Kultur : Was der Krieg erzählt

Leute, lest und hört die Signale! Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ ist auch unser Jahrhundert-Roman

Peter von Becker

Es war ein Jahrhundertbuch und ist ein Roman der Stunde. Eben jetzt. Erich Maria Remarques vor fast achtzig Jahren im Berliner Propyläen Verlag erschienener Bestseller „Im Westen nichts Neues“ wurde als Freund und Feind ergreifende Erlebnis-Beschwörung des Ersten Weltkrieges in 50 Sprachen übersetzt und ist bis heute wohl mehr als 20 Millionen Mal verkauft worden. Hollywood hat „All Quiet On The Western Front“ schon 1930 verfilmt, und 1980 wurde in den USA und Großbritannien eine Fernsehfassung nochmals zum Ereignis. Jeder kennt den Titel – und manche Abwandlung („Am besten nichts Neues“, witzelte der Kabarettist Wolfgang Neuss am Ende der Adenauerzeit). Trotz dieser sprichwörtlichen Popularität: Wie viele haben den Roman wirklich gelesen, wer von den Jüngeren zumal?

Der Stoff ist heiß. Denn es ist Krieg, wieder Krieg. Eigentlich herrscht ja immer irgendwo Krieg. Und bis vor kurzem wurden die ruhigeren Epochen auch bei uns noch eingeteilt in die „Vorkriegs-“ und „Nachkriegszeit“, nur manchmal gab es für diese Zwischenphasen die Bezeichnung „im Frieden“. Das aber klingt für die meisten fast mythisch – weil der Frieden in Europa nach 1945 so lange durch den „Kalten Krieg“ und das atomare Patt der Großmächte gesichert war. Weil der Friede, nicht mehr der Krieg, als Normalität und Vater aller Dinge erschien.

Heute vor 51 Jahren fiel die Bombe auf Hiroshima. Danach hieß es sehr bald: „Nie wieder Hiroshima“ – wie auch „Nie wieder Auschwitz“. Dennoch hat es vor gut zehn Jahren in Südosteuropa nochmals Erschießungsgruben und sogar Todeslager gegeben, anderthalb Flugstunden von uns entfernt. Nach dem ersten Nachkriegs-Balkan-Krieg folgte ein zweiter, als Lehre des ersten. Amerikas Regierung sieht ihr Land ohnehin seit dem 11. September vor fünf Jahren „im Krieg“. So zeugen sich Kriege fort, neben den neuen und alten im Irak, in Afrika und jetzt wieder in Nahost.

Die jüngsten Bilder aus dem Libanon und Israel wirken inzwischen so alltäglich, dass mit ihnen sogar das früher Unvorstellbare von dort kämpfenden deutschen Soldaten in den Köpfen dämmert. Geschichte, auch Zeitgeschichte, wird wieder zur Kriegsgeschichte. Das alles ist eigentlich ganz gegen den Geist der Nachkriegsdeutschen, die vor allem in der alten Bundesrepublik in einem überwiegend pazifistischen Milieu erzogen wurden, geprägt von der in vielen Schichten fast selbstverständlichen Kriegsdienstverweigerung und rein touristischen Welteroberung. Krieg bleibt da außen vor: als Spiel, als Abstraktum, unerfahren und möglichst unerfahrbar.

Der erste Golfkrieg, das erste globale Erlebnis der Nachwende-Deutschen, erschien im Fernsehen bekanntlich wie ein Computergame aus der Weltraumperspektive. Selbst im Irak 2003, als Krieger und Kameras wieder auf dem Boden angelangt waren, überwog der technische Eindruck von ferngesteuerten Bombardements. Was man vermehrt sah, waren nicht die Kämpfe, sondern die Spuren danach: zerstörte Häuser, zerfetzte Autos, Tote und Verstümmelte, selten Soldaten, meist Zivilisten.

Die Kriegsbilder von heute, auch jetzt in Israel und im Libanon, zeigen das blutige Antlitz der zivilen Opfer. Das ja. Wir sehen Verzweifelte, Fliehende, Verwundete, denen die Kamera kurz noch beim Abtransport oder hin ins Krankenhaus folgt. Doch die Todesfurcht zuvor, der anhaltende, nicht mehr versiegende Schmerz danach und das Kämpfen, das Töten und Getötetwerden als Wesen des Krieges ist nicht im Bild. Wenn der Krieg zum Menschen und zur menschlichen Geschichte gehört, dann muss es andere Zeugnisse, Erinnerungen, Weckrufe geben. Es braucht, vor allem, die Literatur. Auch den Film. Aber noch mehr die Literatur. Braucht in Händen und Köpfen Haltbares, um wenigstens eine Vorstellung zu bekommen, was dieses vielgesichtige Monster in und mit Menschen anrichtet.

