Kultur : Was haben wir gelacht, der Wolf und ich

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Von Christine Lemke-Matwey

Ach, eigentlich weiß man das doch alles. Oder meint es zu wissen. Der Wagner-Clan und die braune Ursuppe, „Winnie“ und „Wolf“, der Grüne Hügel von Bayreuth als locus amoenus und das Werk Richard Wagners als ideologischer Fixstern eines mörderisch menschenverachtenden Diktators. Man weiß, dass die ebenso lebenslustige wie lebenskräftige und bis ins hohe Alter hinein ausgesprochen attraktive Winifred Wagner in Adolf Hitler schwer verliebt war, vornehmlich in sein „ganz blaues“ Auge (der Singular steigert hier gewissermaßen den Phänotyp!); und man weiß auch, dass er ihre Gefühle nicht erwidern konnte oder wollte. Man weiß um die finanziellen Bedrängnisse der Festspiele seit 1924; man weiß, dass Siegfried Wagner, Winifreds Gatte, nicht nur ein grauenvoller Komponist war, sondern obendrein schwul und ein leidenschaftlicher, von Neid zerfressener Antisemit; man weiß, dass sich Winifred, von ihren Söhnen Wieland und Wolfgang nach 1945 hurtig zum Sündenbock abgestempelt, bis zu ihrem Tod 1980 geradezu lustvoll als Alt-Nazisse in Szene setzte (Klaus Mann titulierte sie deswegen als „unverschämt unverlogen“, was Winifred schmeichelte); und man weiß, dass die Generation ihrer vier Kinder – sieht man von der rebellischen Friedelind ab – heftigst darum bemüht war und es noch immer ist, unter Verschluss zu halten, was den Ruf des Clans in der Weltöffentlichkeit weiter beschädigen könnte.

Die Ausstellung zu Winifreds 100. Geburtstag 1997 etwa wurde wenige Wochen vor Eröffnung hochnotpeinlichst wieder eingestampft. Und über viele mutmaßlich brisante Dokumente - darunter die Briefe Hitlers - wacht bis heute, als getreuer Familiendrache, Winifreds Lieblingsenkelin, die Verena-Tochter Amélie Hohmann in München. Eine Neuigkeit, immerhin.

Man weiß ES also, einerseits. Andererseits ist man nur mäßig begierig, ES immer wieder in immer wieder neuen Details zu erfahren. Denn, mit Verlaub: Ist das Thema, der Sündenfall der Wagners im Dritten Reich, wirklich noch sexy? Ist nicht längst alles gesagt, auch wenn eben nicht alles gesagt ist oder besser: gesagt werden kann? Einer disparaten und irreparabel manipulierten Quellenlage zum Trotz sind spätestens seit den 70er Jahren die vielfältigsten Versuche unternommen worden, das Sumpfdunkel der Sippe zu lichten - wissenschaftliche wie künstlerische, politische wie familiäre. Mit durchwachsenem Erfolg. Das im kollektiven Gedächtnis angestaute Wissen und Halbwissen indes berechtigt nicht dazu, heute, über 50 Jahre danach, der Aufklärung in Sachen Wagner ein (wie auch immer geartetes) Ende zu bereiten; und es kann auch nicht heißen, dass notgedrungen unter den Teppich gekehrt wird, was der Clan nicht preisgibt. Aber es könnte schon bedeuten, dass sich die Welt an den Wagnerschen Mauern des Schweigens und Verschweigens die Nase blutiger gehauen hat, als sie dachte, und dass die Familie, zerstritten wie eh und je, unverhofft den längeren Atem besitzt.

Ein Paradox? Die Kapitulation jeder historisch-kritischen Methode vor der Erbmasse Mensch? Die magische Bayreuther Formel „Hier gilt’s der Kunst“ (vom Ahnvater ersonnen und von Siegfried 1925 ebenso inbrünstig ins Feld geführt wie von Adolf Hitler - um das Anstimmen des Horst-Wessel-Liedes im Festspielhaus zu unterbinden! - und selbst von den Begründern Neu-Bayreuths 1951 nicht verschmäht), sie beschreibt das Dilemma nur zu genau: Solange sich die Wagner-Kunst auf dem Grünen Hügel von ihren Umständen trennt, kann sie nicht glaubwürdig sein. Solange die Festspiele betrachtet werden, wie einst Hitler sie sah, als privates Elysium und „einzige Erholung“ von der Welt (1940, mitten im Krieg!), solange werden Misstrauen und Moder nicht weichen.

Eine Metapher: Die Fahnen des Festspielhauses und der Villa Wahnfried. Vom himmelblauen Wagnerschen Initial über die martialische Hakenkreuzbeflaggung und das weiße Tischtuch oder Bettlaken des 14. April 1945 bis hinein ins 21. Jahrhundert - und damit zurück zum alten Initial. Ein Kreis, der sich schließt und dem seine Beulen und Blessuren nicht anzumerken sind. Als Hitler 1933 die Macht ergreift, heißt es, habe das Haus Wahnfried die größten Hakenkreuzfahnen von ganz Bayreuth besessen: 2,4 mal 7 Meter lang und so schwer, dass, wie die Familienvertraute Lieselotte Schmidt berichtet, „ein Fahnenmast umknickte wie ein Streichholz“. Unverzüglich wurden die Masten einbetoniert. Trefflicher hat sich die Last der Geschichte (und der unbändige Wille, daran teilzunehmen!) wohl selten manifestiert.

