Kultur : Was heißt hier Liebe?

Die Entdeckung der Zärtlichkeit: René Polleschs „Soylent Green“ im Prater der Berliner Volksbühne

Rüdiger Schaper

Gewohnheit hat auch ihre Reize – das warme Nest, die blind-vertrauten Rituale. Dazu gehört die Erfahrung, dass es anderswo nicht wirklich schöner und aufregender ist. René Pollesch kehrt nach dem Seitensprung auf die große Volksbühne („Escape from New York“) ins Prater-Heim zurück. Wir sitzen wieder, wie schon in der gesamten vorigen Saison, auf ausgeleierten Bürostühlen in Bert Neumanns Einheits-Puppenbühnen- Bild und lassen uns vollquatschen von sexwütigen Androiden, die sich Spielfilme erzählen und immerzu ficken sagen müssen.

Ob’s schön ist oder obszön oder beides, spielt keine Rolle. Denn dieses Theater ist vor allem: konsequent. Und intelligent. Mit kurzer Verfallszeit: Kaum ein anderer Theaterkünstler stellt sein Talent derart ungeschützt aus; Scheitern stets inbegriffen. Pollesch genießt Kultstatus, und irgendwann fordert die Hyperventilation ihren Preis.

Die Pollesch-Perfomances erinnern seltsamerweise an die klassische französische Dramatik eines Corneille oder Racine: Sie handeln von etwas, sie erzählen keine eigene Geschichte. Es sind Diskurse: Das Theater pumpt sich auf mit Pop–Musik und hechelt Kino-Mythen durch, es feiert sich orgiastisch als sekundäres Medium. Pollesch macht aus der Not eine Jugend. Schon zwei, drei Spielzeiten hält sich das Pollesch-Prinzip, was in diesen Zeiten an Unsterblichkeit grenzt.

So dachten wir. Jetzt verfüttert der Regisseur und Autor an seine Protagonisten einen Filmstoff, der die Organe angreift. Richard Fleischers „Soylent Green“ von 1973 entwickelt eine kannibalistische Vision: Weil im Jahr 2022 (so weit ist das auch nicht mehr entfernt) die natürlichen Ressourcen ausgegangen sind, praktiziert der Staat im großen Stil Euthanasie an alten Menschen – und die kehren als grüne Häppchen in den Nahrungskreislauf zurück. Ähnlich wie in der berühmten Satire von Jonathan Swift, der vorschlug, die hungernde Unterschicht möge doch ihren zahlreichen Nachwuchs verspeisen.

Doch der „grüne“ Science-Fiction-Film liefert hier bloß eine kaum noch erkennbare Hintergrundsfolie. Mit der Menschenfresser-Tragödie von Hessen hat Polleschs „Soylent Green ist Menschenfleisch, sagt es allen weiter“ vielleicht insoweit etwas zu schaffen, als Polleschs fünf Sprecher-Darsteller sich anderthalb Stunden lang gegenseitig zum absoluten Lust-Objekt erhöhen. Ich erniedrige mich, ich werf’ mich weg, also bin ich. René Pollesch weiß freilich auch: Die besten Pornos entstehen im Kopf.

All dies ist im Prater-Theater nicht wirklich neu. Irritierend, überraschend ist der Ton: Die Pollesch-Family flüstert. Typische Pollesch-Sentenzen wie „Schön, dass in Pornos die Scheißliebe ein ungeklärter Begriff ist“, „Transzendenz kommt durch Geld in die Welt“ oder „Super, dass wir uns hier so total unkünstlerisch aussprechen“ usw. hören wir ungewohnt ruhig, langsam, ja nachdenklich. Und die meiste Zeit hält sich das infernalische Quintett hinter Vorhängen verborgen. Wir sehen: intime Kamerabilder, die über Körper und Gesichter streichen, die die Unschärfe der unmittelbaren Nähe auskosten, während die drei Frauen und die zwei Männer über die Herstellung von Pornofilmen philosophieren.

Pollesch, das unbekannte Wesen. Tiefe Melancholie, ja Traurigkeit scheint ihn befallen zu haben. Vorbei ist es mit der aufgekratzten Hysterie, der lustvollen Wortschleuderei, der animierenden Sprechoper. Es ist ein Bild rührender Entsagung, wie das alte Schlachtross Volker Spengler den jungen Gordon Murphy Kirchmeyer in den Arm nimmt. Wie Catrin Striebeck, Inga Busch und Christine Groß sich aneinander kuscheln. Verbaler Sex, das sowieso. Aber plötzlich so soft, so harmoniebedürftig, so zart!

Zum Soundtrack gehören David Bowie, Robbie Williams und immer wieder der säuselnde Cat Stevens – und Morricones „Spiel mir das Lied vom Tod“. Aber der alte Western-Heuler klingt nicht ironisch, sondern tatsächlich wie ein memento mori. Ach, und ganz still und ernst sprechen sie hier von Liebe, als wär’s ein neues Pollesch-Wort.

So feinfühlig, so still kann es nicht zu Ende gehen. Irgendwann verlassen die Testpersonen ihre Video-Höhle: die drei Weiber auf der Couch, völlig durchgedreht. Doch auch dies besinnungslose Gekreische und wütende Gezappel wirkt eher wie ein Akt der Selbstzerstörung denn als Rückgriff auf bewährte Mittel. Es ist auch schnell vorüber. Und dann legen sie den dicken Spengler zum Sterben hin, der Abspann von „Soylent Green“ flimmert in Zeitlupe über die Wände, und Spengler grunzt mit Grabesstimme „Marmor, Stein und Eisen bricht“ und reißt noch ein paar lahme Zoten.

Abspann: Pollesch will heraus aus dem Gefängnis seiner rasanten Erfolge. Pollesch wird poetisch. Die Kopulation frisst ihre Kinder. Er hat uns die Welt erklärt – die Welt des schrankenlosen Kapitalismus, der wirkungslosen Drogen, der splendiden Automatisierung, der Ich-AG’s. Dabei haben wir uns bestens unterhalten. Und jetzt? Sitzen wir ratlos zwischen allen kalten Stühlen.

Wieder am 12., 13. und 20. Januar

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