Moderne Zeugnisse sind kaum noch Kriegstagebücher oder Feldpostbriefe; die spontane Mitteilung taucht auf (und verendet versendet) in Handybotschaften oder Bekundungen im Internet. Sie sind im Zufälligen oder in der Summe ein Dokument, werden vom Sendezeichen aber erst zum Zeitzeichen, wenn die Berichte aus dem Meer der anonymen Mitteilungen mit der Autorität der Autorenschaft auftauchen und die Ausrufe-Zeichen sich zum wirklichen Text, zur elektronischen Erzählung der Täter, Opfer oder Zeugen entwickeln.

Das sind Ausnahmen, und von den Kriegsführenden selbst, von den Soldaten stammen sie selten. Auch fehlen hier Abstand, Reflexion, die zur Erkenntnis notwendige Verdichtung des Erfahrenen. Eben das hat Erich Maria Remarque, der 1898 in Osnabrück geborene ehemalige katholische Priesterschüler, Grabsteinhändler, Volksschullehrer, Theaterkritiker und dann Redakteur der Berliner Zeitung „Sport im Bild“, mit eben dreißig Jahren aufgeschrieben: Weil er das, was er 1917 als Soldat an der Westfront in Flandern während nur weniger Wochen bis zu seiner wohl lebensrettenden Verwundung und der Einlieferung ins Lazarett erfahren hatte, nach einem Jahrzehnt nicht mehr verdrängen konnte.

Remarque erfand sich als seinen Ich-Erzähler, den überlebend sterbenden Soldaten Paul Bäumer, der, von der Schulbank weg als irregeleiteter Freiwilliger „ins Feld“ geraten, zusammen mit seinen Klassenkameraden zu einem neuen Simplicius Simplicissimus wird. Doch es bedarf keines Dreißigjährigen Krieges mehr, nur der dreijährigen Fronthölle, damit diese Jungen alle idealistische Einfalt verlieren. Paul Bäumer wird so ein Protagonist jener von Ernest Hemingway bezeichneten lost generation des Ersten Weltkrieges. Das ganze Buch freilich ist, obwohl nur 200 Seiten schmal, das großartige, furchtbare Abbild der modernen Hölle. Des ersten Krieges, der mit Bomben, Granaten und Gas, mit Fliegern und Panzern schon fast alles mobilisiert hat, was neuzeitliche Tötungstechnik und Mordmaschinerien ermöglichen. Nur die atomare Auslöschung fehlt, aber die kennt auch keine erfahrbare Zeit, keinen fasslichen Raum und keine individualisierbaren Kämpfer. Nur den Plan, den Knopfdruck und den Blitz, der jede Vorstellung erschlägt.

Aber selbst dort, wo nicht nur Asche bleibt, durchdringen Fotos und Filme – die dokumentarischen und die inszenierten – allenfalls punktuell und dann als symbolischer Moment die Oberfläche des Grauens. Ob vom Zweiten Weltkrieg „Die Brücke“, „Das Boot“ oder „Saving Private Ryan“, ob vom Vietnamkrieg „The Deer Hunter“ oder „Apocalypse now“: Auch die eindrücklichsten Kriegsfilme evozieren mit den Settings von Feuer- und Wasserstürmen und der schauspielerischen Bravour ihrer Helden nur grandiose, erschreckende Außenbilder. Doch keine der Literatur vergleichbaren Einbildungen. Keine sich allmählich belichtenden Innenaufnahmen, keine Inbilder, wie sie mit der Kohärenz, Präzision und Vorstellungskraft von Worten die große Erzählung erschafft.

Zumindest lässt sich das komplexe System und die barbarisch brutale Wirkung des modernen Krieges kaum kenntnisreicher, kaum sinnlich vorstellbarer schildern als in Remarques Roman. Krieg und Frieden haben von der „Ilias“ bis zu Tolstoi und Karl Kraus („Die letzten Tage der Menschheit“) gewiss poetisch ausgreifendere Epen gezeugt. Doch „Im Westen nichts Neues“ ist dichter, direkter, härter und zugleich mitfühlender als alles sonst. Selbst Hemingways zeitgleicher Weltkriegsroman „In einem anderen Land“ hat nicht die Wirkung Remarques.