In diese Gemengelage nun stach der Piper Verlag mit Brigitte Hamanns „Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth“: Die allererste Biografie immerhin und rechtzeitig, um den sowohl ästhetisch-künstlerisch als auch von der Nachfolge-Debatte ausgelaugten Festspielen ein neues altes Thema zu bescheren. Die Reaktionen waren kontrovers und heftig. Die Süddeutsche Zeitung sprach, relativ gehässig, von einer „Anekdotensammlung in tiefbraun“, der Spiegel wusste nicht so recht, ob er das Verständnis, das Hamann für die Person Winifreds weckt (freiwillig oder nicht), wirklich goutieren sollte, die FAZ bemängelte den vermeintlichen Rückzug vom Auftrag einer „politischen Biographie“ ins Private, und die „Zeit“ ergötzte sich vornehmlich daran, dass Hamann an Wieland Wagner, der „Lichtgestalt des Nachkriegs-Bayreuths“, kein gutes Haar lässt. In jedem Fall dürften dem Buch glänzende Verkaufszahlen sicher sein - und das, obwohl oder weil es so verdammt mühselig zu lesen ist. Man versteht nicht recht: Wertvoll ist, was anstrengt? Populär ist, worauf sich letztlich jeder seinen Reim macht?

Die Materialfülle, die Hamann dem Leser zu Füßen legt, ist zunächst gigantisch (allein fünf Jahre hat sie recherchiert!). Auf knapp 700 Seiten wird der Werdegang „Winnies“ vom herumgestoßenen, neurodermitischen Waisenkind Winifred Williams über das in „ordentlichen“, deutschnationalen Verhältnissen aufwachsende Mündel Winifred Klindworth und ihre antisemitische Initiation bis zur Bayreuther Stammhalterin und Festspiel-Prinzipalin Winifred Wagner minutiös nachgezeichnet.

Dabei ist Hamanns Mitteilungsdrang überbordend. Alles, restlos alles schreibt sie auf: Winifreds „Liebes-Pakete“ für den in Landsberg inhaftierten Führer („Strümpfe, Futterzeug“) ebenso wie, mehr oder weniger, die komplette politische Zeitgeschichte; die Wildheit der Kinder ebenso wie die schwelenden Animositäten zwischen Tietjen, Furtwängler und Toscanini; ihre persönlichen Gewichtsprobleme (187 Pfund! - „ich bin außer mir“) ebenso wie ihren unermüdlichen und oft von Erfolg gekrönten Einsatz für die Verfolgten des Nazi-Regimes, für Juden, Homosexuelle und Kommunisten. Selbst die Tatsache, dass beim Bombenangriff auf Wahnfried 1945 neben dem Grab des Meisters auch die Gräber der Hunde und Papageien im Garten unversehrt blieben, darf nicht fehlen, ebensowenig wie Winifreds „Nibelungentreue“ zu Hitler - eindrücklich dokumentiert 1975 in Hans Jürgen Syberbergs Film und von Hamann ausführlichst zitiert (“Hitler war charmant! Ein echter Österreicher, wissen Sie! Gemütvoll und gemütlich!“).

Diese, böse formuliert, beflissene Gleichschaltung von Wesentlichem und Unwesentlichem, von Tatsachen und Tratsch, macht es nahezu unmöglich, sich von der Schizophrenie dieser starken Frau, von ihrer himmelschreienden politischen Unbedarftheit ein Bild zu machen. Seltsame Beobachtung: Diese Lektüre macht nicht klüger. Brigitte Hamann mag gespürt haben, was sie ihren Lesern schuldig bleibt. Und so rafft sie sich am Ende doch noch auf: Winifred, heißt es auf der allerletzten Seite, „war weder eine Heldin noch eine Verbrecherin, sondern gehörte zur großen Masse der Gutgläubigen, Verblendeten, die dem großen Verführer Hitler erlagen.“

Eines allerdings zeigt das Buch ganz deutlich: Dass Winifred Wagners Witz, ihrer Chuzpe und Intelligenz mit solchen Pauschalismen noch nie beizukommen war. Oder wie sagte sie zu Syberberg, der ewig gleichen Anwürfe müde: „Meine Söhne hatten ja mal vorgeschlagen, ich sollte meine sämtlichen Teppiche verkaufen und sagen, das wären Teppiche, in die Hitler gebissen hätte. Könnte ich viel Geld verdienen!“

Brigitte Hamann, „Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth“. Piper Verlag, München/Zürich 2002. 687 Seiten, 26,90 Euro.

Montag um 23.15 Uhr zeigt SAT1 Michael Klofts „Spiegel TV“-Reportage „Hitler und der Wagner-Clan“, u.a. mit Brigitte Hamann und Hans-Jürgen Syberberg.

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