Kultur : Was Europa von Indien lernen kann

Außenminister Steinmeier eröffnet die Buchmesse

Gerrit Bartels

Es ist viel von der Vergangenheit die Rede im Kongresszentrum der Messehallen, bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Auch von einer Vergangenheit, ohne die es keine Zukunft gibt. Von deutscher Seite wird gleich mehrmals auf die erste Buchmesse in Frankfurt verwiesen, die damals, 1949, nur wenig mehr als 200 Aussteller versammelte. Und auf indischer Seite bedanken sich Bildungsminister Arjun Singh und insbesondere die 80-jährige Autorin Mahasweta Devi dafür, nach 1986 Indien ein zweites Mal als Gastland in Frankfurt vertreten zu dürfen.

Bemerkenswert an diesem späten Dienstag-Nachmittag ist zum einen die so fundamentale wie anrührend auf Träumen beharrende Vision der Vergangenheit wie der Zukunft Indiens, die Mahasveta Devi vor Augen führt. Und zum anderen die Rede von Außenminister FrankWalter Steinmeier, der die komplexe Lebenswelt der „weltgrößten Demokratie“ – 1,1 Milliarden Menschen, 28 Staaten, über 20 Nationalsprachen – ein Vorbild nennt, einen Kraft- und Mutspender „für den Aufbau des vereinten Europa“. Steinmeier empfiehlt, man sollte sich die indischen „Dimensionen öfter in Erinnerung rufen, wenn wir an unseren europäischen Aufgaben zu verzagen drohen“. Auch sei er nach der Lektüre von Kiran Nagarkars Roman „Gottes kleiner Krieger“ (siehe S. 34) erneut zu der Einsicht gekommen, dass die europäischen Nationen wie auch die deutsche „immer auch Nationen waren und sind, die durch Migration kulturell hinzugewonnen haben“.

Mit Blick etwa auf die indische Religionsvielfalt weist Steinmeier auf die unzulässige „Verkürzung von Identitäten“ hin. „Wer Identität statisch begreift, der verkürzt das kulturelle Gedächnis, der blendet die Neugier der Menschen, ihre Fantasie und ihren Veränderungswillen aus.“ Kultur, die in Deutschland oft als Mittel zur Ausgrenzung habe herhalten müssen, lebe mehr als jede andere gesellschaftliche Sphäre vom Austausch.

Noch lieber dürften Verleger und Schriftsteller vernommen haben – Stichwort Urheberrechtsnovelle, Googles Universalbibliothek –, dass Steinmeier sich nicht nur Kultur für alle wünscht, sondern im Umkehrschluss auch betont, „dass die Rechte der Urheber von Kulturgütern geachtet und geschützt werden – auch im eigenen Land“.

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