"Was ihr wollt" im Deutschen Theater : Odyssee und Weltknall

Shakespeares "Was ihr wollt" ist eine überschäumende Komödie voller Verwechslungen und Geschlechterverwirrung. Stefan Pucher macht daraus am Deutschen Theater eine Knallnummer mit Dirty Talk im Leoparden-Look und restpromilleverlangsamten Kalauern..

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Hat sich immer etwas zu sagen. Katharina Marie Schubert als Viola.
Hat sich immer etwas zu sagen. Katharina Marie Schubert als Viola.Foto: DAVIDS/Ecken

Das dürften gestern Abend mindestens drei Gläser zu viel gewesen sein: Orsino, der Herzog von Illyrien, erscheint zum Auftakt-Monolog im Berliner Deutschen Theater schwer verkatert. Den halbseidenen Morgenmantel nachlässig über die Boxershorts geworfen, steht er an der Rampe und verzehrt sich nach der Gräfin Olivia, die ihn leider kein bisschen zurückliebt. Und wie sich der zerrupfte Herzog so hineinredet in die vielfältigen Zumutungen des Daseins – vergrübelt, restpromilleverlangsamt und auf eine sympathische Art autistisch –, wird man den Verdacht nicht los, dass ihm die nächste Flasche Whiskey eigentlich viel lieber wäre als die hartherzige Gräfin.

Andreas Döhler setzt hier als versumpfter Blaublüter zweifellos neue Maßstäbe in puncto Morbiditätsdarstellung: Ein starkes Intro zu Stefan Puchers Shakespeare-Inszenierung „Was ihr wollt“. Nur leider besteigt Orsino dann erst mal ein vorsintflutliches U-Boot und entschwebt in Richtung Off – während es an der Rampe überaus bodenständig weitergeht. Da stöckelt nämlich Olivias Kammermädchen Maria (Anita Vulesica) im prolligen Leoparden-Look einher und nervt mit spätpubertären Kalendersprüchen. „Gut geduscht ist halb gevögelt“, ruft sie ihren Begleitern Sir Toby (Christoph Franken) und Sir Andrew (Bernd Moss) zu, die kostümtechnisch mindestens drei Jahrhunderte früher dran sind und als debile Pumphosenspießer offenbar den Regieauftrag bekommen haben, abendfüllend so zu gucken, als wüssten sie nicht, was „vögeln“ bedeutet.

Das Ganze wird nicht besser, wenn Olivias Haushofmeister Malvolio später derart „zum Vollpfosten“ gemacht wird, „dass sich die Balken biegen“. Oder wenn sich jemand ausmalt, wie ein anderer sich „tief vor seinen Eiern“ verneigen wird und ein Kollege aus den hinteren Reihen dazu „Bodenhaltung“ kräht. Die von Jens Roselt erstellte und vom Regisseur selbst nachbearbeitete Neuübersetzung hat nicht nur die Tiefendimension und den Sprachwitz einer Vorabendserie, sondern ist in ihrem krampfhaften Bemühen um dirty talk von geradezu deprimierender Spießigkeit. Man kann der weisen Margit Bendokat nur beipflichten, wenn sie als übellauniger Narr Feste an die Rampe tritt und wie eine Ohrfeige den Satz abfeuert: „Humor, wenn es dich wirklich gibt, bring mich in Stimmung!“

Leider wird Bendokat – typisches Narrenschicksal – nicht oft erhört an diesem zweistündigen Abend. Pucher fährt zwar lauter opulente Theatermittel auf für Shakespeares Verwechslungskomödie, in der sich die schiffbrüchige Viola beherzt in Männerklamotten wirft: Verkleidet als Diener Cesario, beginnt sie für den schwermütigen Herzog Orsino Liebesbotengänge zu erledigen und richtet dabei mittelschwere sexuelle Identitätskrisen und Begehrensverwirrungen an.

Im Deutschen Theater flimmern nun wegen des anfänglichen Schiffbruchs abendfüllend elegische Unterwasserszenarien des Videokünstlers Chris Kondek über die hintere Bühnenwand. Gelegentlich ist auch mal ein thematisch mehr oder weniger passendes Gemälde dabei oder das Konterfei des gefesselten und geknebelten Wolfram Koch. Der macht – rarer Lichtblick – aus seiner Rolle als aufstiegswilliger Haushofmeister Malvolio die lustig-böse Charakterstudie eines klemmigen Underdogs. Hätten die Kollegen diesen schmierigen Uniformträger nicht irgendwann via Fesselung aus dem Verkehr gezogen, wäre die vollständige Radikalisierung vom servilen Arbeitnehmer zum höfischen Amokläufer garantiert geglückt – und der Abend wenigstens zu einem Ergebnis gekommen, wenn auch nicht zu einem textgetreuen.

So hingegen bleibt die Frage, was Stefan Pucher uns mit seiner Shakespeare-Inszenierung eigentlich erzählen will, sperrangelweit offen. Mal werden auf Barbara Ehnes’ Bühne Jules-Verne-artige Unterwassergefährte hin und her bewegt. Dann wieder kommt ein weißer Kasten mit dem cleanen Charme eines Versicherungsbüros vom Schnürboden gefahren. Hier hält Susanne Wolff als offensive Gräfin Olivia Hof, die sich mit ihrem floral-ausgreifenden Kostüm wiederum direkt aus dem Reifrockzeitalter ins richtungslose Geschehen gebeamt zu haben scheint. Indes spaziert Katharina Marie Schubert als Viola/Cesario in ihrem zeitlos-kurzhosigen Zweiteiler vornehmlich über eine Art Drehbühnen-Kai und tritt wiederholt mit sich selbst in Dialog: Immer wieder wirft sie sich in stereotype Männerposen, die sie sogleich mit Weiblichkeitsklischees auskontert und umgekehrt.

Aha: Das Geschlecht hat irgendwie auch mit sozialen Konstrukten zu tun, die Differenzen zwischen Schein und Sein sind echt komplex, und das Sein hängt im Zweifelsfall ein Stück weit vom Bewusstsein ab – oder umgekehrt. Auch soll der eine oder andere defizitäre Sachverhalt aus dem Reifrockzeitalter tatsächlich noch im Versicherungsbürotrakt des 21. Jahrhunderts unaufgearbeitet vor sich hin modern. Darauf einen Whiskey! Gern auch einen zu viel!

Wieder am 6. und 14. März, 20 Uhr

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