Kultur : Was ich dir sagen will, sagt mein Klavier

Comedy-Blues: Der Schauspieler Stefan Jürgens startet eine Zweitkarriere als Sänger

Steffen Kraft

Früher hat er Verbrecher verhaftet, jetzt jagt er Hörer. Stefan Jürgens wechselt oft das Fach: Er hat in Bochum, Dortmund und Berlin Theater gespielt, hat die RTL-Comedy-Show „Samstag Nacht“ mitgegründet und den Berliner „Tatort“-Kommissar Robert Hellmann verkörpert. Als der SFB seine Gage nach sechs Folgen nicht erhöhen wollte, stieg er aus und setzte sich ans Klavier. Ben Becker, Manfred Krug oder Dominique Horwitz – viele Schauspieler machen nebenher Musik. Doch Jürgens will sich unterscheiden. Sein vor einem Jahr erschienene Debütalbum hieß „Alles anders“, damals wollte er wirklich alles anders machen – zum Beispiel weniger Quatsch, weil „im Leben eben nicht alles nur komisch ist“, wie er heute sagt. Doch trotz der „Tatort“-Episode sehen viele Fans in ihm weiter nur den TV-Spaßvogel.

Und so macht Jürgens auf der Bühne nur manches anders als zuvor: Zwischen den Songs erzählt er Witze über die Funktion von Frauenzeitschriften als Ratgeber für Männer oder ISDN-Anschlüsse auf dem Klo. Er setzt auf „lebensrettende Pointen über das, was täglich schief läuft“. Dem von ihm erfundenen neuen Komik-Subgenre hat er sogar einen eigenen Titel gegeben: „Comedy-Blues“ . Die Songs seiner neuen CD „Langstreckenläufer“ (F.A.M.E. Recordings) klingen allerdings keineswegs nach Comedy - die fügt der 40-jährige Entertainer erst in den Zwischenmoderationen bei seinen Live-Auftritten hinzu. Und mit dem Blues ist das so eine Sache, die Lieder klingen eher wie eine schwermütige Version des Konsens-Deutschpops von „Pur“ oder Maffay.

Keyboard-Teppiche legen sich beruhigend um sanfte Gitarren, das Schlagzeug rumpelt gedämpft. Am Flügel: Stefan Jürgens. Mit 12, als ihn seine Eltern gegen seinen Willen zum Klavierunterricht zerrten, hatte er aus Trotz immer erst 15 Minuten vor Beginn der Stunde zu üben begonnen. „Erst in der Pubertät habe ich das Klavier als Ventil für meine Gefühle entdeckt“, sagt er. Mit 16 begann er mit dem Komponieren.

Ein Vierteljahrhundert später: Als Jürgens bei einer Geburtstagsparty ein paar seiner Lieder auf dem Klavier spielt, ist der Musikproduzent und Schlagzeuger Curt Cress begeistert. „Lass uns zusammen Musik machen“, sagt er – und Jürgens Zweitkarriere nimmt ihren Anfang. " Eine Woche llang arbeiten sie im Studio von Cress an zwei Probesongs. Doch Jürgens zögert lange, bevor er sich zur Veröffentlichung einer CD entschließt. Auch, weil er in seinen Texten seine Intimsphäre preisgibt: „Ich erfinde keine Geschichten. Ich benutze meine Erlebnisse als Rohmaterial. Darüber singe ich.“ Am Ende drängt ihn ins Studio, was ihn schon seit seiner Kindheit immer wieder ans Klavier getrieben hatte: die Schwermut, der Überdruss an fremden Rollen, fremden Texten, die Suche nach einem Kontrastprogramm.

Die Texte von „Langstreckenläufer“ zeigen einen Melancholiker mit Hang zum Schlager. Da wird aus Sushi „roher Fisch zum Abendmahl“, aus einem Herz baut der Sänger gar „ein Rettungsboot im Meer der Tränen“. In einer Trennungs-Ballade singt er: „Der Morgen ist klar / und ohne Schmerz. / Die Explosion im Herz / lässt nichts zurück.“ Jürgens versichert: „Das ist sehr ernst gemeint. Wenn es dem Moment entspricht, über den ich singe, habe ich kein Problem mit so einem Reim.“ Zuweilen glücken Jürgens anrührende Verse: „Ich will die Träume in den Koffern lassen / und dich mit offenen Augen sehen.“ Was klingt, als wolle hier jemand desillusioniert einpacken, entpuppt sich bei genauem Hinhören als Liebessehnsucht eines Reisenden.

Stefan Jürgens tritt am 3. und 4. Oktober im Tränenpalast auf, jeweils um 20.30 Uhr.

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