Nur Ernst Jüngers Kriegsbuch „In Stahlgewittern“, geprägt von der Teilnahme etwa an der Somme-Schlacht vor jetzt 90 Jahren, kommt dem nahe. Auch Jünger schildert, über das Somme-Erlebnis hinaus, die von Millionen Menschen bezahlte Materialschlacht, die sich drei Jahrzehnte vor Stalingrad als Grabenkampf an der französisch-belgischen Westfront des Deutschen Reichs bis 1918 vollzieht. Jünger nahm seine eigenen Kriegstagebücher für die 1920 publizierten „Stahlgewitter“ als Vorlage. Aber er hat sie im Hinblick auf Furcht und Schrecken und seine weitere Offizierslaufbahn zensiert, entschärft. Jünger formuliert eine Spur zu eitel, in den Emotionen nachgekühlt – dabei immer aus der Offiziersperspektive. Sein Krieg ist eine Hölle ohne Schmerz.

Remarque war ein galanter, eleganter Mann, der auch über Lebeleute in Monte Carlo schrieb und später der wohl leidenschaftlichste Geliebte von Marlene Dietrich war. Aber „Im Westen nichts Neues“: Das ist Weltgeschichte von unten. Paul und seine eben noch Mitschüler sind „Muschkoten“, gedrillt, gezüchtigt, in den Dreck und ins Feuer geworfen. Schon am Anfang ist das Buch, das mit den Worten des Verfassers keine pazifistische „Anklage“, sondern der Versuch zu „berichten“ sein will, eine Abrechnung mit den Lehrern und Erziehern, mit dem Pathos, das den Patriotismus der Jungen fern und fühllos missbraucht hat. In seiner einfachen, bildkräftigen Sprache, ganz ohne die Prätention von „Five-Dollar-Words“ (so Hemingway, der lieber „One-Dollar-Words“ benutzte), wird die abstumpfende Verrohung ebenso wie die oft lebensrettende, todesmutige KriegsKameradschaft der jungen Frontsoldaten wahrgenommen. Wachgerufen. Auch: die mörderische Unschuld beim Töten, um nicht selbst getötet zu werden.

Einmal sticht der Erzähler im Dunkeln, im schlammigen Graben auf einen fremden Körper ein – und später, am nächsten Morgen, erhält der Unbekannte als Sterbender noch Gesicht und Namen. Das ist mit einer physiologischen und psychologischen Genauigkeit geschrieben, dass es entsetzt und erbarmen lässt. Millionen ehemalige Kriegsgegner haben sich darin wiedererkannt, und man ahnt ziemlich schrecklich (und in der lesenden Spannung auch schaurig schön), wie es einem selbst ergehen könnte. Wenn.

Ein Buch voller Hunger und Todesangst, Trauer und Humor, bis zu seiner erschütternden Schlusspointe getragen vom Überlebensinstinkt. Das Herz der Finsternis: voller Blut, Eiter, Exkremente, Chloroform. Die Amputationen, der alltägliche Sadismus und das Flämmchen Nächstenliebe. Die Selbstwahrnehmung der von der Front Entkommenen: ihr Gefühl der Entwirklichung, die seelisch-körperliche Ausgehöhltheit von Zombies. Das nimmt vorweg, was Primo Levy oder Imre Kertész über die Erfahrung des Holocaust geschrieben haben. Und die Essenz des Militärs: Strategie plus Wahnsinn. Manchmal spricht da der Autor Remarque durch den Mund seines jungen, jugendweisen Erzählers. Aber anstelle eines überredenwollenden Bekenntnisses ist auch das: überzeugende Erkenntnis.

Kein Wunder, dass Hitler und Goebbels schon vor 1933 über dieses Buch schäumten, es fürchteten. Bis auf den Schluss im Präsens geschrieben, hat der Roman eine ungeheure Präsenz. Diese Gegenwärtigkeit beweist jetzt auch eine aktuelle Hörbuch-Version: „Im Westen nichts Neues“, gelesen von dem 30-jährigen Berliner Film- und Theaterschauspieler August Diehl. Mit seiner wunderbar klaren, klugen Stimme spricht Diehl das Buch untröstlich. Nie jedoch trostlos. Es ist ein Text wie von heute. Das war, das ist: der Krieg.

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