Kultur : Was einem keine Ruhe gibt

„Das Echolot. Abgesang 1945“: Walter Kempowski legt das Endstück seines monumentalen Weltkriegs-Tagebuchs vor

Hermann Rudolph

Das also war das Ende mit Schrecken, wie es Deutschland in den letzten knapp zwanzig Tagen des Krieges bis zum 8. und 9. Mai 1945 erlebte. Zugleich ist es auch der Abschluss des gewaltigen Unternehmens, mit dem Walter Kempowski versucht hat, in Tausenden von Seiten dieses ungeheuren Abschnitts unserer Geschichte Herr zu werden. Denn natürlich war dieser Krieg Weltgeschichte, aber das Weltgericht, zu dem er wurde, erging über die Deutschen. Als Kempowski vor zwanzig Jahren damit begann, standen ihm – so berichtet er im Vorwort – historische Bilder vor Augen: der Turmbau zu Babel, Altdorfers Alexanderschlacht, Velazquez’ Übergabe von Breda, also Paradigmen vielfach gedeuteter Vergangenheit. Nun, beim Abschluss, sind es andere: Bilder der Zerstörung, KZ-Leichen, Flüchtlingstrecks. Im „Echolot ’45“, nach bald zehn Büchern zum Thema, „rollt die Kugel in ihr Loch“: Es ist das Buch von der „großen Höllenfahrt“.

Einen Keim dieses beispiellosen Projekts hat Kempowski selbst genannt: es ist das „eigenartige Summen“, das er hörte, als er, das junge Opfer eines Willkürurteils der sowjetischen Besatzungsmacht, über den Hof des berüchtigten Gefängnisses von Bautzen geführt wurde. Darin verdichteten sich die Gespräche der Häftlinge. Als einen solchen „babylonischen Chor“ vieler Geschichten, die sich die Menschen erzählen, begreift er die Geschichte. Diese Geschichts-Sicht ist materialisiert in den Abertausenden von Zeugnissen, die er über viele Jahre in seinem Archiv in dem kleinen, durch ihn legendär gewordenen Örtchen Nartum gesammelt hat. In seinen Büchern sind sie mit großer Kunstfertigkeit arrangiert – einer Kunstfertigkeit, die kunstlos erscheinen will, weil sie die Wirklichkeit selbst sein soll. Und nahe kommt sie ihr jedenfalls.

Das Echolot, ein nautisches Instrument zur Tiefenmessung, steht für das Vordringen in die Tiefenschichten des kollektiven Bewusstseins, das Kempowski zum Programm macht. An vier Daten setzt er es an, dem 20., 25. und 30. April sowie dem 8./9.Mai. Zugleich funktioniert seine Methode nach dem Prinzip eines Suchscheinwerfers. Mal wandert sein Lichtkegel über den Westen, der schon von den Alliierten besetzt ist, mal über Mitte und Osten, in denen sich das Dritte Reich noch verzweifelt und selbstzerstörerisch gegen die Niederlage wehrt, mal über letzte Kämpfe, mal über Rest-Zonen zivilen Lebens. Was zieht er ans Licht? Bruchlinien, quer durch Deutschland, Auflösung, die um sich greift, unendliches Leid, auch Pittoreskes. Im Ganzen die betäubende Gleichzeitigkeit des Gegensätzlichen.

Fassungslos liest man, wie im Angesicht der Katastrophe der Geburtstag des Führers – der 20. April – zelebriert wird, mit Appellen, Endsieg-Reden, Sonderrationen. Da ist der Publizist Walter Dirks von den Amerikanern schon in Frankfurt am Main als Referent im Landesarbeitsamt eingesetzt worden. Während im Herrschaftsgebiet des NS-Regimes noch KZ-Häftlinge auf Todesmärschen durchs Land getrieben werden, erweckt das rüde Drängen, mit dem sich deutsche Kriegsgefangene im amerikanischen Lager Bad Kreuznach um Essen oder einen Platz im Unterkunftszelt reißen, bei einem von ihnen den Eindruck, dem „Sturz der Verdammten“ auf alten Bildern zuzusehen. Es ist gespenstisch, zu sehen, wie die Reflexe des Regimes trotz absehbarer Niederlage weiterwirken, bis in die alliierten Gefangenenlager hinein: verblüfft erlebt der gefangene Eberhard Fechter, damals ein verwundeter Gefreiter, wie drei NS-Führungsoffiziere den Führergeburtstag begehen.

