Kultur : Was für ein Mann willst du sein?

Dr. Exzess und Mr. Spektakel: Die Japaner Takashi Miike und Sion Sono in PANORAMA und FORUM

Sebastian Handke

„Der härteste Arbeiter im japanischen Show-Geschäft" ist ein Prädikat, das sich Takashi Miike redlich verdient hat. 70 Filme seit 1991: Auftragsarbeiten unter Zeitdruck und mit wenig Mitteln – die beste Methode, um sich die künstlerische Freiheit zu erhalten, wie er sagt. Und die braucht ein Filmemacher, der seine erstaunliche visuelle Fantasie mit Wut und Humor, beißendem Sozialkommentar und grausigster Splatter-Extravaganz zu einem unberechenbaren Werk verbindet. Seitdem er mit „Audition“ auch abgebrühte Festivalgänger in Schockstarre versetzte, wächst die Zahl ergebener Anhänger. Und Nacheiferer.

Unter den Adepten sticht vor allem Sion Sono ins Auge. Sein Forums-Film „Strange Circus“ beginnt mit der Leidensgeschichte der 12-jährigen Mitsuko (Rie Kuwana), die von ihrem Vater (Hiroshi Oguchi) regelmäßig vergewaltigt wird. Die Mutter stirbt, das Kind nimmt ihren Platz ein, und der Film beginnt ein kurzes, aber falsches Spiel mit der japanischen Spukkonvention vom rächenden Frauengeist. Zunächst stellt sich jedoch heraus, dass Mitsukos Geschichte nur eine Erfindung der Erotik-Literatin Taeko (Masumi Miyazaki) war, die an den Rollstuhl gefesselt und außerdem nymphoman ist. Ihr neuer Assistent Yuji (Issei Ishida) will es genau wissen – sind Taekos Fantasien wahr? – und treibt damit den Film seinem kettensägenseligen Finale entgegen. Die Lösung des Rätsels geht auf, verwandelt Sonos Film aber rückwirkend in eine gewöhnliche, wenn auch wild illustrierte Vendetta. Sonos Versuch, sein Werk zur Kunst zu erheben, endet in pompösem PsychosenPorno-Arthouse-Trash, dessen geistige Glanzleistung darin besteht, körperliche und seelische Verstümmelung zu einer banalen Amputations-Allegorie zusammen zu zwingen.

Pech hat er außerdem, weil Takashi Miike selbst mit einem Film im Panorama dabei ist, dem ebenfalls die Folgen früher Misshandlung zugrunde liegen. Im innerjapanischen Wettstreit um das abstoßendste Bild hält sich Miike allerdings nicht an die Regeln: Er zeigt einfach einen zugänglichen Film. „Big Bang Love, Juvenile A“ erlaubt auch Zaghaften Zugang zu diesem glänzenden Stilisten, der mit der Kamera durch lichtlose Räume schleicht wie im allerbesten Japan-Horror. Der ein Gefängnis auf die leere Bühne bringt wie Lars van Trier in „Dogville“. Der das Verbrechen aufrollt mit einer quasi-dokumentarischen Kriminaluntersuchung, und das alles mit Tanz, Kampf und leiser Erotik verknüpft in einer Atmosphäre endzeitlichen Stillstands.

Und doch kommt dabei ein konzentrierter, beinahe strenger Film über die zarten Bande zweier Insassen heraus, die sich zueinander verhalten wie komplementäre Elemente: Shiro Kazuki (Masanobu Ando), die kunstvoll tätowierte Kampfmaschine, und Jun Ariyoshi (Ryuhei Matsuda), sein knabenhaft-unschuldiges Gegenüber. „Was für ein Mann möchtest du werden?“ Das ist die Frage, mit der „Big Bang Love“ beginnt; eine Frage, deren Antwort Shiro und Jun in ihrer Jugend nicht selbst suchen durften. Am Ende wird einer dem anderen das Leben nehmen mit nichts als einer Geste. Sie wissen nicht, dass man der Vergangenheit nicht entkommen kann.

„Big Bang Love“ ist ein schöner,ungewöhnlicher Film – von einem Regisseur, der höchste Beachtung verdient, nicht wegen, sondern trotz seiner Gewaltexzesse. Wahrscheinlich sitzt Miike schon am Endschnitt seines überüberübernächsten Films, eine Slasher-Orgie vielleicht. Soll er doch. Das nächste Schmuckstück lässt bestimmt nicht mehr lange auf sich warten.

„Strange Circus“: 10.2., 21.30 Uhr (Cinestar 8), 11. 2., 19 Uhr (Delphi), 12. 2. 22.30 Uhr (Arsenal), 13.2., 12.30 Uhr (Cinemaxx 3); „Big Bang Love, Juvenile A“: 11.2. 17 Uhr (International), 17.2. 22 Uhr (Zoo-Palast 1), 19.2. 14 Uhr (Cinemaxx 7)

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