Kultur : Was haben Sie von 1968 gelernt, meine Herren?

GERT MATTENKLOTT, geboren 1942 in Oranienburg, studierte Germanistik und Philosophie in Berlin, Göttingen und Grenoble.Er engagierte sich als Student in der Bewegung der "Außerparlamentarischen Opposition" (Apo).Mattenklott lehrte später zunächst Germanistik in Marburg und ist heute Professor für allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft sowie Dekan des Fachbereichs Germanistik an der Freien Universität Berlin.

KLAUS SCHROEDER, geboren 1949 in Lübeck, kam Ende der sechziger Jahre nach Berlin und studierte Biologie und Soziologie.Schroeder schloß sich der "Undogmatischen Linken" an und war Anfang der siebziger Jahre in linken Stadtteilgruppen aktiv.Heute ist er Privatdozent für Politische Wissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin und ist zusammen mit Manfred Wilke Leiter des Forschungsverbun des SED-Staat.

BERND RABEHL, Jahrgang 1938, geboren in Rathenow, studierte bis 1960 Agronomie an der Ost-Berliner Humboldt-Universität.Nach seiner Flucht nach West-Berlin kam er über die "Subversive Aktion" zum Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), war dort im Bundesvorstand aktiv und neben Rudi Dutschke wohl der bekannteste Studentenführer.Seit der Promotion 1973 war Rabehl als Assistent und Professor auf Zeit unter anderem in Brasilien tätig.Nun lehrt er Soziologie an der FU Berlin.

Am 4.Dezember 1998 feiert die Freie Universität Berlin ihr 50jähriges Jubiläum.Unter den schwierigen Bedingungen der Nachkriegszeit gegründet, weist ihre Entwicklungsgeschichte bewegte Phasen auf.Im Selbstverständnis einer politischen Universität spitzten sich gegen Ende der sechziger Jahre ursprünglich rein bildungspolitische Auseinandersetzungen zu.1968 ist noch heute Symbol für den Versuch einer gesellschaftlichen Umwälzung, ausgehend von protestierenden Studenten.Iwan Zinn befragte drei, die damals dabei waren und heute selbst an der FU lehren: Bernd Rabehl, Gert Mattenklott und Klaus Schroeder.

TAGESSPIEGEL: Wie kamen Sie zur Studentenbewegung und welche Bedeutung hat für Sie "1968"?

MATTENKLOTT: Ich war zwar ein starker Sympathisant der Studentenbewegung, aber nicht politisch organisiert.Der damalige Aufbruch gab mir die Möglichkeit, gegen die bräunliche Vergangenheit meines Elternhauses zu rebellieren.Die Dogmatik der vielen linken Gruppierungen mißfiel mir jedoch zunehmend.Mit dem Ruf des Sympathisanten wurde ich als Dozent in die linke Hochburg Marburg berufen.Die Enttäuschung dort war groß, als die merkten, daß es mit meinem revolutionären Eifer nicht mehr so weit her war.Vom Anarchismus habe ich mich bis heute nicht getrennt, aber nur auf literaturwissenschaftlicher Ebene.

RABEHL: Als Dutschke und ich durch eine Statistik-Prüfung geflogen waren, sprach Herbert Nagel uns an, und wir landeten in der "Subversiven Aktion".Neben einer theoretischen Neubestimmung wollte die vor allem Provokation und Entlarvung der Eliten.Wir beschlossen, den SDS zu unterwandern und hatten bald die Mehrheit auf unserer Seite.Bis 1970 war ich Berufsrevolutionär und hatte kaum noch Zeit zu studieren.Dann löste der SDS sich auf, und für mich brach eine Welt zusammen.Als Galionsfigur der 68er hatte ich später Schwierigkeiten, eine feste Stelle zu bekommen.

