Kultur : Was in der Luft liegt

Mit versteckter Kamera: die Berliner Filmreihe „Vor dem Sturm“

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Gegenschuss. Yousra El Louzy spielt im ägyptischen Film „Microphone“ die Studentin Salma. Sie will in Alexandria die Arbeit der Undergroundbands dokumentieren – und bekommt Ärger mit den Behörden. Fotos: Goethe-Institut
Gegenschuss. Yousra El Louzy spielt im ägyptischen Film „Microphone“ die Studentin Salma. Sie will in Alexandria die Arbeit der...

Der Taxifahrer ist entsetzt: „Nach Downtown wollen Sie? Aber das geht heute nicht. Es sind Demonstrationen, viel zu gefährlich.“ Noch entsetzter ist er, als sein Fahrgast beteuert, eben zu den Demos wolle er ja. Später wird er in ihm einen Lehrer seiner Tochter wiedererkennen.

Kairo 2008, drei Jahre, bevor mit den Großdemonstrationen auf dem TahrirPlatz die ganze Welt auf Ägypten aufmerksam wird. Vier Spielfilme sowie zwei Kurzfilmprogramme, die das Goethe-Institut im Berliner Arsenal-Kino ab Freitag in der Reihe „Vor dem Sturm“ zeigt, beweisen: Da lag längst etwas in der Luft. Die Revolutionen, die in diesem Frühjahr die arabische Welt verändert haben, kamen nicht überraschend. Und noch sind sie längst nicht gewonnen.

Zum Beispiel „Microphone“, ein Spielfilm von Ahmad Abdalla von 2010. Khaled kehrt aus den USA in seine Heimatstadt Alexandria zurück und bekommt Kontakt zur örtlichen Hiphop- und Graffitiszene. Der Plan: ein Konzert aller Untergrundgruppen. Der gemeinsame Feind: der Zensor der Nationalen Kulturbehörde. Ein aalglatter Typ, der auf Kumpel macht: Ich bin selbst Künstler und auf eurer Seite. Aber dann wird alles verboten: die Songtexte zu politisch, die Graffiti zeigen nackte Frauen, beim Wettbewerb um Plattenverträge gewinnen immer die gleichen. Voller Wut organisieren die Hiphopper ein Straßenkonzert, suchen Auftrittsmöglichkeiten in Cafés und Wohnungen. Immer kommt die Polizei, oder die Muslimbruderschaft beschwert sich. Am Ende sitzen alle an der Corniche, der sehnsüchtige Blick geht übers Meer.

Sie alle wollen weg, waren weg, träumen davon wegzufahren. Junge Musiker und Künstler in Alexandria, Studenten in Kairo. Am nächsten und doch unerreichbarsten ist die Ferne für die kleine Shams in Ibrahim el Batouts Kairo-Film „Ain Shams“ (2008). Das Mädchen träumt davon, aus dem ärmlichen Vorort einmal ins Zentrum, nach Downtown zu gelangen – ihr Vater, der Taxifahrer, würde dorthin nie freiwillig fahren. Doch als sie endlich einen Ausflug machen darf, geht das mit einer Tragödie einher. „Ain Shams“ ist ein kleiner Film, der vom mühsamen Alltag in Kairo erzählt und nur am Rand politisch wird, etwa wenn ein Parlamentskandidat aus dem Nobelviertel Zamalek den Bewohnern des Vororts das Blaue vom Himmel verspricht. Die kontern mit einer verzweifelten Anklage, das Wasser sei verseucht, die Lebensmittel auch, wie soll man leben in diesem Land?

Was „Ain Shams“ so außergewöhnlich macht, ist seine Entstehungsgeschichte. Nicht umsonst hat Irit Neidhardt, die mit ihrem Berliner Verleih Mec-Films auf Kino aus dem Nahen Osten spezialisiert ist, mit „Microphone,“ „Ain Shams“, „Hawi/Gaukler “ und „Heliopolis“ für die Reihe vier unabhängige ägyptische Langfilme ausgesucht. Schon während der Berlinale hatte sie gemeinsam mit dem Arsenal ein erstes Programm zusammengestellt, die Kooperation mit Ägypten soll fortgesetzt werden.

