehenden Läden und Wohnungen ihre Werke zeigten. Ach war das schön, damals in den Neunzigern, als sich noch nicht einmal Galerien in Mitte angesiedelt hatten, geschweige denn die Boutiquen und Cafés, die mit der zweiten Gentrifizierungswelle nach der Jahrtausendwende kamen.

Und nun vom 28. Mai bis 8. August 2014 die achte Ausgabe der Berlin-Biennale mit Juan A. Gaitán als Kurator, der Balsam für den urbanen Herzschmerz bereithält. Dieser Weltbürger, ein Kanadier mit kolumbianischen Wurzeln, der Heimat schon an vielen Orten gefunden hat, versteht es, die Sehnsucht nach dem Vergangenen zu bedienen. Er lässt die Künstler bis in den Südwesten der Stadt ausschwärmen, fand für seine Ausstellung ein Domizil im Haus am Waldsee und in den Dahlemer Museen, wo das gute alte West-Berlin residiert.

Doch Gaitán war nicht an einer sentimental journey gelegen, schließlich gehört der kritische Geist der Biennale zu deren wichtigsten Charakteristiken. Sein Vorgänger Artur Zmijewski hatte diesen Bogen weidlich überspannt, indem er die Kunst zu agitieren suchte und der bereits ermüdeten Occupy-Bewegung eine Plattform gab. Wer mit Gaitán auf die Gegenposition, einen sanften Poeten gehofft hatte, wurde jedoch enttäuscht. Seine ersten Veröffentlichungen im Winter zuvor ließen das bereits erahnen: „Die Recherchen des künstlerischen Beratungsteams der 8. Berlin Biennale entwickeln sich entlang historischer Ausformulierungen von Bewegung und Beständigkeit – zwei der Hauptkategorien moderner Subjektivität“, hieß es darin wenig lyrisch.

Das Knäckebrot knallharter Stadtrecherche wird auch auf dieser 8. Berlin-Biennale geboten: Statistiken, Fakten, nüchterne Dokumentationsfotografie. Ob nun in Istanbul oder Lyon wie im vergangenen Jahr oder 2014 wieder Berlin – Biennale-Künstler müssen sich an einer Stadt abarbeiten, um Impulse zu empfangen. Das kann ganz schön ermüdend sein, vor allem für das Publikum. Nur Danh Vo, ein alter Freund Gaitáns aus Dänemark, der zu seinem Beraterteam gehörte und als Künstler lange schon in Berlin lebt, legt allen Schmerz, alle Sehnsucht, alle Erinnerungen an die verlorene vietnamesische Heimat in seinen Beitrag und rührt die Besucher zutiefst. Alles Reden und Schreiben von „historischen Narrativen“, „geografischen Wirkungskreisen“ verflüchtigt sich angesichts persönlicher Tragik. Nicola Kuhn

Berlin wird das Glückszentrum der Popwelt

Stell dir vor, es ist Berlin Music Week und du blickst durch. Alles ist übersichtlich, du verstehst sofort, wo du welches Bändchen für welche Veranstaltung bekommst. Und noch toller: Du musst dich nicht wieder auf lauter neue Festivals und Locations einstellen. Ja, das wäre mal was. Und die Chancen stehen gar nicht so schlecht, dass das im kommenden Jahr vom 3. bis 7. September stattfindende Konzert-, Konferenz- und Preisverleihungsspektakel etwas benutzerfreundlicher abläuft als in den letzten, eher wundertütenhaften Jahren. Die Zeichen deuten auf Stabilisierung. So wird das zweitägige, auf Newcomer spezialisierte „First We Take Berlin“-Festival zum zweiten Mal stattfinden, der „Berlin Music Award“ soll wieder zu Beginn vergeben werden, und die vergangenes Jahr umgezogene „Word!“- Fachkonferenz bleibt am Standort Postbahnhof.

Die einzige Konstante und der Höhepunkt der Music Week war von Beginn an das Berlin Festival auf dem Flughafen Tempelhof. 2014 wird es zum fünften Mal stattfinden. Ob den Machern wieder ein Coup wie mit Björk und Blur gelingt? Fantastisch wären Daft Punk, zusammen mit ihren Gaststars Pharrell Williams und Nile Rodgers. Und die Roboter sind mit den tanzenden Massen auf dem Flugfeld „up all night to get lucky“. Wahrscheinlich unbezahlbar. Aber stell dir vor: Es ist Music Week – und Berlin das Glückszentrum der Popwelt. Nadine Lange

Simon Rattle widmet sich künftig der Paul-Lincke-Pflege

Eigentlich wollten sie sich ja bis 2015 Zeit nehmen, um in aller Ruhe einen neuen Chef zu finden. Doch dann ging plötzlich alles so schnell, dass die Berliner Philharmoniker Fakten schaffen mussten. Es begann damit, dass sich Berichte britischer Medien, Simon Rattle könne Berlin womöglich noch vor Ablauf seines Vertrags 2018 verlassen, doch als wahr entpuppten. Entgegen der Vermutungen in den Zeitungen Ihrer Majestät aber geht Sir Simon, um sich künftig in London für die Berliner Musik einzusetzen. Er werde die English National Opera zu einem Hort der Paul-Lincke-Pflege machen, erklärte Rattle. Nur einmal im Jahr in der Waldbühne die „Berliner Luft“ dirigieren zu dürfen, reiche ihm nicht mehr aus.

Die Suche nach einem Nachfolger mit weniger Spleen, aber mindestens so guten Abstrahlwerten in alle Welt mittels Digital Concert Hall erwies sich als schwierig. Bei einem in Kooperation mit Youtube ausgerichteten Videocasting sah die renommierte Dirigentenzunft alt aus. Es wurde sogar von Pultgiganten gemunkelt, die es nicht schafften, sich online anzumelden. Eingedenk der Tatsache, dass die Philharmoniker jedes Jahr einen der ihren an die Dirigentengilde verlieren, kam der Orchestervorstand zu einer revolutionären Idee: Die Berliner dirigieren sich künftig selbst! Mal steht ein Schlagzeuger vorn, mal ein Kollege von den Flöten oder gar eine Cellistin. „Das ist eine Stärkung des Markenkerns Berliner Philharmoniker“, erklärte Intendant Hoffmann der verwunderten Weltpresse.

Überraschend konnte 2014 noch eine Personalfrage geklärt werden, die auf dem Image der Kulturstadt Berlin lastete: Nach einer Krisensitzung mit Stadtentwicklungssenator Müller gab der Regierende Kulturmeister bekannt, dass Sasha Waltz 2017 die Nachfolge von Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm antreten werde. Die Begründung: Sasha Waltz habe in der Vergangenheit bewiesen, dass sie auch auf Baustellen tanzen könne. Einen festen Rückzugstermin ins Stammhaus wollten weder Müller noch Wowereit nennen. Ulrich Amling

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