SCHROEDER: Ich bin mehr oder weniger zufällig in eine Spontigruppe geraten.Ich war ein linksradikaler Antikommunist, rätedemokratisch und parteifeindlich.Am Anfang stand aber das Aufbegehren gegen Spießbürgerlichkeit und obrigkeitsstaatliche Traditionen in Deutschland.Die Jugendlichen wollten sich in ihrem Habitus von der Elterngeneration abgrenzen, durch Beatmusik und so weiter, waren aber kaum politisch engagiert.Der SDS hatte Anfang der 60er Jahre kaum politischen Einfluß.Erst durch die Große Koalition und die Notstandsgesetze kam es vorübergehend zu einem Zusammenschluß der, sagen wir mal "kulturrevolutionären", und der politisch motivierten Bewegung.Schon 1968/69 fiel das wieder auseinander.Es fehlte eben die Basis in der Bevölkerung und auch unter den Studenten.Trotzdem war 1968 für viele identitätsstiftend, das wirkt bis heute nach.

MATTENKLOTT: Ich denke, die Empörung über die braune Vergangenheit Deutschlands und deren Hineinreichen in die Gegenwart waren der größte Antrieb, politisch aktiv zu werden.Um sich von dieser Bundesrepublik abzugrenzen, erhielt die antifaschistische Selbstdarstellung der DDR für mich und viele andere hohe Attraktivität.An der Oberfläche sprach ja einiges für die DDR, etwa die gelungene Entnazifizierung.Durch die Parteisäuberungen und die Repressionen waren wir zwar irritiert, aber dennoch stand Sozialismus weiterhin für das Gute.

RABEHL: Auch in der DDR kamen viele ehemalige Nazis in Führungspositionen.

MATTENKLOTT: Für uns stand aber fest: es gibt keinen Antisemitismus in der DDR.Natürlich ist das heute nicht haltbar.

RABEHL: Ich erinnere mich an heftige Konflikte mit westlichen Studenten, denen Dutschke und ich ihre DDR-Freundlichkeit austreiben wollten.Das war hoffnungslos.

SCHROEDER: Generell gilt: Man dämonisierte die USA und die Bundesrepublik als kapitalistisch-faschistische Staaten, während der Realsozialismus als fortschrittlich eingestuft wurde.Selbst die Intervention in Prag 1968 stieß im Gegensatz zu Vietnam auf wenig Kritik.Nochmal zum Umgang mit der "braunen Vergangenheit": Es gab keine Selbstbefreiung vom Nationalsozialismus.Bis zuletzt hielten die meisten Deutschen Hitler die Treue.Da die Bundesrepublik die NS-Vergangenheit verdrängte, mußte irgendwann ein Bruch von der Jugend kommen.

RABEHL: Der Bruch hätte aber auch von rechts ausgehen können, die NPD war damals sehr stark.

SCHROEDER: Und ebenso antiwestlich orientiert wie die Studentenbewegung.

MATTENKLOTT: Der Moralismus, die Gesinnungsethik gegen die Verbrechen der Nazizeit ging aber von der linken Studentenbewegung aus, und war wohl der einzige Konsens der vielen unterschiedlichen Sekten.

SCHROEDER: Die 68er-Bewegung hat das herrschende Wertesystem angegriffen und teilweise zerstört.Das ist tatsächlich gut gelungen.Das Versagen liegt darin, daß das entstehende Vakuum nicht mit akzeptablen Werten, sondern mit linkstotalitären, stalinistischen Konzepten gefüllt werden sollte.Diese destruktive Kehrseite von 68 wirkt ebenfalls bis heute nach.

MATTENKLOTT: Ich sehe das nicht so negativ.Die Gesellschaft hat doch durch 68 eindeutig liberale Impulse erhalten.Autoritäten und hierarchische Strukturen wurden hinterfragt.Das Mißtrauen, etwa gegen Pressekonzentration, wuchs.Freie Öffentlichkeit bekam in der gesamten Bevölkerung einen höheren Stellenwert.

SCHROEDER: Wie sinnvoll das Ablehnen formaler Autorität auch gewesen sein mag, es führte in organisierte Verantwortungslosigkeit, nicht zuletzt an den Universitäten.

RABEHL: Ich denke auch, daß die Ordinarienuniversität letztlich die bessere Variante war.Sie kannte noch so etwas wie wissenschaftliche Qualifikation kombiniert mit Verantwortung, während sich heute alles in Phrasen auflöst.

