Kultur : Was die Fassaden verbergen

Jochen Metzner

Miguel Levin und Carlos Fassanelli im Berliner BellevueJochen Metzner

Sein Vater emigrierte 1938 nach Argentinien, er selbst ging vor einigen Jahren den umgekehrten Weg. Seit Miguel Levin in der hiesigen Club- und Varieté-Szene Fuß fassen konnte, ist der Sänger aus Buenos Aires nicht nur zum eifrigsten Tango-Träumer Berlins geworden, sondern spürt den tieferen Verbindungen von Argentiniens Exportschlager Nr.1 zu Chanson, Ballade oder auch keckem Gassenhauer nach.

In seinem neuesten Programm "De Otros Tiempos - Von anderen Zeiten" wird der Grenzgänger in Raum und Zeit dabei von Carlos Fassanelli unterstützt, einem ebenso kahlgeschorenen Tango-Troubadour mit ähnlichem Impuls und Werdegang. Von Maria Elena Walshs "El viejo variete" bis zu Hollaenders "Jonny" lassen die beiden bei ihrem tönenden Brückenschlag Berlin - Buenos Aires keinen Zweifel daran, dass die Welt letztlich überall dem selben musikalischen Pulsschlag folgt, wenn es um Liebe, Sehnsucht, Verzweiflung und die globale Traurigkeit der Vorstädte geht.

Nach der Verszeile von Jorge Luis Borges "Buenos Aires ist, was die Fassaden verbergen..." geben sie Einblicke in Sphären, die sich erst bei Schummerlicht erschließen. Mit Mackebens "Nur nicht aus Liebe weinen" hat der Abend im Bellevue eine frühe Sternstunde: bei begrenzten stimmlichen Anforderungen können die Künstler mit dem grell geschminkten Mephisto-Grinsen ihr kommödiantisches Talent teuflisch gut ausleben.

Gleiches gilt, wenn sie kunterbunten Silbensalat aus dem Wörterbuch zum Thema Liebe ausspucken. Auch das vom Piano-Begleiter Normunds Leitlants als kecke Schubertiade angeschlagene "Ben criolla" kommt ihrem etwas kurzatmigen Zungenschlag noch weit entgegen. Erst solche tönenden Mini-Melodramen wie Discepolos "Uno" mit ihren frei floatenden Gefühlen lassen dann die stimmlichen Defizite richtig schmerzlich werden.Bis 16.1., jeweils 20.30 Uhr.

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