• Was haben uns Gärten zu sagen? Der Schweizer Kulturpublizist Paolo Bianchi stritt mit anderen Kennern der Gartenkunsszene

Kultur : Was haben uns Gärten zu sagen? Der Schweizer Kulturpublizist Paolo Bianchi stritt mit anderen Kennern der Gartenkunsszene

Philipp Lichterbeck

Wie sähe das aus, wenn anstelle eines Stelenfeldes von 2 700 Betonpfeilern ein Garten als Mahnmal für die ermordeten Juden Europas angelegt würde? Nicht eine monumentale Inszenierung entstünde, sondern ein organisches Kunstwerk. Die Pflege des Gartens wäre die Pflege des Gedächtnisses, was einer dauerhaften Beschäftigung mit der Geschichte gleichkäme. Der Schweizer Kulturpublizist Paolo Bianchi singt ein Loblied auf den Garten als Denkmal. Er erhebt ihn zur Gedächtnisstütze, preist ihn als Ort der Selbstbetrachtung, verklärt ihn zur "Enklave einer irenischen Zeit fern jeden Chronometers". Im Rahmen der Ausstellung "La belle Jardinière" die im Park des Schlosses Wiepersdorf zu sehen ist (bis 24. 10.), stritt er am Sonntag mit anderen Kennern der Gartenkunstszene über das Thema "Gärten - Kunst - inszenierte Natur".

Es wurde eine exemplarische Auseinandersetzung über die Zukunft der Gartenkunst. Auf der einen Seite Bianchi, der die Mythologisierung des Gartens betreibt, auf der anderen Seite der Landschaftsarchitekt Udo Weilacher, der sich und seinen Berufsstand beleidigt sieht durch die "gestalterische Geschwätzigkeit" der sogenannten Künstlergärtner und Land-Artisten. Dass jede skurril beschnittene Hecke und jedes in die Form eines Bildes gemähte Feld als Kunst deklariert wird, trage zum Glaubwürdigkeitsverlust aller am Gesamtkunstwerk Garten beteiligten Disziplinen bei.

Aber Bianchi ging es weniger um Ernst als vielmehr um schöne Worte. In vierzig Minuten brachte er es fertig, sämtliche Phrasen aus dem Wörterbuch des Esoterikers zu zitieren. Er sprach vom Garten als romantischer Naturkirche, der außerdem als vertikales und gleichzeitig horizontales Wesen dem Menschen ähnele und wie dieser stets im Werden begriffen sei. Wie er da plötzlich auf das grandiose Gedicht Gerhard Rühms kam, das von brunzenden Lilien, furzenden Veilchen und schlatzenden Nelken berichtet, war ihm wohl selbst nicht klar, denn gleich war er wieder bei den Flower Power Kindern. Zur Beantwortung der Frage, wie der Garten der Zukunft aussehen könnte, trug Bianchi jedenfalls wenig bei.

Dafür war Weilacher angetreten. Er konstatierte: Der Garten ist der Ausdruck funktionalistischer Grünplanung und bildet ein Raumgefüge organischer wie anorganischer Stoffe. Das Gesamtkunstwerk Garten sollte man nicht mit der Natur selbst verwechseln, er sei lediglich ein gemachtes Wunschbild von ihr. Deshalb könne das Ziel jeden Eingriffs in die Landschaftnur die Steigerung der Sensibilität des Menschen für seine Umgebung sein. Mit derart verhärteten Fronten begab man sich in den Schlosspark, um die Arbeiten elf internationaler Künstler zu bewundern. Oder auch nicht. Im besten Fall sind die Werke nett, im schlimmsten Fall nichtig. Wenn man wie Sibylle Hofter zwanzig Betonbabies in naturgröße über den Rasen verteilt, kann man das ja noch als neckisch empfinden, wenn aber dreißig Meter weiter eine Gießkanne und ein Schälchen aus weißem Plastik neben einem Wasserhahn liegen, ist das nicht nur läppisch sondern ärgerlich. Die verspielten Klanginstallationen von Marianne Greve und der Chinesin Quin Yufen gehörten da noch zu den Lichtblicken der Ausstellung, weil sie im spätromantischen Ensemble des Schlossgartens überraschend plaziert sind und so etwas wie einen Dialog herstellen zwischen Garten, Kunstwerk und Betrachter. Ironisch auch der grüne Naturautomat Svenja Hehners aus dem man anstelle einer Packung Zigaretten eine Packung Duft ziehen kann.

Um die Ausstellung schnell zu vergessen, begab sich die Gesellschaft zurück ins Herrenhaus, wo Hans von Trotha, Cheflektor des Berliner Nicolai Verlages, Weilachers Forderung nach dem historischen Kontext erfüllte. Er zeichnete die Geschichte des europäischen Gartens nach: Von der zentralistisch ausgerichteten Parkanlage im Frankreich des 17. Jahrhunderts bis zu den Volksparks des 19. Jahrhunderts. Immer reflektierten die Anlagen die Beziehung zwischen Mensch und Natur und den Menschen untereinander. Die Frage sei deshalb zulässig, ob der zeitgenössische Garten überhaupt noch Pflanzen beinhalten müsse. Immerhin sei doch auch eine Betonfläche eine Auseinandersetzung mit Natur.

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