Kultur : Was der Zufall will

Familiengeheimnisse, bei Licht besehen: Mirko Bonnés für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman „Nie mehr Nacht“.

Jochen Jung

Selten in letzter Zeit gab es ein derart ernsthaft konzentriertes Buch, selten eines, das den Leser so entschlossen mitnimmt in die Mitte seines Geheimnisses. Was hat man nicht im ersten Kapitel über das Geschwisterpaar Ira und Markus erfahren: Da ist ihr inniges gemeinsames Aufwachsen in Hamburg, ihr getrenntes Leben zwischen zwanzig und dreißig, Markus’ rasch gescheiterte Ehe und Iras Kind Jesse, dessen Vater sich gleich wieder aus dem Staub gemacht hat, das neuerliche Zusammenrücken der Geschwister, die aber Gefangene ihres familiären Schweigens geworden sind.

Beide laufen vor etwas davon, dem sie nicht entkommen: der Verlorenheit und der Ausweglosigkeit, vor allem der Angst und dem Dunkel und der Nacht, die nicht heller wird dadurch, dass Markus wie ängstliche Kinder nur bei Licht einschlafen kann. Für Ira gibt es keinen Ausweg aus der Qual: „Die Tür war die Tür, und sie war zu.“ Sie nimmt sich das Leben, und immer wieder kommt Markus die Garage in den Sinn, deren Wand das Letzte ist, was Ira von dieser Welt gesehen hat.

Nicht viel später setzt die Erzählung ein. Markus, 48 Jahre alt und somit so alt wie sein Autor, ist freier Zeichner und bekommt vom befreundeten Chefredakteur einer Zeitschrift den Auftrag, für einen Artikel über den D-Day 1944 in der Normandie die Brücken zu zeichnen, um die damals so verbissen gekämpft wurde. Der Zufall – „die Sprache der Welt!“ – bringt es mit sich, dass auch der mittlerweile 15-jährige Jesse in die Normandie will: Sein bester Freund Niels ist dort an der Küste mit seiner Familie in einem aufgegebenen Hotel namens L’Angleterre einquartiert, ihn will er besuchen.

Also wird das Nötige zusammengepackt und in Markus’ altem Mercedes verstaut. Dabei sind auch zwei Bücher, eines von einem jungen Piloten der Royal Air Force, McCoy Lee, und „Der grüne Heinrich“ von Gottfried Keller, dessen Held mit Nachnamen Lee heißt – ebenso wie Ira. Zufall?

Die gemeinsame Reise von Onkel und Neffe gehört zu den besten Partien dieses Buches, das an einfühlsamen Begegnungen reich ist. Mirko Bonné gelingt es auf frappierende Art, den Dialog zwischen den beiden punktgenau, unterhaltend und immer glaubwürdig sein zu lassen. Beide, durch Iras Tod einander näher, als sie zugeben mögen, und befremdender, als ihnen lieb ist, finden trotz der Generationendifferenz einen halbwegs brauchbaren Ton miteinander.

Gerade der Umgang mit Iras Sohn erinnert Markus aber immer wieder an die Schwester, und die von ihr ausgehende Düsternis ergreift von ihm Besitz. Als sie im L’Angleterre ankommen, erwartet sie dort Niels’ Familie: Der Vater ist Ornithologe und im nahe gelegenen Vogelschutzgebiet schon morgens in aller Frühe unterwegs, die Mutter eine allen, nicht zuletzt Markus, Zugewandte. Die 16-jährige Margo ist offenbar Jesses Freundin und Niels ja sowieso sein bester Freund, die achtjährige Cat eine wache Beobachterin und der Hund einer, der sich gern streicheln lässt: Mit dieser Familie könnte ein glückliches Ferienidyll zu haben sein, und alle scheinen dazu bereit.

Außer Markus. Er beginnt sich von seinem bisherigen Leben zu verabschieden, indem er sich von allem trennt, was ihn mit der bürgerlichen Welt verbindet: Er weigert sich, seinen Auftrag auszuführen, er wirft sein persönliches Gepäck weg, verkauft sein Auto, lässt sein Handy ins Wasser fallen und bringt Kreditkarten und Ausweise zum Verschwinden. Schließlich lässt er, der Kettenraucher, die letzte Zigarettenschachtel und das Feuerzeug liegen.

Als Niels’ Familie ohne ihn nach Hamburg zurückfährt, bleibt er allein zurück in dem leeren Hotel mit voller Speisekammer und unerschöpflichem Weinkeller. Markus Lee trennt sich von seinem bisherigen Leben und wird es doch nicht los. Aber – „Zufall – Sprache der Welt!“ – er trifft Frauen, die seine Seelennot begreifen und die ihm, der alles abwehrt, nahekommen und ihn so näher und näher an seine Bedrückung bringen wollen.

Das soll hier im Einzelnen nicht vorweggenommen werden. Lieber zerstreuen wir den Verdacht einer Roman-Therapie und loben das Risiko, das noch jeder Erzähler seit Dostojewski eingegangen ist, der den Problem-Träger zum Ich-Erzähler macht. Nicht die Vermutung über eine Figur, von der der Autor nur erzählt, was er erzählen will, sondern die Stimme des Erzählenden, dessen Erkenntnishemmungen das Begreifen auch des Lesers steuern, ist das, was man hört. Und so wie Markus Lee sich immer wieder in seine Schwestergeschichte verhakt, so verhakt sich Bonné bisweilen in die vertrackten Selbstbezogenheiten seines unheldischen Helden.

Mirko Bonné hat einen überaus durchdachten Roman über einen Mann geschrieben, der von einem Leben ohne sich träumt. „Ich wäre gern ein Vogel gewesen, eine Seemöwe, konnte aber keine sein.“ Mirko Bonné erweist sich neuerlich als sehr sprachbewusster Autor (der Vorsprung aller Romanciers, die gleichzeitig Lyriker sind), dem es immer wieder gelingt, das Irreale gerade durch die präzise Schilderung des Realen wirklich werden zu lassen. Darüber hinaus sichert er nicht nur seinen Roman durch akkurate Recherche geografischer oder historischer Art ab, sondern er weiß auch neben zahlreichen Popstücken unaufdringlich und stimmig von Gottfried Keller und Marcel Proust zu reden, von der Landschaftsmalerei der Romantiker und Alfred Sisley, vom Teppich von Bayeux und den Star Wars.

Licht in die Nacht zu bringen ist eine der Aufgaben von Literatur. „Der Tag ist nur die halbe Wahrheit“, heißt es einmal. Das gilt in diesem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman dann auch für die Nacht. Jochen Jung

Mirko Bonné

Nie mehr Nacht.

Roman. Schöffling, Frankfurt/Main 2013. 360 Seiten, 19,95 €

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