Kultur : Was du nicht siehst

Ulrich Clewing

fragt sich, wann ein Bild noch Bild ist Dass die Wahrnehmung etwas ist, das der besonderen Wahrnehmung bedarf, gilt in der Kunst seit langem als ausgemachte Sache. Doch nur wenige haben diese Art der Anschauung so konsequent in die Tat umgesetzt wie Rémy Zaugg . Knapp zwei Wochen, nachdem der Schweizer Maler im Alter von 62 Jahren verstarb (Tagesspiegel vom 31.8.), eröffnet die Galerie Nordenhake eine lang schon geplante Ausstellung mit neuen Arbeiten (Zimmerstraße 88–91, bis 8. Oktober, Eröffnung heute 18–20.30 Uhr) . Der Titel der Schau „Vom Tod“ ist geblieben und markiert eine makabre Koinzidenz von Werkkomplex und eigenem Lebensweg, die freilich nichts anderes ist als der reine böse Zufall.

Die Bilderserie „Vom Tod“ hat Zaugg bereits vor vier Jahren begonnen (Preise auf Anfrage). Sie ist Teil seines beeindruckenden Lebenswerks, in dem jedes einzelne Gemälde viele Fragen stellt und im Gegenzug keine einzige Antwort gibt. Darauf muss der Betrachter bei Zaugg schon selber kommen – was er sieht, wenn er schaut; wann ein Bild noch Bild sein kann und wann es zum Objekt wird; wie die Worte oder kurzen Sätze, die der Künstler in der immer gleichen, strengen Typographie auf die Leinwand brachte, vor dem geistigen Auge ihrerseits Bilder entstehen lassen, die dem ersten Anschein nach dem Gesehenen widersprechen. Dazu kommt der exakt berechnete Einsatz des Kolorits. Entweder verstärkt die Kombination von Hintergrund- und Schriftfarbe die Leserlichkeit der Worte, bis sie Ausrufezeichen geworden sind, oder sie macht sie durch die Verwendung von ähnlichen Farbtönen fast unmöglich. In beiden Fällen erreicht einen die Erkenntnis im Gestus der sanften Übertreibung. „And if Death I were – Lips, Fingers“ steht auf einem der Bilder, auf einem anderen hat Zaugg einfach sechs Namen von Blumen untereinander geschrieben: Was bleibt, wenn die Vergänglichkeit alles mit sich nimmt?

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Im Nachbarhaus zeigt die Galerie Arndt & Partner in einer Doppelausstellung mit der Galerie Wohnmaschine neue Werke des Berliners Anton Henning (Zimmerstraße 90/91 und Tucholskystraße 35, Eröffnungen heute 18–21 Uhr, beide Ausstellungen bis 8. Oktober, Preise auf Anfrage). Stilistisch liegen zwischen ihm und Zaugg Welten, inhaltlich jedoch sind sich die zwei näher, als man denkt. Auch Henning geht es um Fragen der Wahrnehmung, allerdings beschränkt er sich eher auf die Kunst als solche. Was braucht es, damit aus einem Gemälde eine Skulptur wird? Eventuell ein Rahmen, der so groß ist, dass man ihn für ein Möbelstück halten könnte? Ab wann ist ein Sockel eine eigenständige Plastik? Was ist, wenn ein Sockel auf einem zweiten Sockel steht, welcher ist dann das Kunstwerk? So dekliniert Henning ein ganzes Repertoire durch in immer neuen Zusammenstellungen. Fast so, als wären auch seine Arbeiten Worte.

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