Kultur : Was Goethe den Kopf verdreht

Dani Karavan erhält in Berlin den Piepenbrock-Preis für Skulptur

Nicola Kuhn

In letzter Zeit ist viel von zivilgesellschaftlichem Engagement die Rede. Hier nun, so Bundespräsident Wolfgang Thierse gestern in seiner Festansprache im Hamburger Bahnhof, gebe es dafür ein treffliches Beispiel: den Piepenbrock-Preis für Skulptur. Wohlverstandene Firmenpolitik sei mehr als Gewinnmaximierung. Für den Berliner Sammler und Unternehmer Hartwig Piepenbrock und seine Frau Maria-Theresia bedeutet das alle zwei Jahre die Verleihung eines hochkarätigen Kunstpreises. Denn mit 50000 Euro ist der Piepenbrock-Preis die international höchstdotierte Auszeichnung. Obendrein geht sie an namhafte Preisträger; nach Erwin Heerich, Eduardo Chillida und Anthony Cragg wurde der zum neunten Mal verliehene Preis gestern an Dani Karavan vergeben.

Karavan gilt als Erfinder der ortsspezifischen Skulptur. Ortsspezifisch heißt: im Einklang mit der Umgebung. Dani Karavan lässt sich auf den lokalen Kontext ein und entwickelt aus Erinnerungen an den Ort eine „Perspektive für die Zukunft“, wie es Jurymitglied Christoph Brockhaus formuliert, der Direktor des Duisburger Lehmbruck-Museums. Besonders eindrucksvoll ist dies dem israelischen Künstler, der in sich die Funktionen eines Bildhauers, Architekten, Gartengestalters und Städteplaners vereint, bei der minimalistischen Walter-Benjamin-Gedenkstätte im spanischen Portbou gelungen.

Für Berlin gestaltete der 74-Jährige auf Einladung des Bundestages den Vorhof des Jakob-Kaiser-Hauses zur Spree hin. Hier ließ Karavan auf 19 Glastafeln die 19 Artikel des Grundgesetzes eingravieren. Gänzlich vollendet ist es noch nicht; der Preisträger nutzt die Gelegenheit, um auf fehlende Elemente hinzuweisen. Angesprochen auf das Holocaust-Mahnmal, erklärt er rundweg, der Platz sei „zu zentral, zu groß, zu laut“, auch wenn er sich selbst am Wettbewerb beteiligt habe. Am Ende werde nichts weiter geschehen, als dass die Goethe-Skultpur im Tiergarten ihr Haupt Richtung Mahnmal wenden werde – dies sei das eigentliche Kunstwerk. Karavan schlage eine Brücke zwischen Kunst und Politik, lobt derweil Festredner Thierse. Der israelische Botschafter Shimon Stein nennt ihn im Grußwort gar einen Friedensboten. Seinen Eigensinn hat der Künstler trotz zahlreicher Aufträge rund um den Globus offenbar dennoch nicht verloren.

Neben Karavan wurde gestern auch Björn Dahlem geehrt, mit dem Förderpreis für Skulptur (12500 Euro), der mit einer Ausstellung verbunden ist. Während Karavan der Künstler des öffentlichen Denkmals sei, so Generaldirektor Peter-Klaus Schuster, sei Dahlem der Kosmiker im Interieur. Wo der eine in der Weite agiere, wirke der andere durch Intensität. Dahlem baut aus Dachlatten, Styropor und Glühbirnen ganze Galaxien. Mit einem Lachen reagierte der 29-Jährige auf Karavans Frage, ob er sich nicht für seine Installationen auch eine langlebigere Existenz wünsche. Ihm reiche die Dauer einer Ausstellung, so Dahlem. Ab 28. Mai wird er im Hamburger Bahnhof die Probe aufs Exempel machen können.

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