Kultur : Was hätten wir tun können?

Wettbewerb (2): Raoul Pecks „Sometimes in April“

Christina Tilmann

Wäre er im Wettbewerb gelaufen, hätte „Hotel Rwanda“ den Goldenen Bären verdient. Nichts, was seitdem zu sehen war, war von vergleichbarer Kraft. Ein Film mit einer hochdramatischen Einzelgeschichte und mit einer klaren Botschaft: Die UN haben den Völkermord nicht verhindert. Und Paul Rusesabagina, der Oskar Schindler von Ruanda, ist ein Held. Widerstand war möglich, Rettung auch.

Leider läuft aber nicht „Hotel Rwanda“ im Wettbewerb, sondern Raoul Pecks „Sometimes in April“. Auch hier steht der Völkermord im Zentrum, zum Teil decken sich sogar die Schauplätze: Das Hotel Mille Collines, in dem Paul Rusesabagina mehr als 1200 Menschen vor dem Massenmord bewahrt hat, ist auch in „Sometimes in April“ ein Zufluchtsort. Und der Hutu-Radiosender RTML, der wochenlang gezielt zum Mord aufrief, spielt eine wichtige Rolle. „Sometimes in April“ kreist um die Geschichte zweier Brüder: der eine, Augustin, ein mit einer Tutsi verheirateter Soldat, der seine ganze Familie verliert; der andere, Honoré, Journalist bei RTML und 2004 vor dem Internationalen Gerichtshof in Tansania angeklagt.

Und doch macht „Sometimes in April“ so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Beginnt mit langen historischen Textblöcken über die Geschichte der Hutu und Tutsi. Lässt Streichorchester und Requiem-Chöre erklingen. Versucht, chronologisch die ganze Geschichte des Massenmordens zu erzählen und verheddert sich in der Vielzahl der Erzählstränge. Bleibt bei der Anklage gegen die UN und vor allem die USA, die sich nicht dazu durchringen können, das Geschehen als „Genozid“ zu klassifizieren, seltsam vage und zahm. Und verschenkt die Chance, die Gräueltaten aus der Perspektive der Überlebenden zehn Jahre später zu reflektieren.

Vor allem aber scheut Raoul Peck sich nicht, das Grauen opulent zu bebildern. Schon Lajos Koltais „Fateless“ nach Imre Kertész’ Roman hatte damit zu kämpfen, wie man Massenmord zeigen kann, und hat sich in eine grau eingefärbte Ästhetisierung gerettet – selbst tote Körper können schön aussehen. Peck dagegen zeigt Leichenfelder, Körperteile, Wagen voller Toter, ungeniert, ja schamlos – und erreicht doch keinen Schrecken, sondern Gleichgültigkeit. Noch einmal, zum Vergleich: In „Hotel Rwanda“ ist Paul Rusesabagina unterwegs in nebliger Frühe, um Nahrung für seine Schützlinge einzukaufen. Der Wagen holpert komisch auf der Straße, Paul steigt aus und sieht, die Straße ist voller Leichen. Ihm bleibt nichts übrig, als über sie hinwegzufahren. Wenn alles vergessen ist von der Berlinale – diese Szene vergisst man nicht.

Heute, 12 und 20.30 Uhr, Sonntag, 15Uhr (jeweils in der Urania)

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