Kultur : Was ich noch zu singen hätte

Panorama (1): Mit „Beyond the Sea“ setzt Kevin Spacey dem Popsänger Bobby Darin ein Denkmal

Christian Schröder

Der Sänger Bobby Darin gehört nicht unbedingt zu den Unsterblichen der Popgeschichte. Sein größter Hit heißt „Splish Splash“, eine Rock’n’Roll-Nummer, die schon zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung – 1958 – eher harmlos als rebellisch klang. Der Song handelt von einer Party in einem Badezimmer, den Text schrieb Darin angeblich in zwanzig Minuten: „I was a splishin’ and a splashin’ / I was a rollin’ and a strollin’ / Yeah, I was a movin’ and a groovin’, woo!“ Darin war ein paar Jahre lang ein Teenie-Idol, er drehte einige mittelmäßige Filme und verschwand dann in der Versenkung. Bevor er 1973 starb, gelang ihm noch einmal ein Comeback als Folksänger. Exzesse kamen in seinem Leben nicht vor, Darin entstammt einer Epoche, in der Entertainer noch mit Krawatte und ordentlich gescheitelten Haaren ans Mikrofon traten. Als Kinoheld des Jahres 2005 erscheint er denkbar ungeeignet.

Doch genau das ist Bobby Darin nun geworden: der Held eines aufwändig inszenierten Film-Musicals. Zu verdanken hat der Sänger diesen Nachruhm seinem prominentesten Fan: Kevin Spacey. Der Schauspieler wuchs mit Darins Musik auf, er schrieb mit Ko-Autor Lewis Colick ein Drehbuch über dessen Leben und kämpfte über zehn Jahre für die Finanzierung des Projekts. Zu Stande gekommen ist die Produktion schließlich mit deutschen Fördergeldern, weite Teile von „Beyond the Sea“ – der Titel zitiert einen anderen Darin-Hit – entstanden in Potsdam. Spacey übernahm nicht nur die Regie, sondern auch die Hauptrolle. Dabei ist er inzwischen acht Jahre älter, als es der Sänger zum Zeitpunkt seines Todes war. Ein Dilemma, aus dem sich Spacey rettet, indem er ironisch darauf anspielt. Eine Film-im-Film-Situation bildet die Rahmenhandlung, Darin dreht einen Film über sein Leben. „Ist er nicht zu alt für diese Rolle?“, fragt ein Journalist. Und Darins Manager antwortet: „Nein, er wurde geboren, um diese Rolle zu spielen.“

Filme, die von berühmten Menschen handeln, scheitern oft daran, dass sie vor ihrem Gegenstand in Ehrfurcht erstarren. Spacey setzt Darin ein Denkmal, aber er tut das mit einem Augenzwinkern. „Beyond the Sea“ schwelgt in Nostalgie, er rekonstruiert eine Zeit, die ihre Verklemmtheit mit bonbonfarbenen Petticoats und grellbunten Zweireihern tarnte. In einer hinreißenden Tanzszene muss der Schlosspark von Sanssouci als imaginäres Italien herhalten. Darin steht für einen Film in Rom vor der Kamera und lernt dabei seine künftige Ehefrau Sandra Dee (Kate Bosworth) kennen. Das Zweitschönste an der Szene ist der schreiend gelbe Anzug, den Spacey trägt, das Schönste die absurde Choreographie vor einem Springbrunnen.

Für Darin, so sieht es Spacey, war die Musik ein Fluchtmittel. Mit sieben Jahren erkrankt er an einem Herzleiden, die Ärzte prophezeien, dass er nicht alt werden wird. Seine Mutter, eine ehemalige Vaudeville-Sängerin (Greta Scacchi), kauft ein Klavier und gibt ihm Gesangsunterricht. Bald tritt Bobby in Nachtclubs auf, nach einer langen Ochsentour schafft er den Sprung aus der Bronx in den legendären Showbizz-Tempel „Copacabana“ in Las Vegas. In den Sechzigerjahren folgt der Absturz, niemand will noch seine Musik hören. Als Darin erfährt, dass die Frau, die er für seine Schwester hielt, in Wirklichkeit seine Mutter ist, gerät er in eine Identitätskrise. Er zertrümmert seine Goldenen Schallplatten, zieht in ein Wohnmobil an der Küste und versucht einen Neuanfang, mit Protestsongs zur Lagerfeuergitarre.

Kevin Spacey, das ist die größte Überraschung des Films, kann singen. Sein samtiger Bariton erinnert mitunter an Dean Martin. Der Film endet mit einer Einblendung: „Bobby Darin is still swinging.“ Also doch: ein Unsterblicher.

Heute, 21.30 Uhr (Zoo Palast 1); morgen 13.30 Uhr (Cinemaxx 7); 20.2., 14.30 Uhr (International)

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