Es sind die Tage, in denen sich der Krieg in Berlin nochmals verbissen eingräbt. Krieg also zwischen dem Kaufhaus Karstadt am Hermannplatz in Neukölln und dem Fehrbelliner Platz, Hitlerjungen und französische Freiwillige der Waffen-SS da, ein Tiefbunker dort, besetzt mit „Stäben, Verwundeten, einem Notlazarett und zahlreichen Frauen mit Kindern“. Es ist nach der Überzeugung eines Oberleutnants der „große Tag von Westend“, weil er an der Tegeler Brücke und im Grunewald in martialischer Allure Endkampf spielt – „nun rein in die Jungfernheide was die Rohre halten, der Feind muss wieder raus!“. Dabei beäugen die Zehlendorfer schon argwöhnisch die Russen, die durch ihre Gärten spazierten, „aber nichts zertraten“. In Wilmersdorf setzen die Plünderungen ein, weniger solche der Russen als der Deutschen. Die Friedhofsverwaltungen registrieren verstärkt Selbstmorde – fünf sind es am 30. April in der St. Georgen-Parochialgemeinde in Prenzlauer Berg, drei in der Plonzstraße.

Das Deprimierendste an den diesem kaleidoskophaften Panorama ist vielleicht die Verblendung, die in ihm zu Tage tritt. Da sind nicht nur die bekannten Wahnideen, die Hitler im Führerbunker ausbrütet, etwa in der Art, dass es seinerzeit, 1683, die Schlacht um Wien war – mit der die Türken abgewehrt wurden –, was jetzt die Schlacht um Berlin ist. Fast noch bestürzender nehmen sich die Wehrmachtsberichte aus, die Kempowski zwischen die Szenen von Kampf und Flucht eingestreut hat. Skrupellos preisen sie den längst sinnlos gewordenen Kampf als „leuchtendes Sinnbild deutschen Heldentums“. Bis zum bitteren Ende reicht dieser Umgang mit den längst blutbefleckten Formeln – der Hoffnung auf ein „späteres gerechtes Urteil der Geschichte“, dem „ewigen Leben unseres Volkes“, der „bedingungslosen Treue“ gegenüber dem Vaterland.

Oder ist es noch fataler, was in den Köpfen von „normalen“ Deutschen vorgeht? Etwa die krausen Gedanken, die sich eine gebildete Dame über die Ursachen der Niederlage macht: „Ist es der Sieg des Bolschewismus, also das Böse über das Gute?“ Oder „stehen wir an einem großen biologischen Wendepunkt in der Menschheitsentwicklung?“ Jedenfalls: „Unser Kampf ist das letzte heldenhafte Aufbäumen gegen ein unerbittliches Schicksal“. Oder die Siebzehnjährige im Sudetenland, die ihrem Tagebuch die Überzeugung anvertraut: „Wir Deutschen haben lange für Europa auf Vorposten gestanden. Wir schaffen es nicht mehr“ – natürlich gegen den „Bolschewismus“, der überall als Begründung für abstruse Rechtfertigungen herhalten muss.

Natürlich, bei Kempowski kommen auch die Ausschreitungen und Vergewaltigungen vor, zumal jene durch die Sowjetarmee. Aber daneben stehen auch die erbarmungswürdigen Szenen in den KZs und die Züge, aus denen Häftlinge nach Wasser schreien, von SS-Leuten mit Pistole und Peitsche beaufsichtigt. Wie überhaupt die Zeugnisse des Leidens, der Zerstörung von Leben und des Verlustes von Würde und Existenz Kempowskis Erzählung den Grundton geben. Vielleicht sind es doch die von der Herrschaft des Regimes und des Krieges angerichteten Schmerzen und Verluste, in denen der Tiefgang dieses Untergangs stärker zu Tage tritt als in den historischen Sequenzen im Führerbunker oder beim Kapitulations-Zeremoniell.

