Kultur : Was gerecht wäre

Fortsetzung von Seite 27

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3. Die Stellung in der Generationenfolge. Sie spielt eine Rolle, wenn es darum geht, überhaupt bezahlte Arbeit zu finden. Sind bereits alle in Frage kommenden Stellen durch Ältere besetzt, erleiden die Jüngeren einen unverdienten Nachteil. Wenn Vollbeschäftigung zum Phantomziel geworden ist, können sich viele nur noch dann selbstverantwortlich entfalten, wenn andere ihre Posten und Positionen zu teilen bereit sind.

Dazu ein Gedankenexperiment: Man stelle sich eine Gruppe von Personen vor, die um die Möglichkeit von Arbeitslosigkeit weiß und auch um das mit ihr verbundene Leid. Zugleich kennen diese Personen die Annehmlichkeiten, die eine sichere, im besten Falle unkündbare Stellung bedeutet. Angenommen, diese Personen wüssten nicht, welcher Generation sie in der wirklichen Welt angehören, und müssten über die grundlegenden Institutionen ihrer Gesellschaft befinden. Würden sie Stellenbesetzungen mit dem Vorbehalt gleicher Zugangschancen für alle nachfolgenden Generationen versehen? Vermutlich ja. Die Nachteile dauerhafter Arbeitslosigkeit wiegen bei fairer Gewichtung ungleich schwerer als die Nachteile eines Stellenwechsels, einer unerwünschten Beschäftigungspause oder einer Teilzeitarbeit.

Ist die Drehtür zu Arbeitsplätzen, wie derzeit in Deutschland, für die draußen Stehenden blockiert, sind zwei Lösungen denkbar. Man kann zum einen versuchen, möglichst Viele auf strengste Diät zu setzen, um sie dennoch durch die Tür zu drücken. Was nicht ohne Schmerzen abginge. Ein solcher Großversuch wird gegenwärtig unter dem Titel Hartz IV von der Bundesregierung vorbereitet. Er wird viele unverschuldete Arbeitslose schurigeln, während die Beschäftigungsaussichten ungewiss bleiben, weil sie nachfrage- und strukturabhängig sind.

Denkbar ist folgende Alternative: Anstatt Arbeitslose im Namen des illusionären Ziels der Vollbeschäftigung zu demütigen, könnte man ein Bürgerrecht auf fairen Anteil an bezahlter Arbeit erwägen. Niemand kann dann damit rechnen, bis zur Verrentung auf einer Vollerwerbsstelle zu sitzen, deren finanzielle Ausstattung plus Arbeitgeberanteil das eigene Auskommen garantiert und auch alle „Risiken“ abdeckt. Gleichzeitig muss aber niemand mehr befürchten, dauerhaft draußen vor der Tür zu bleiben.

Allein mit gesetzlichen Maßnahmen wie der Abschaffung des Berufsbeamtentums – oder seiner strikten Beschränkung auf hoheitliche Aufgaben – lässt sich das kaum erreichen. Nicht weniger wichtig ist eine kulturelle Revolution, ein Umdenken, das die Bereitschaft zu Teilzeitarbeit und die Nachfrage nach Sabbatjahren attraktiver macht, vor allem bei der männlichen Erwerbsbevölkerung. Das ist zumutbar, wenn viele Leistungen verstärkt steuerfinanziert werden: Leistungen von der Kranken- bis zur Rentenversicherung, die heute noch einseitig auf Lohnarbeit beruhen. Reicht ein Erwerbseinkommen nicht hin, auch nur den Grundbedarf zu decken, sind Kombilöhne denkbar.

Wichtiger als diese Details ist jedoch das Prinzip: Eine gerechte Gesellschaft gibt allen Gelegenheit, nicht nur passiv, als Leistungsempfänger, sondern aktiv, als verantwortliche Personen, am sozialen Leben teilzuhaben. Unter dieser, aber auch nur unter dieser Voraussetzung ist es gerecht, sie auch an ihre eigene Zuständigkeit zu erinnern.

Der Autor lehrt Philosophie an der Ottovon-Guericke Universität Magdeburg.

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