Kultur : "Was für eine Frage, junger Mann!"

In Deutschland ist man zur Zeit erschüttert &

In Deutschland ist man zur Zeit erschüttert über den schlechten Stand der schulischen Ausbildung. Welche Rolle müsste dabei Ihrer Ansicht nach die klassische Musik spielen?

Musikalische Ausbildung ist heute wichtiger denn je: Sie bildet die Seele. Man versteht durch Musik, was Schönheit sein kann. Man versteht die Schönheit der Natur und die der Menschen. Deshalb ist es jetzt so wichtig, dass man in Afghanistan sofort 200 Musikschulen einrichtet, um den afghanischen Kinder diese Schönheit näherzubringen.

War es für Sie selbst seinerzeit eine Belastung, unter einem kommunistischen Regime am Moskauer Konservatorium zu studieren?

Anfangs, während meiner Studienzeit, empfand ich den Lebensstil im damaligen Russland als etwas Positives. Mir gefiel die kommunistische Gesellschaft. Das war bis 1948, da war ich zwanzig. Am 10. Februar 1948 wurde ein Dekret von Stalin gegen den Formalismus in der Musik verabschiedet. Das richtete sich vor allem gegen Schostakovitsch und Prokofjew. Ab sofort war ihre Musik nirgendwo mehr zu hören.

Sie waren damals ein enger Freund von Schostakowitsch?

Seit 1943 war ich sein Schüler. Kurz vor diesem schlimmen Dekret hatte auch meine Freundschaft mit Prokofjew begonnen.

Stimmt es, dass Prokofjew für jede seiner Kompositionen Ihren Rat suchte?

Ja, wir trafen uns oft, wir wohnten nahe beeinander in Moskau. Er wollte von mir außerdem wissen, was ich von den politischen Entwicklungen halte. All diese Gespräche steigerten meinen Hass gegen das Regime.

Aber als Musiker gehörten Sie doch zu einer Elite mit vielen Privilegien?

Prokofjew und Schostakowitsch gehörten zwar zu dieser musikalischen Elite, aber von Privilegien konnte keine Rede sein! Im Gegenteil, gerade jede Elite wurde verfolgt.

Sie selbst als Musiker haben anfangs unter diesen Problemen nicht gelitten.

Das ist wieder eine andere Sache. Ich durfte auf Tourneereisen ins Ausland, aber die Sowjetunion beobachtete uns dabei ständig. Auch wenn wir im Ausland viele Devisen verdienten, durften wir jeweils nur 200 Dollar für uns behalten. Der Rest ging an den Staat.

Wie kam es zu Ihrer Ausbürgerung?

Alexander Solschenizyn hatte aufgrund seiner Verfolgung durch das Regime keine Bleibe mehr, so lud ich ihn zu mir ein. Die Behörden bestanden darauf, dass ich ihn rauswerfen muss, man drohte mir: "Wenn das Ihr letztes Wort ist, dann werden Sie sehen, was geschieht". Alle Auslandstourneen wurden gestrichen, alle Konzerte in Moskau und Leningrad annulliert. Ich wurde aus dem Bolschoitheater verbannt. Wir hatten kein Geld mehr. Ich schrieb an Breschnew und fragte, ob wir nicht im Ausland arbeiten könnten, in der UdSSR gebe es nichts mehr zu tun für uns. Ich hatte den Brief am Schalter des Zentralkomitees abgegeben. Als ich wieder nach Hause kam, erhielten wir telefonisch die Nachricht, im Ausland auf Tournee gehen zu dürfen. Und am 15. März 1968 erfuhr ich aus dem Fernsehen, dass man mir und meiner Frau die Staatsbürgerschaft aberkannt hatte.

Wenn man Sie nicht ausgebürgert hätte, wären Sie trotzdem im Westen geblieben?

Nie! Niemals hätte ich mir vorstellen können, dort für immer zu leben. Ich hatte weder berufliche Kontakte noch Freundschaften im Westen.

Haben Sie nie in den Jahren vor Ihrer Ausbürgerung auf einer Auslandstournee mit dem Gedanken gespielt, statt zurückzukehren im kapitalistischen Westen gutes Geld zu verdienen?

Was für eine Frage, junger Mann! Nie dachte ich an so etwas! Und auch keiner meiner Freunde, die auf Tourneen ins Ausland reisen durften! Hinzu kommt, dass ich nie meine Familie in Russland zurückgelassen hätte.

Hier in Rom haben Sie gerade an der Accademia di Santa Cecilia Schostakowitschs Oper "Macbeth" dirigiert. Überhaupt stehen Sie seit einiger Zeit lieber auf dem Dirigentenpodium und sitzen immer weniger hinter Ihrem Violoncello. Was ist passiert?

Die Arbeit eines Dirigenten ist reicher, umfassender, kompletter als die eines Solisten. Das reizt mich, deshalb war ich für 17 Jahre Dirigent in Washington.

Wie kam es dazu, dass Sie vor 13 Jahren, nach dem Mauerfall, ihr Violoncello ergriffen und sofort nach Berlin reisten?

Ich war damals in Paris, ein Bekannter rief mich an, er schrie in den Hörer: "Schalte sofort das Fernsehen ein!". Ich traute meinen Augen nicht. Ich weinte lange, denn es war diese Mauer, die mein Leben in zwei Hälften zerrissen hatte. Die Mauer war für mich ein Riss im Herzen. Ich lieh mir von einem reichen Bekannten seinen Privatjet und so flog ich nach Berlin und spielte an der Mauer. Da war zwar Publikum anwesend, aber eigentlich spielte ich nur für mich selbst. Ich fühlte mich allein mit mir und der Musik. Meine Musik war ein Gebet an Gott. Ich bat ihn, die Hälften Europas und meines Herzens wiederzuvereinen. Und Gott hat mich erhört.

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