Kultur : "Was haben wir davon, wenn ihr hier filmt?"

HANS-JÖRG ROTHER

Wenn es Morgen wird, geht das Mädchen seine Brüder auf dem Lager wecken, wo sie die Nacht bei der letzten Beute verbracht haben: aus dem Müll aufgesammeltes Papier, Büchsen, Flaschen.In der Hütte der Eltern waschen sich die Halbwüchsigen, dann laufen sie in die Stadt hinunter, wo die Roma-Kinder, dank der Inititative der belgischen Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen", seit kurzem die Schule besuchen dürfen.Der Direktor hat aber mißtrauisch vorgesorgt - und ihnen einen Raum der angrenzenden Baracke zugewiesen.

Indessen verkauft der Vater das Sammelgut für umgerechnet wenige Mark, und auf der Müllkippe, an deren Rand die Familie mit vierzig anderen ihres Stammes lebt, hat schon wieder der Kampf um die aus Cluj (Klausenburg) anrollenden Ladungen eingesetzt.Der Platz in "Dallas", wie die Romas ihren von den Behörden bedrohten Siedlungsplatz humorvoll-ironisch nennen, ist eng geworden, seitdem auch völlig mittellos gewordene Rumänen dort nach Verwertbarem suchen.

Ein halbes Jahr hat Andrei Schwartz, aus Rumänien gebürtig und seit fünfundzwanzig Jahren in der Bundesrepublik beheimatet, bei den Ärmsten der Armen verbracht.Freimütig zeigt er am Schluß, wie er die Mitwirkenden für das Spiel der eigenen Rolle bezahlt."Was haben wir davon, wenn ihr hier filmt?" haben sie am Anfang skeptisch gefragt, denn ihr Tag ist hart."Du kannst nicht mehr vom Teller nehmen, als du selbst darauf gelegt hast", sagt eine alte Frau.Daß diese Wahrheit kaum für jedermann auf der Welt gilt, muß sie nicht wissen.Sie vertraut auf Gott, aber wirklich verlassen kann man sich nur auf die eigenen Hände, die mit sicherem Griff in den im Hochsommer stinkenden Abfall greifen.

Zum Erbarmen arm sind diese Leute, die alle einander gut kennen (ganz so wie die in jenem anderen Dallas), zuweilen auch schon handgreiflichen Streit austragen, aber sonntags auch mal auf der Kippe tanzen.Wenn sie dann im Kino zum wiederholten Mal einen indischen Schmachtfetzen aus einer Traumwelt ohne Not sehen können, scheint - zwei Stunden lang - zum Glück nichts mehr zu fehlen.

Andrei Schwartz nahm einige Mitarbeiter aus Ungarn mit auf die Reise nach Siebenbürgen.Die Bilder von Gábor Medvigy schmerzen das Auge durch ihre harte Buntheit, aber dann legt sich im Dämmerlicht der Hütte ein milder Schleier über die Farben.Den Anfang bilden einige Schwarz-Weiß-Sequenzen, deren durchdringende Kraft an Medvigys visionäre Bildschöpfungen für Béla Tarrs Langspielfilm "Satanstango" erinnert.

Aber in diesem Stil wollte Schwartz den Überlebenskampf auf der Müllhalde nicht zeigen.Er erstellte ein verstörendes Panorama, dessen viele Details der Regisseur noch durch sein Erzählen im Off vermehrt.Zsuzsa Csákány, die schon bei Szabós "Mephisto" und "Oberst Redl" den Schnitt besorgte, hat zwischen den auseinanderstrebenden Szenen oft verblüffende Zusammenhänge hergestellt.

Der vom Zweiten Deutschen Fernsehen in Auftrag gegebene, bereits auf Festivals in Amsterdam und Toronto ausgezeichnete Film wurde dank der ausdauernden Regie mehr als ein schnelles Streiflicht vom schreienden Elend.Gerade die eher intimen Momente verhelfen zu einem besseren Verständnis von Menschen, die den zivilisatorischen Fortschritt nur aus der Perspektive des Abfalls wahrnehmen, aber gelernt haben, ihre Existenz zu verteidigen.Anders als die Schafherde, die ebenfalls zu den Kostgängern der Kippe gehört (dies erhellt eine absurde Szene), bewahrt ihr Gedächtnis die Geschichte und Legende eines geschlagenen, verstreuten Volkes, das in seiner Not immer auf den nächsten Tag hoffen muß.

Im fsk am Kreuzberger Oranienplatz sowie in den Hackeschen Höfen (untertitelte Originalfassung)

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