Kultur : Was ich weiß - Ilse Aichinger über Eich

Aus dem Eröffnungsgruß der Eich-Witwe I

"Zu spät für Auslegungen und auch nicht im Sinn Günter Eichs. Aber dieser Satz bezeichnet ihn. Wo holt sich einer, der sich so definiert, sein Wissen, und vor allem: wie entgeht er ihm wieder? Eins nach dem andern, hört man. Aber wird diese Erklärung auch den Überfällen der Existenz gerecht, den Überfällen von Licht, Stimmen, Zärtlichkeiten, Belehrungen, denen man ausgesetzt ist? In seiner Generation hielten sich Belehrungen sicher in Grenzen, und die Sorgen in seinem Umfeld waren zu groß, um vielem anderen Raum zu lassen.

So wuchs das Wissen. Später fand er Meyers Lexikon im Schrank und holte sich zwischen Schöneberg und Sternbedeckung soviel von dem, was er vorerst wissen wollte; dass ihm zwischen Nordpol und Politesse nichts mehr zu suchen blieb. Die Schule hasste er und nahm sich an einem Wintermorgen im kalten Hausflur vor, diesen Augenblick nicht zu vergessen. Ein mittleres Elend, aber das machte es nicht besser.

Aber er erzählte wenig. Auch was er seinen Kindern berichtete - von seiner frühen Zeit, von seinen Reisen, sollte sie nicht unsicher machen. Möglicherweise hörten sie diesen Erzählungen deshalb umso lieber zu, weil er nicht von ihnen verlangte, ihm zu glauben. Im Sinn der Gedichtzeile: "Alle wissen, dass Mexiko ein erfundenes Land ist." So kommt das Wissen wieder ins Spiel. Und die Möglichkeit, ihm zu entgehen.Aus dem Eröffnungsgruß der Eich-Witwe Ilse Aichinger (gekürzte Fassung).

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