Gerade Ägypten, das über die etablierteste Filmindustrie der Region verfügt und ein explizit an Hollywood orientiertes Unterhaltungskino pflegt, erlebt in den letzten Jahren ein Erwachen des unabhängigen Films. Filme wie „Ain Shams“, die sich nicht den Regeln der Zensur und der Filmgenehmigung beugen, sondern mit Laiendarstellern auf der Straße entstehen. Und die, ein Wunder, gleichwohl regulär im Kino gelaufen sind.

Was unabhängiges Filmen bedeuten kann, erfährt man auch in „Heliopolis“. In Ahmad Abdallas Filmkaleidoskop von 2009 möchte ein Student für seine Diplomarbeit ein Porträt des legendären Kairoer Stadtteils Heliopolis drehen. Er trifft sich mit Zeitzeugen, Laden- und Cafébesitzern und dokumentiert den Zerfall der prächtigen Fassaden – bis ein Polizist ihn entdeckt und harsch zur Rede stellt: Filmen in der Öffentlichkeit und ohne Genehmigung ist verboten. Die gleiche Erfahrung macht ein Studententeam in „Microphone“, das eine Doku über die Musikszene von Alexandria drehen will und mit der Polizei in Konflikt gerät. Dabei hatten sie die Kamera auf der Straße vorsorglich in einem Schuhkarton versteckt.

Die Verbreitung von erschwinglichen Digitalkameras sieht auch der Berliner Kurator Marcel Schwierin als Grund, warum eine neue Generation von Filmemachern in den arabischen Ländern an jeder Zensur vorbei Filme drehen und im Internet verbreiten kann. Das Programm „Arab Shorts“, das Schwierin seit 2009 für das Goethe-Institut Kairo zusammenstellt, präsentiert Kurzfilme aus den arabischen Ländern, stellt sie auf einer Webseite frei zugänglich vor (www.arabshorts.net) und schickt sie in Festivals um die Welt. Syrien, Palästina, Libanon, Ägypten, Marokko, Algerien, Jordanien und die Golfregion sind vertreten. Nicht in jedem Land reicht es zu Langfilmen, aber die meisten der Kurzfilm-Regisseure träumen davon. Gleichzeitig sind mit dem beweglich-schnellen Mittel des Kurzfilms bemerkenswerte Einblicke möglich.

Das Ergebnis, das nun an zwei Abenden zu Beginn des Festivals „Vor dem Sturm“ präsentiert wird, ist so lebendig wie heterogen: eine palästinensische Reflektion über Entfernungen und ihre politische Bedeutung („We began by measuring distances“, 2009) oder eine Liebeskomödie, in welcher der Protagonist mehr für Arafat als für seine Geliebte schwärmt („Arafat & I“, 2007). Die Nahaufnahme einer ausgelassenen Hochzeitsgesellschaft in Kairo („One in a Million“, 2006), aber auch der Besuch eines ägyptischen Callcenters, in dem eine junge Frau Gespräche der Kunden belauscht – bedrückendes Porträt einer verlogenen Gesellschaft („Call Center“, 2006). Frauenrechte, Identitäten, Demonstrationen sind wiederkehrende Themen in diesen Filmen aus der Zeit unmittelbar vor dem Aufbruch in der arabischen Welt. Eine Fortsetzung der Kurzfilmreihe ist in Arbeit.

Geradezu prophetisch nimmt sich ein tunesischer Kurzfilm aus dem Jahr 2003 aus. „Abdelkrims Panzerkreuzer“ stellt Eisensteins Kultfilm nach. Junge Leute stehen vergeblich für ein Visum nach Europa an. Spontan entscheiden sie sich zur Revolution, demonstrieren vor dem Konsulat, bis sie von Männern mit Stöcken verjagt werden. Die Flucht geht über eine lange Treppe hinunter zum Hafen, Odessa lässt grüßen, auch ein Kinderwagen rollt seinen Weg, man sieht Schiffe auf dem Meer und hört schließlich die Maschinenansage einer Frauenstimme: „Willkommen bei Clando Tours auf dem Weg über Lampedusa nach Mailand. Wir wünschen eine angenehme Überfahrt.“

Arsenal, Potsdamer Str. 2, 17. – 22. Juni, Infos: www.arsenal-berlin.de. Alle Kurzfilme auch unter www.arabshorts.net

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