Kultur : Was ich dir sagen will, sagt mein Klavier

ROCK

Es hätte das Ende der Volksbühne sein können. Tausende Marilyn Manson -Fans hätten das Theater stürmen und Kleinholz draus machen können. Stattdessen standen nur ein paar schwarze Grufti-Gestalten am Freitagabend vor der Tür und warteten zusammen mit 450 geladenen Gästen friedlich auf Einlass. Ein „Evening with Marilyn Manson“ war angekündigt. Mit dem 34-jährigen Skandal-Rocker aus den USA, dem nachgesagt wird, er missbrauche Fans auf der Bühne, uriniere ins Publikum und lauter solche schrecklichen Dinge.

Manson ist aus drei Gründen bis heute in der Stadt: Er wirbt für sein neues Album „The Golden Age of Grotesque“, wollte auf der Bühne seine Sicht der Dinge darstellen (so formulierte die Plattenfirma) und seine Aquarelle zeigen. So richtig gelang ihm nichts davon. Die Aquarelle, Bilder von dürren Menschen, aufgerissenen Münder, ein bisschen was Pornografisches und ein bisschen Systemkritik, kommentierte Manson für die Kamera seiner Plattenfirma Universal, die das Material bei MTV senden will. Als Trost für die, die nichts verstanden haben. Für Universal stellt er sich auch vor eine Pappwand mit Reklame für den Suspense-Kanal „13th Street“ und sagt „Merry Christmas“ ins Mikro. Seltsames Betragen für einen Mann, der flammende Plädoyers gegen Kommerzialisierung, gegen sinnlosen Konsumzwang von Jugendlichen und gegen die Verlogenheit der Entertainmentbranche hält.

An diesem Abend in der Volksbühne war vieles seltsam: Marilyn Manson trug rot, und seine Fans riefen während und nach der Show „langweilig, langweilig“. Die Präsentation der neuen Platte beschränkte sich größtenteils darauf, dass sie abgespielt wurde. Brüllend laut krachte der brachiale Sound auf die Zuschauer nieder, die erst artig sitzen blieben, später zappelig wurden und herumliefen. Nach fünf oder sechs Liedern ging der Vorhang auf und ein Pinup-Girl legt einen Striptease hin, der mit einem Bad in einem überdimensionalen Cocktailglas endet. Sollte das der Startschuss für die außergewöhnliche Performance sein?, barmte man in seinem Sitz. Nö. Der Vorhang ging wieder zu, die Musik wieder an.

Diejenigen, die die wummernde Musik mögen, wackelten weiter mit den Köpfen. Oder wartet etwa Marilyn Manson hinterm Vorhang, dass wir was tun? Was Außergewöhnliches? Bänke aus den Verankerungen reißen, zum Beispiel. Der Mann ist doch intelligent. Das hat er doch gezeigt bei „Bowling for Columbine“, dem Dokumentarfilm über das Littleton-Massaker. Da hat er schlaue Sachen gesagt über die Zustände in Amerika. Was will er uns mit dieser Performance sagen?

Irgendwann geht der Vorhang wieder auf. Manson, nun in Schwarz, singt drei Lieder, zwei nackte Frauen spielen Klavier. Dann geht das Licht an. Marilyn Manson bedankt sich beim Publikum. Auch eine Art, Konsum zu verhindern. Ariane Bemmer

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