Was sagt diese Vermessung der Katastrophe über die Deutschen aus? Sehr erhebend ist es nicht. Wenig Einsicht, keine Umkehr, kaum Hoffnung. Die deutschen Geistesgrößen, die in diesem Buch auftreten, Ernst Jünger und Wilhelm Hausenstein vor allem, wirken in ihren Äußerungen gegenüber der Macht der Ereignisse eher kunstgewerblich und verblasen. Immerhin, Hanns Lilje, der spätere Hannoversche Landesbischof, damals inhaftiert, begreift die zu Ende gehende Epoche als eine Zeit der Prüfungen, nicht ohne sich zu fragen, „was sie an Reinigung, Läuterung, neuer Kraft schenken sollte?“ Aber keiner ist da, der wie der Emigrant Kurt Weill, der Größe des Augenblicks eine Stimme gibt: als Exempel dafür, „wie der menschliche Geist fähig ist, eine Krankheit abzuschütteln. Zu Anstand zurückzufinden und die große Gefahr für Zivilisation und Fortschritt zu überwinden“.

Vielleicht ist der Deutschen bestes Teil die Trauer über den tiefen Fall, den das Land getan hat, gerade bei den Jungen. Immer wieder bricht sie heraus aus Kempowskis kunstvoll verschränkter Erzählung, die ja auch eine grandios inszenierte Comédie Humaine ist. „Es ist aus mit Deutschland, das ich so sehr geliebt habe“: der später bekannte Schriftsteller, damals neunzehn Jahre alt. Eine Schlesierin, die nie auch nur für einen Augenblick an den Sieg geglaubt hat: Nun da die Niederlage da ist, fällt es doch schwer, sie zu ertragen. Die Jugend, „die man so verschwendet hat“, das Vaterland, das „man zerreißen wird“, dass „wir es nicht mehr wiedererkennen“: Klagen – „wie traurig bin ich und wie ohnmächtig“ – einer Zwanzigjährigen. Nirgendwo ist, bemerkenswerterweise, das andere Ufer schon sichtbar, das doch wenig später vor allem die Jungen nachgerade euphorisch entdecken.

Bei der Kapitulation greift der Suchscheinwerfer weiter aus, auf die Feiern in Amerika, England, Frankreich und Moskau. Um so schwerer ist nachzuvollziehen, um so schwerer ist es zu ertragen, wie sehr sich die deutschen Offiziere immer noch an den Stolz auf die „ungebrochene Haltung und Disziplin des deutschen Soldaten" klammern. In London notiert Elias Canetti – und trifft damit den tiefsten Punkt des Absturzes der Deutschen –: „Es ist das Maß der Täuschung, in der sie gelebt haben, das Riesenhafte ihrer Illusionen, das Blindwütige ihres hoffnungslosen Glaubens, was einem keine Ruhe gibt“. Und fragt: „Welches zweite Leben könnten sie jetzt beginnen? ... Wohin können sie noch fallen? Was fängt sie auf?“ In Moskau zieht Ilja Ehrenburg sein Resümee, in einem schönen humanen Ton: „Ich dachte an das Leid, an den Mut, an die Tiefe, an die Treue“. Den Deutschen bleibt die Flucht ins Lakonische: „Die deutschen Sender schweigen, nur Graz brachte Tanzmusik. Es ist furchtbar.“

Blieb ihnen wirklich nicht mehr? Das Buch ist für deutsche Leser ein Exerzitium in Erkenntnis und Beklemmung. Es zieht sie mit Sog-Gewalt hinein in den schmerzlichen Disput mit der eigenen Geschichte. „Die Wand aus Heutigem“, an die „die Bälle von damals knallen“ – Kempowski wagt das Bild in seinen Notizen zur Entstehung des „Echolot“, die den Titel „Culpa“ tragen –, erweist sich als ziemlich durchlässig. Auf die selbst gestellte Frage, weshalb er so viel Energie in diese Arbeit stecke, hat der Autor geantwortet, der Grund sei sein Gefühl für Gerechtigkeit. Er habe den Eindruck, „dass man der Generation, die in diese Zeit hineingeboren war, nicht gerecht geworden ist“. Man könnte es auch Trauerarbeit nennen. Hier findet sie statt, atemberaubend, oft bis an die Schmerzgrenze reichend. Ein Epochen-Buch. Ein Buch für dieses Jahr.

Walter Kempowski: Das Echolot. Abgesang ’45. Ein kollektives Tagebuch. Und: Culpa. Notizen zum „Echolot“, 496 und 384 Seiten, beide erschienen im Albrecht Knaus Verlag, München 2005, 49,90 und 19,90 Euro. Der Autor stellt sein Buch heute um 20 Uhr im Literaturhaus Berlin vor (Fasanenstraße 23).

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