MATTENKLOTT: Das freiere Klima an der Uni ist mir bis heute wichtig.Weiter darf aber auch nicht vergessen werden, daß 68 wesentlich dazu beigetragen hat, einen erneuten deutschen Militarismus zu verhindern.

SCHROEDER: Aber die 68er verstanden sich doch größtenteils als Revolutionäre, und damit wurden sie zwangsläufig zu Militaristen.Die meisten, Gott sei Dank, nur in ihrem Verbalradikalismus.

MATTENKLOTT: Man kann doch die 68er nicht als militaristisch bezeichnen.Im Gegenteil: sie waren pazifistisch.

SCHROEDER: Auch wenn sie selbst nicht militaristisch waren, haben sie doch den revolutionären Militarismus unterstützt, zum Beispiel in Mittel- und Südamerika.

RABEHL: In diesem Sinne war auch die spätere Friedensbewegung militaristisch, denn sie verleumdete den Sowjetmilitarismus und die SS 20-Stützpunkte in der DDR.

SCHROEDER: Die Schizophrenie lag doch darin: Der westliche Militarismus wurde als Imperialismus verurteilt, der östliche Militarismus geduldet oder sogar gutgeheißen.

MATTENKLOTT: Aber die Friedensbewegung war doch nicht sozialistisch.

SCHROEDER: Aber auf dem linken Auge blind.

MATTENKLOTT: Mir scheint, daß Sie durch ihre ehemalige Teilhabe an den Organisationen den Sinn für allgemeine Stimmungen in der Bevölkerung verloren haben.68 und die Friedensbewegung haben stark dazu beigetragen, daß das pazifistische Milieu sich ausbreitete.

SCHROEDER: Die Bundesrepublik hat es durch den Umgang mit 68 geschafft, sich gegen den linkstotalitären Ansturm zu behaupten, ohne sich in einen autoritären Staat zu verwandeln.Letztlich ist sie aus dem Herbst 77 gestählt hervorgegangen und hat eine demokratische Feuertaufe erhalten.

MATTENKLOTT: Die Bundesrepublik, wie wir sie heute kennen, ist doch nicht von den Anti-68ern gemacht worden.

TAGESSPIEGEL: Ist sie nicht gerade durch die 68er geprägt, die den "Marsch durch die Institutionen" vollendeten und seit langem in hohen Positionen sitzen?

RABEHL: Das eigentliche Ziel dieses Marsches, die Unterwanderung des Systems, hat aber nicht funktioniert.Die Leute haben ihre Karrieren gemacht, aber weitgehend ohne politische Implikation.Ausnahme sind die ehemaligen K-Gruppenmitglieder, die dann auf das grüne Trittbrett gesprungen sind.Die übernahmen ökologische Phrasen, blieben in ihrem machtpolitischen Denken aber die alten MLer.

SCHROEDER: Kriegsgewinnler der 68er sind an den Unis stark vertreten.Die sind damals nach oben gespült worden und haben im Laufe der Jahre ihre revolutionäre Gesinnung in eine pseudoprogressive geändert.

MATTENKLOTT: Als Marxisten verstehen sich einige aber nach wie vor.

TAGESSPIEGEL: Inwiefern war die "Dritte Welt" in die Revolutionstheorien der 68er integriert?

SCHROEDER: Auf die "Dritte Welt" projizierte die Bewegung alles "Gute".In der einseitigen Agitation gegen den amerikanischen Imperialismus wurden die realen Verhältnisse der vermeintlich guten Seite überhaupt nicht wahrgenommen.

RABEHL: Kuba erinnerte mich wahnsinnig an die DDR.Als ich das in "Konkret" schreiben wollte, hieß es: "Willst du etwa die Ideale der Genossen zerstören?" Man wollte die Wirklichkeit gar nicht kennen.Kuba war gut, weil man selbst gut sein wollte.Die "Dritte Welt" war Wunschlandschaft, Mystifizierung.

SCHROEDER: Wer damals wagte, derartige Kritik zu üben, wurde mit dem Totschlagargument konfrontiert: "Diese Kritik nützt nur dem Klassenfeind."

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