Kultur : Was die Kunst im Palast sucht Keine Auferstehung aus Ruinen:

Erwiderung auf Antje Vollmer

Adrienne Goehler

Wenn sich die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Antje Vollmer, einem Thema verschrieben hat, dann hält sie mit Leidenschaft daran fest. Im Tagesspiegel vom 5. Januar (Seite 2) wirft sie dem Hauptstadtkulturfonds vor, ein Opernprojekt im ehemaligen Palast der Republik zu fördern – und so den beschlossenen Abriss des Palastes zu sabotieren und mittels „DDR-Nostalgie“ gar eine Wiedererrichtung des Berliner Stadtschlosses zu gefährden.

Dieselbe „Expertenkommission Historische Mitte“, die mit einer (!) Stimme Mehrheit, auf Grund der Abwesenheit zweier Mitglieder, die nicht als Freunde des Wiederaufbaus des Schlosses gelten können, dann eben jene Empfehlung knapp ausgesprochen hat, eben diese Kommission also hat auf ihrer Sitzung vom November 2001 einstimmig (!) eine „kulturelle Zwischennutzung“ des Palastes der Republik beschlossen. Freilich unter der Maßgabe, dass damit weder ein Präjudiz zugunsten der Erhaltung des Palastes noch eine Finanzierung der baulichen Herrichtung der Zwischennutzung verbunden ist. Von dieser Vorgabe gehen alle Projekte aus, die vom Hauptstadtkulturfonds befürwortet werden. Deshalb lautet die Parole auch: Das Recht der ersten Nacht wird einem privaten Sponsor gehören, der die notwendige Sicherheitstechnik für die nachfolgende kulturelle Zwischennutzung besorgt.

Es geht also weder darum, diesen Ort als „glamouröse Location“ aufzufassen, noch darum, ihn als Werbeträger für „riesige Reklamen“ eines oder mehrerer Sponsoren zu gebrauchen. Es ist ganz einfach: Einen Ort wie diesen gibt es in der Republik nicht, in Europa nicht, und wenn wir der „New York Times“ glauben dürfen, auch in der weiteren Welt nicht. Und den spezifisch zu bespielen, das soll nicht „hauptstadtkulturrelevant“ sein?

Der Palast der Republik ist ein Ort, dem das Ende unübersehbar eingeschrieben ist – und der genau daraus sein Schweben bezieht. Ein Ort, der das Sinnbild von Dekonstruktion ist, jeder ästhetischen Festlegung entkleidet, wie Sasha Waltz es treffend formulierte, und doch die historischen Schichten wieder erlebbar macht. Ein Ort, der in seiner Skeletthaftigkeit Menschen wie die Performancekünstlerin Marina Abramovic oder den Operndekonstrukteur Christian von Borries zu Feuerwerken von Ideen herausfordert. Ein Ort, den man von William Forsythe bearbeitet sehen will oder von bildenden und Klangkünstlern.

Und warum haben sich Beirat, die Kuratorin und die gemeinsame Kommission des Hauptstadtkulturfonds für ein Projekt der Staatsoper erwärmt? Weil wir verstanden haben, dass ein Problem der aktuellen Theater- und Opernproduktion die definierten und unveränderbaren Räume ihrer Häuser aus dem 18.Jahrhundert sind, die ihnen die Arbeit an anderen künstlerischen Formaten erschweren. Auch Peter Stein wusste das, als er seinen „Faust“ ins Straßenbahndepot und zum Hauptstadtkulturfonds brachte. Der Motor für diese ortsbezogenen Formate ist und bleibt die freie Szene, die so der etablierten Kultur an einer Stelle mal unter gleichen Voraussetzungen begegnet.

Schließlich finde ich es so unschön nicht, wenn wir eine Zeit des Abschieds einräumen würden, und von den 120 Millionen Mark für die Beseitigung des politischen Asbests ein wenig den SteuerzahlerInnen zurückgäben. Und wenn das Schloss in der derzeitigen finanziellen Situation der Republik mit Bürger- und Parlamentsengagement zu bauen ist, dann nimmt die Kunst der Zwischennutzung ihren Hut. Verabredungsgemäß.

Adrienne Goehler ist Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds und ehemalige Senatorin für Kultur und Wissenschaften in Berlin.

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